Colum McCann: Die grosse Welt

Colum McCann
Manchmal braucht es einige Jahrzehnte Abstand bis klar wird, dass es sich bei dieser oder jener Aktion nicht um Entertainment sondern um große Kunst handelte. Auch der Franzose Philippe Petit war seiner Zeit weit voraus, als er 1974 auf einem Drahtseil von einem Turm des gerade erst fertig gebauten World Trade Center zum anderen balancierte.
Und manchmal braucht es andere Künstler, die dies erkennen und zum Beispiel mit einem Roman wie „Die grosse Welt“ noch viel mehr Menschen von der Einmaligkeit dieser Aktion, heute würden wir es Performance nennen, überzeugen. Der Ire Colum McCann hat dieses Buch 2009 geschrieben. Und auch ohne dass die Zerstörung der Twin Towers im Jahr 2001 explizit angesprochen wird, lädt er den Balance-Akt, der verteilt über den gesamten Roman immer wieder kurz aus anderen Perspektiven geschildert wird, mit Emotionen und Bedeutung auf, dass er uns Leser als einprägsames Bild vom Lauf des Lebens für immer im Kopf bleibt.
Drumherum webt McCann ein Netz von individuellen Biographien einiger New Yorker, die direkt oder indirekt miteinander verbunden sind: Der junge irische Philanthrop Corrigan, der den Prostituierten der Bronx hilft. Sein Bruder, der sich in eine gescheiterter Künstlerin verliebt. Die Frau des Richters, die um ihren in Vietnam gefallenen Sohn trauert… Arm und reich, alt und jung – die unterschiedlichen Stimmen der Stadt bilden einen so mitreißenden Chor, dass man meint 1974 ein paar Tage bei Freunden in New York verbracht zu haben.
Wie sehr sich der Drahtseilakt von damals noch heute als Projektionsfläche eignet, hat nun auch der Regisseur Robert Zemeckis („Forrest Gump“, „Cast Away“) erkannt: Er arbeitet mit den Schauspielern Ben Kingsley, Ben Schwartz und Joseph Gordon-Levitt gerade an einer 3D-Verfilmung von Petits Memoiren „To Reach the Clouds“.  Schon der Dokumentarfilm „Man on Wire“ gewann 2009 übrigens einen Oscar.

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