Evelyn Waugh: Eine Handvoll Staub

Mit der Verfilmung des Romans „Brideshead Revisited“ im Jahr 2008 ist der englische Autor Evelyn Waugh (1903-1966) auch hierzulande etwas bekannter geworden. Im Vereinigten Königreich gerhört er schon lange zu den großen Klassikern. Das von einigen Kritikern als sein bestes Buch bezeichnete „A Handful of Dust“ gibt es in deutschen Übersetzungen allerdings nur noch antiquarisch. Daran sollte sich schnellstens etwas ändern!
Die Handlung dieser bissigen Gesellschaftssatire ist schnell nacherzählt: Brenda langweilt sich im neogotischen Schlösschen ihres adeligen Gatten Tony. Sie beginnt eine Affäre mit einem blassen Muttersöhnchen und nimmt den Tod ihres Sohnes bei einem Reitunfall zum Anlass, Tony zu verlassen. Dieser fällt aus allen Wolken, lässt sich erst noch auf die Idee der Anwälte ein, einen Seitensprung vorzutäuschen, damit Brenda Scheidungsklage einreichen kann und zieht dann doch einen Schlussstrich, indem er sich auf eine wahnwitzige Brasilien-Expedition begibt. Dort gerät er tief im Dschungel auf einen verrückten, analphabetischen Dickens-Fan, der schon lange auf einen neuen Vorleser wartet.
Rasante Dialoge, schnelle Szenenwechsel, ein bitterböser und zynischer Humor. Das Lachen bleibt einem immer im Halse stecken: Die moderne englische Gesellschaft ist durch und durch verdorben und verlogen, jeder ist nur auf seinen eigenen Vorteil aus. (Brenda heiratet später übrigens Tonys besten Freund.) Einen Ausweg gibt es nicht. Diese Aussichtslosigkeit ist auch für den Leser manchmal schwer zu ertragen aber sie scheint in die Zeit zu passen: Das Buch erschien 1934, also kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Der Autor suchte sein Seelenheil indes in der Religion: 1930 konvertierte er zum Katholizismus.
Bei all den düsteren Aussichten gibt es dennoch immer wieder herrliche Slapstick-Szenen: Im Dschungel reicht man zur Begrüßung gern Cassiri, hergestellt aus gegorenem Maniok: „Die Frauen kauen die Wurzeln und spucken sie in einen hohlen Baumstumpf.“

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