David Markson: Wittgensteins Mätresse

David Markson
Kate ist allein auf der Welt. Sie zieht durch die großen Städte auf der Suche nach anderen Menschen. Doch niemand reagiert auf ihre Botschaften, die sie auf den Straßen hinterlässt. Jetzt sitzt sie in einem Haus an der US-Ostküste und tippt alles, was ihr gerade einfällt, in eine Schreibmaschine. Bei Pausen lässt sie das Papier eingespannt und schreibt später einfach weiter, zum Beispiel zerlegt sie ein Nachbarhaus, um an Brennholz zu kommen oder besorgt sich Wasser aus einem inzwischen wieder sauberen Fluss. Sie lebt von Dossenessen, streift im Sommer gern nackt durch die Gegend, schreibt über Masturbation und Regelblutungen.

Im Laufe des Romans „Wittgensteins Mätresse“ von David Markson (1927-2010), 1988 in den USA erschienen und erst jetzt zum ersten Mal ins Deutsche übersetzt, erfahren wir noch mehr über Kate, die ihren eigenen Namen übrigens nur ein einziges Mal nennt: Sie war eine angesehene Malerin, nahm an Gruppenausstellungen mit berühmten Kollegen teil, war befreundet mit de Kooning und Rauschenberg und kennt nahezu alle wichtigen Kunsttheoretiker des 20. Jahrhunderts. Irgendwann setzte sie (Unfall oder Absicht?) ihr Haus in Brand, der Sohn kam ums Leben und der Ehemann verließ sie.

Kates Reise (eingebildet oder real spielt bald keine Rolle mehr) führt sie in die berühmtesten Museen der Welt: Sie bestaunt Turner in der Tate, Rembrandt im Rijksmuseum, Rogier van der Weyden im Prado. Im New Yorker Metropolitan Museum hängt sie die selbst gemalten Porträts ihrer Eltern an die Museumswände. Die Rahmen (nicht die Bilder) der alten Meister verbrennt sie, um sich an dem Feuer zu wärmen. Doch all diese Details aus Kates postapokalyptischen Leben werden bruchstückhaft, nicht chronologisch und erst recht nicht immer logisch aufgezählt: Einmal verstauchte sie sich den Knöchel im Metropolitan, dann passierte es doch in der Eremitage. Nicht Rainer Maria Rilke schrieb die „Fälschung der Welt“, sondern William Gaddis. Rembrandts „Nachtwache“ hängt nicht in der Tate Gallery. Oder sind das alles eher Fragen der eigenen Erinnerung?

Ein im Wind flatterndes Klebeband am Fenster erinnert Kate an eine Katze. Immer wenn der Wind weht, fängt sie wieder an, über Katzen zu schreiben. Denn mit dem Schreiben kommt die Erinnerung. Doch: „Wie man sich an bestimmte Dinge erinnert, ist mir schleierhaft.“ (S. 76). Die Ich-Erzählerin arbeitet sich geradezu an ihrer eigenen Erinnerung ab und ihr Text spiegelt dies eins zu eins: Scheinbar ohne Zusammenhang wiederholt sie ständig und rastlos kurze Gedankensplitter. Ein Absatz ist oft nur ein bis zwei Zeilen lang. Alles wird in Frage gestellt, zurückgenommen und bis zur Schmerzgrenze neu beschrieben. Denn: „Ich werde mir nicht die Mühe machen, wieder darauf hinzuweisen, wie ungenau die Sprache häufig ist.“ (S.100). Zusammen mit dem inflationären Einsatz von Adverben wie  tatsächlich, obwohl, sozusagen und offensichtlich ist das Buch nicht nur „schwerverdaulich anspielungsreich“ (so David Foster Wallace im beigefügten Essay) sondern auch eine harte Geduldsprobe für den Leser.

Für seine Mühen wird man erst nach der Lektüre belohnt: Zum einen sind es poetische und bedeutungsschwere Bilder, die einen nicht mehr loslassen. (Kate verbrennt beispielsweise jede Seite eines Buches nachdem sie sie gelesen hat und lässt die schwarzen Blätter, bevor sie zerfallen, wie Möwen durch die Luft schweben.) Zum anderen, da ist dem Verlag sehr für den Anhang zu danken, liefern Texte von Elfriede Jelinek und David Foster Wallace Hilfestellungen, um die philosophischen Dimensionen des Romans zumindest erahnen zu können. Dass er etliche Deutungs- und Denkräume öffnet, wird schnell klar. Dass er sich jedoch an Stichworten und Ideen (Wallace: „migräneträchtige Mentalgymnastik“) des Philosophen Ludwig Wittgenstein (1889-1951) abarbeitet, sieht ja nur der Wittgenstein-Kenner.

„Wittgensteins Mätresse“ ist ein Buch über Einsamkeit, Depression und Wahnsinn. Der eigene Kopf ist ein Museum, eine Bibliothek, in dem ganz persönliche Bilder hängen und Bücher stehen, egal was Rembrandt gemalt oder Gaddis geschrieben hat. Wallace nennt es zu Recht „philosophische Science Fiction“.

Mehr über das Buch gibt es bei deep read, Bonaventura und Literaturen und eine Leseprobe beim Berlin Verlag.

David Markson:
„Wittgensteins Mätresse“
Aus dem Englischen von Sissi Tax
Berlin Verlag 2013
Gebunden mit Schutzumschlag und Lesebändchen, 336 Seiten
22,99 € (D)
ISBN 978-3-8270-0817-6

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