Unter vier Augen. Sprachen des Porträts

Unter vier Augen
Unter den Kunstgattungen ist es gerade das Porträt, das mit uns Betrachtern direkt eine Verbindung aufnimmt, auch wenn uns der oder die Porträtierte einmal nicht direkt in die Augen schaut. So ist die Idee der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe besonders naheliegend, 50 Porträts ihrer umfangreichen Gemäldesammlung, ganz unterschiedlichen Autorinnen und Autoren vorzulegen und ganz individuelle Kurztexte anzufordern: Ein Gesicht, ein Ausdruck, ein Hut oder eine Frisur inspiriert jeden guten Schriftsteller zu einer Geschichte, egal ob sie wahr ist oder nicht.
Und so macht gerade die abwechslungsreiche und unterhaltsame Mischung der besprochenen Werke, der Autoren und der Textformen, das kleinformatige aber dicke Buch zu viel mehr als zu einem klassischen Ausstellungskatalog. (Die Ausstellung wurde übrigens gerade bis zum 3. November verlängert.)
Die Kunstwerke: Chronologisch geht es los mit einem anonymen Gelehrtenbildnis aus dem 15. Jahrhundert über Werke von Cranach, Rembrandt, Rubens, Mengs und endet mit Scholz, Dix und Gertsch. Etliche unbekanntere Künstler sind auch dabei. (Im Online-Katalog des Museums kann man übrigens alle Werke noch einmal nachschlagen.)
Die Autoren: Neben Kuratoren aus Karslruhe sind Kunsthistoriker wie Werner Busch, Hans Belting oder Valeska von Rosen vertreten. Die Schriftsteller Michael Kumpfmüller, Eva Menasse, Martin Walser, Herta Müller, Ursula Krechel und der Philosoph Peter Sloterdijk haben auch mitgemacht.
Die Texte: Von ganz unterschiedlicher Qualität sind die Ergebnisse dieser Dialoge. Gewohnt präzise und erhellend deutet Werner Busch ein Gemälde aus der Zeit der Aufklärung. Juli Zeh lässt sich durch Dix‘ Bild einer Schwangeren zu einer düsteren Kurzgeschichte inspirieren. Eva Menasse musste beim Dreier-Poträt von Anton Graff sofort an Tschechows Schwestern denken und kommt dem Gemälde duch genaues Hinsehen unglaublich nah. Natürlich ist nicht jeder Beitrag gelungen aber das lässt den nächsten nur umso stärker strahlen.
Im Blog des Verlags erzählen der Kunsthistoriker Ernst Seidl und die Krimi-Autorin Zoë Beck, warum sie sich gerade für Porträts von Tissot und Kanoldt entschieden haben. Die Aussage Seidls, dass es äußerliche Ähnlichkeiten zwischen Autor und besprochenem Werk gebe, kann jeder anhand des Anhangs, in dem Fotos (und Kurzbiographien) aller Autoren abgedruckt sind, leicht überprüfen. (Mir scheint, da ist tatsächlich etwas Wahres dran!)
Auch wenn Kunstwerke aus der Berliner Gemäldegalerie („Galerie der Namenlosen“) oder der Hamburger Kunsthalle aktuell ebenfalls von Schriftstellern in Essays und Kurzgeschichten vorgestellt werden, so sticht das Karlsruher Projekt durch die Vielfalt der Autoren und den handlichen Katalog mit guten Abbildungen besonders hervor. „Unter vier Augen“ ist ein liebevoll gemachtes Kunst-Lesebuch, welches man noch in einigen Jahren gern zur Hand nehmen und bei dem ein oder anderen Text sicher erneut hängen bleiben wird.

„Unter vier Augen. Sprachen des Porträts“
herausgegeben von Staatliche Kunsthalle Karlsruhe
Kerber Verlag
Seiten: 396
ISBN: 978-3-86678-812-1
Preis: 35,99 €

3 Kommentare

  1. Ah, ein Kunst Buch Blog. Gut, daß man manches auch über Umwege entdeckt.

    Von dem hier vorgestellten Katalog bin ich auch begeistert, natürlich war ich es auch von der Ausstellung. Wenn mich auch nicht alle Texte überzeugen konnten, finde ich es insgesamt doch ein sehr gelungenes Projekt.

  2. Die Ausstellung habe ich leider nicht gesehen. Aber es scheint gerade ein Trend zu sein, dass „fachfremde“ Autoren, also keine Kunstwissenschaftler, ihre persönlichen Ansichten über Kunstwerke aufschreiben, zuletzt Dieter Wellershoff „Was die Bilder erzählen“. Ich find’s gut! 🙂

  3. Wie man bei mir lesen kann, waren es auch nicht unbedingt die Texte der Fachgelehrten, die mich begeistert haben. Da blieb es eben doch oft bei Beschreibung, Forschungskritik und Interpretation. Nicht, daß ich das langweilig finden würde, aber in einer solchen Ausstellung eben schon.
    Eine Einschränkung muss ich allerdings machen, ich spreche nur von meinen Ausstellungseindrücken und habe noch nicht alle wissenschaftlichen Bildtexte gelesen.

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