Umberto Eco: Die Geschichte der legendären Länder und Städte

Umberto Eco ist Sammler und Enzyklopädist. Seine Kenntnisse in Geschichte, Philosophie, Kunst, Literatur und Politik machen einige seiner Romane zuweilen etwas langatmig, die Sachbücher aber zu unglaublich dichten Wissensspeichern und Nachschlagewerken. Mit „Die Geschichte der legendären Länder und Städte“ erscheint nun zwar nicht das erste Kompendium, das sich dem Thema fiktiver Orte widmet, aber aufgrund des Autors weiten Horizont ein mit besonders vielen Fakten und Quellen angereicherter Überblick. Dabei unterscheidet Eco zwischen rein fiktiven Orten, wie sie zum Beispiel allein in Romanen auftauchen (etwa Leopold Blooms Haus in Dublin) und Orten, an deren Existenz man tatsächlich glaubte (und zum Teil bis heute glaubt).
Eco ist also vor allem menschlichen Irrtümern auf der Spur: Von der Welt als Scheibe, zu den Wundern des Orients, über die Glückseligen Inseln, zum Schlaraffenland oder ins Erdinnere – in fünfzehn Kapitel reisen wir durch Geschichte und Religionen, Kontinente und Epochen. Der Erzähler hält sich zum Glück immer sachlich an die Quellen, welche am Kapitelende ausführlich zitiert werden. Nur im Falle der modernen „Erfindung von Rennes-Le-Chateâu“ räumt er deutlich mit Mythen über den Heiligen Gral auf, wie sie u.a. auch Dan Brown in seinen Bestsellern weiterverbreitete.
Die unzähligen, teilweise langen Zitate aus den Originalen machen große Lust, sich selbst auf die Suche nach den legendären Orten zu begeben, zum Beispiel noch einmal mit Kapitän Nemo nach Atlantis zu tauchen oder mit Marco Polo den Wundern der Welt nachzugehen. Neben einigen bekannten Orten stellt Eco aber auch viele Legenden vor, die heute in Vergessenheit geraten sind. Besonders beeindruckend sind Geschichten über Bewohner solch legendärer Orte; der einfüßige Skiapode beispielsweise kann blitzschnell laufen und schützt sich liegend mit seinem riesigen Fuß vor der Sonne.
Es sind vor allem die vielen prächtigen Abbildungen, die das Buch zu einem echten Augenschmaus machen und gleichzeitig weit mehr leisten, als einfach „nur“ den Text zu illustrieren. Die aufwendig recherchierten Gemälde, Buchmalereien, Druckgrafiken, Skulpturen und Fotografien zeigen den riesigen Kosmos legendärer Orte. Denn jeder Künstler hält in seinem Werk ja immer auch eine ganz eigene Idee, einen eigenen Traum fest, der sich oft von den Textquellen unterscheidet. Somit kann es hin und wieder auch passieren, dass der Zusammenhang zwischen Abbildung und Text (zum Beispiel Piet Mondrians Triptychon „Die Evolution“ im Kapitel zu Atlantis) nicht so leicht zu entschlüsseln ist.
Im letzten Kapitel widmet sich Eco dann den legendären literarischen Stätten und ihren wahren Hintergründen. Natürlich können da nur wenige Beispiele vorgestellt werden. Aber von Rabelais, Dracula, Sindbad, Philip K. Dick, Borges, Calvino bis hin zu Tim und Struppi versammelt er auch hier einige phantasievolle Leckerbissen. Schließlich spricht es sehr für Eco und sein Buch, dass er nicht zwischen Unterhaltungs- und Ernster Literatur unterscheidet, sondern auch moderne Massenphänomene wie Film und Comic einbezieht. Vielleicht hat er auch deshalb bei diesem kleinen sympathischen Video mitgemacht, in dem er selbst durch einige legendäre Landschaften wandert.

Das Beste zum Schluss! Wir verlosen ein brandneues Exemplar dieses prachtvollen Buches unter allen Kommentatoren dieses Eintrags, die bis zum Ende des 6. Dezember 2013 kurz kommentieren, welches ihr Lieblingsbuch von Umberto Eco ist und warum. (Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.)
Nachtrag vom 7. Dezember: Rolf darf sich über das Buch freuen! Allen anderen: Es gibt bald wieder etwas zu gewinnen.

Umberto Eco
„Die Geschichte der legendären Länder und Städte“
Hanser Verlag
Seiten: 480
ISBN: 978-3-446-24382-8
Preis: 39,90 €

4 Kommentare

  1. „Der Name der Rose“. Weil es ein spannender Sherlock-Holmes-Krimi 🙂 ist aus der Sicht von Watson, äh, Adson und weil es darin so viel zu entdecken gibt, von den Wurzeln der modernen Staatsphilosophie über die Theorie von Drama und Komödie bis hin zu einer lebendigen Darstellung des Mittelalters mit all seinen Fremdheiten.

  2. „Das Foucaultsche Pendel“ – da es mich wohl mein Leben lang begleiten wird, weil ich es immer noch nicht verstanden habe, es aber immer wieder versuchen werde. 🙂

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