Thomas Glavinic: Die Arbeit der Nacht

Thomas Glavinic
Nur wenige Bücher haben das Zeug, von der ersten bis zur letzten Seite zu fesseln, den Leser völlig aus der Bahn zu werfen und ihn verstört zurückzulassen. „Die Arbeit der Nacht“ ist so ein Buch. Es liegt aber gar nicht so sehr an der Handlung (Mann wacht eines Tages auf und ist allein auf der Welt.) sondern vielmehr an den beängstigend nachvollziehbaren und vollkommen realistischen Auswirkungen des Alleinseins auf Jonas, den „Helden“ des Romans.
Im englischen Sprachraum bilden Dystopien oder Endzeitromane wie Stephen Kings „The Stand – Das letzte Gefecht“, Cormac McCarthys „Die Straße“ (vor drei Jahren war ich von diesem schmalen Buch ebenfalls schwer beeindruckt) oder Richard Mathesons „Ich bin Legende“ als doomsday novels eine eigene, sehr beliebte literarische Gattung. Doch während in vielen dieser Bücher die Erde nach dem 3. Weltkrieg, dem atomaren Supergau oder sonstigen Mega-Katastrophen geschildert wird, oft mit Auftritten von Zombies oder sonstigen Monstern, bleibt bei „Die Arbeit der Nacht“ alles in der Schwebe. Weder wird erzählt, warum Jonas plötzlich allein durch Wien irrt, noch ob es irgendwo auf der Welt andere Überlebende gibt. Und – das ist für uns Leser wohl am erschütterndsten – es gibt nicht das geringste Zeichen auf Hoffnung oder Rettung. Im Gegenteil, je länger Jonas mit sich allein ist, desto mehr kreisen seine Gedanken um sich selbst, beschäftigt er sich mit seiner eigenen Vergangenheit.
Er rekonstruiert etwa die Wohnung seiner Eltern oder macht sich auf die Reise nach England, wo sich eigentlich seine Freundin aufhalten sollte. Durch Zufall kommt Jonas dem „Schläfer“ auf die Spur: Er filmt sich während des Schlafs und entdeckt, dass er als mysteriöser Schlafwandler gegen sich selbst arbeitet, z.B. die tagsüber zurückgelegte Strecke nach England in der Nacht wieder zurückfährt. Immer mehr gerät Jonas in eine Spirale aus Angst und Verfolgungswahn – oder sind die Schritte und Stimmen, die ihn fast nie zur Ruhe kommen lassen, am Ende gar nicht eingebildet?
Genau wie Tom McCarthys „8 1/2 Millionen“ oder Marlen Haushofers „Die Wand“ ist „Die Arbeit der Nacht“ ein Buch mit philosophischen Dimensionen, über die man wohl noch lange nachsinnen könnte.

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