Albert Camus: Die Pest

Die Geschichte beginnt und endet mit den Ratten. Ihr elender Tod auf den Straßen der westalgerischen Stadt Oran läutet die Epidemie einer Krankheit ein, von der man glaubte, sie sei längt ausgerottet. Die Pest wütet fast ein ganzes Jahr bis, ohne dass die Einwohner wüssten warum, die Ratten zurückkehren und so das Ende der Seuche ankündigen.
Albert Camus lässt seinen Erzähler, der sich am Ende als Arzt Bernard Rieux zu erkennen gibt, ruhig und nüchtern von den Zuständen in Oran vor, während und nach der Pest berichten. Die historischen und medizinischen Schilderungen des Krankheitsbildes, die Versuche der Stadtverwaltung die Seuche nach anfänglichen Vertuschungs- und Verzögerungsaktionen in den Griff zu bekommen und vor allem die Auswirkungen auf das (Gemüts-)Leben einiger Bewohner sind von erschütternder Logik und Eindringlichkeit: Ob der Pater, der im Ausbruch der Pest eine gerechte Strafe Gottes sieht (und dann selbst an ihr stirbt). Ob der zufällig in der unter Quarantäne gestellten Stadt festsitzende Journalist, der wie Kafkas Josef K. auf allen legalen und illegalen Wegen Möglichkeiten zur Flucht sucht (und dann doch freiwillig bleibt). Oder der Kriminelle, der nach einem Selbstmordversuch nun unter den geänderten Bedingungen einer von der Außenwelt abgeschnittenen Stadt regelrecht aufblüht und Profit aus der Situation schlägt (und nach Pestende wahnsinnig wird). Zusammen mit dem Erzähler, der seine Frau kurz vor der Quarantäne zur Kur schickt (sie aber trotzdem nicht vor dem Tod retten kann), erleben wir die Reaktionen der sehr unterschiedlichen Charaktere auf diese außergewöhnliche Situation.
Die (vermeintliche) Neutralität des Erzählers, der schlüssige Realismus (leicht hätte ein weniger tiefsinniger Autor aus der Story einen platten Horror-Thriller machen können) und die philosophische Dimension des Romans machen ihn zu einer zeitlosen Parabel über das menschliche Leben: Orhan ist die ganze Welt. Und die Pest selbst ist viel mehr als nur eine Anspielung auf den Zweiten Weltkrieg und das besetzte Frankreich (der Roman erschien 1947): Sie ist ein Zeichen des ständigen Ausnahmezustands unserer Erde.
Der oft zitierte Ausblick am Romanende („Wenn es etwas gibt, das man immer ersehnen und manchmal auch erhalten kann, so ist es die liebevolle Verbundenheit mit einem Menschen.“) sollte nicht über die glasklare und letzlich doch pessimistische Gesellschaftsanalyse hinwegtäuschen.
Camus starb 1960 bei einem Autounfall. Was er wohl zum Zustand unserer Gegenwart gesagt hätte?

PS: Der empfehlenswerte Blog 365 Tage Camus feiert den 100. Geburtstag mit vielen interessanten Beiträgen (und Fotos von Camus-Expeditionen).

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