Wilhelm Genazino: Das Glück in glücksfernen Zeiten

Man sollte meinen, dass sich der promovierte Philosoph Gerhard Warlich nach inzwischen 14 Jahren als Logistiker in einer mittelständischen Wäscherei mit dem Leben arrangiert hätte. Doch irgendwie wird dem Ich-Erzähler und (Anti-)Helden in Wilhelm Genazinos Roman „Das Glück in glücksfernen Zeiten“ dann doch alles zu viel. Seine langjährige Freundin Traudel will ein Kind und heiraten. Der Chef lässt ihn Kollegen ausspionieren und Schulden eintreiben. Immer wiederkehrende Erinnerungen an seine verstorbenen Eltern setzen ihm zu. Doch am schlimmsten ist der ganz normale Alltagswahnsinn mit Bürojob, Einkaufen, Essen.
Gerhard, ein sensibler und melancholischer Intellektueller, beobachtet die kleinen (eigentlich großen) Absurditäten des Lebens, philosophiert über Kleiderzerfall, Rentner oder weibliche Brüste. Sein Traum ist die Gründung einer Schule der Besänftigung – doch im Kulturamt missversteht man ihn und hofft auf eine angesagte Pop-Akademie.
Schließlich scheint es für Gerhard als einzigen Ausweg nur eine Frühverrentung zu geben, die einzige Chance sich (innerhalb des Systems) aus der Welt zurückzuziehen.
Tragikomische Monologe, verblüffende Wortneuschöpfungen (Kliniksexualität, Fremdkompliziertheit, Blickkette) und nüchterne Gesellschaftskritik machen das schmale Buch zur Pflichtlektüre – mindestens für alle inzwischen in der freien Wirtschaft angestellten Geisteswissenschaftler.

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