Muriel Spark: Die Blütezeit der Miss Jean Brodie

Muriel Sparks kurzen Roman „Die Blütezeit der Miss Jean Brodie“ (1961) sollte man schon ganz genau lesen, um das ein oder andere wichtige Detail nicht zu übersehen. Auf den ersten Blick nämlich scheint das Buch eine der klassischen Lehrer-Schüler-Geschichten der Gattung unkonventioneller Lehrkörper erzieht seine/ihre Schüler/innen zu selbstbewussten und eigenständigen Persönlichkeiten (siehe „Der Club der toten Dichter“ oder „Mona Lisas Lächeln„).
Aber Miss Jean Brodie ist anders: „Gebt mir ein Mädchen im beeinflußbaren Alter, und sie ist mein fürs Leben.“ lautet das Motto der eigenwilligen Lehrerin. In ständig durch Vor- und Rückblicke unterbrochenen Episoden wird der Schulalltag der sechsköpfigen Mädchenclique, Miss Brodies handverlesene Lieblingsschülerinnen, erzählt. Da fällt es anfangs gar nicht weiter auf, dass Miss Brodie den Mädchen neben Episoden ihres Liebeslebens auch von ihrem Faible für Mussolini und Hitler berichtet. Doch Jahr für Jahr werden die Schülerinnen immer mehr zum Spielball der Lehrerin, geraten außerdem zwischen die Fronten, denn die Direktorin möchte Miss Brodie gern loswerden. Im Mittelpunkt des Buches steht die verzwickte Dreiecksbeziehung zwischen Miss Brodie, dem Zeichen- und dem Musiklehrer – den einen will sie, den anderen kann sie aber nur haben. Wie Marionetten lenkt sie die Mädchen, um ihren Willen zu erreichen. Doch ein Mädchen beginnt, den hinterlistigen Charakter der einst so bewunderten Lehrerin zu durchschauen.
In seinem Buch „Die Kunst des Erzählens“ beschreibt der amerikanische Literaturkritiker James Wood „Die Blütezeit der Miss Jean Brodie“ als postmodernen Roman. Wem kann man trauen? (Miss Brodie, den Mädchen, der Direktorin, dem Erzähler? Niemandem, nur seiner eigenen Leseerfahrung!) Was bewirkt der reduzierte Stil des Buches? (Der Leser selbst muss ergänzen!)
Spielfilm, Theaterstück und TV-Serie beweisen es: Im Vereinigten Königreich gehören Zitate aus „The Prime of Miss Jean Brodie“ zur Allgemeinbildung („Ich bin in meinen besten Jahren.“). Und seit kurzem dürfen sich auch deutsche Abiturienten im Englisch-Unterricht mit Miss Jean Brodie beschäftigen. Ob ihnen das Buch genauso gut gefällt wie mir?

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