Vladimir Nabokov: Pnin

Nein, hier hat doctotte (ausnahmsweise) mal nicht recht, wenn er schreibt, dass „Pnin“ von Vladimir Nabokov „kein großes Buch“ sei.
Meine Meinung: „Pnin“ (einige Kapitel erschienen ab 1953 im New Yorker und das Buch dann 1957) ist ein so kluger, warmherziger, witziger und nach dazu gut lesbarer Roman, dass er gut und gerne als echter, uneingeschränkt zu empfehlender Klassiker bezeichnet werden kann!
Warum? Wie einige Bücher der gleichen Klasse bietet „Pnin“ mehr als nur eine leicht zugängliche Handlung  – es folgen nämlich noch mindestens zwei tiefere Ebenen, die nicht so offensichtlich sind.
Zur Handlung: Das Leben des Titelhelden Pnin (älterer russischer Exilant an einer amerikanischen Universität) wird in sieben Kapiteln episodenhaft geschildert. Auf den ersten Blick scheint er der trottelige, zerstreute Professor, der mit der englischen Sprache auf Kriegsfuß steht und auch deshalb von seinen Kollegen parodiert wird. Der Mikrokosmos einer typischen amerikanischen Uni, Leben und Arbeiten in einer Uni-Kleinstadt, Konkurrenzen, Freundschaften usw. sind treffend und anschaulich beschrieben. Meisterhaft setzen die sieben Kapitel Schlaglichter innerhalb eines kurzen Zeitraums in Pnins Leben; einzelne Ereignisse (ein Treffen russischer Exilanten, der Besuch des Sohnes seiner Ex-Frau) werden hervorgehoben.
Doch ein zweiter Blick lohnt, denn die komplette Lebensgeschichte Pnins wird Stück für Stück und nicht immer chronologisch enthüllt. Der Leser kann, so er denn Interesse daran hat (und keine Ausgabe, die Pnins Leben chronologisch auflistet), die Biografie des Anti-Helden rekonstruieren. Man wird schnell merken, dass Pnin kein naiver Trottel ist, sondern er in seinem Leben schon viele prägende, oft dramatische Ereignisse hinter sich hat, die ihn haben so werden lassen wie er ist (Armeedienst, Flucht, Emigration, Scheidung von seiner Frau, KZ-Tod einer Jugendliebe).
Und dann die dritte Ebene: Nabokov lässt den Ich-Erzähler N. von Pnins Leben berichten. Anfangs erzählt er brav, gibt hin und wieder einen Kommentar ab, doch am Ende des Buchs taucht N. selbst auf, wird Teil der Handlung. (Er soll Pnins Nachfolger an der Uni werden.) Dieses Spiel mit den Realitäten (Kann man dem Erzähler eigentlich wirklich trauen?) ist so raffiniert und gekonnt, dass einem nichts anderes übrig bleibt, als das Buch noch einmal von vorn zu lesen.
Schon etliche Leser sind dem intellektuellen Charme von Nabokovs Romanen und Erzählungen erlegen. Bei der Erstlektüre von „Pnin“ empfehle ich die kommentierte und mit Anmerkungen versehene Ausgabe von Dieter E. Zimmer. Ohne diese Tipps hätte ich vielleicht nicht alle Rätsel gelöst. Denn nur die echten Nabokov-Fans knacken auch jede noch so harte Nuss, z.B. (um im Bild zu bleiben) was es mit den vielen Eichhörnchen im Roman auf sich hat.

1 Kommentar

  1. Mal davon abgesehen, dass ich es selbstverständlich als bodenlose Frechheit betrachte, meine maßgebliche Meinung auch nur im Ansatz(!) anzuzweifeln (;D), möchte ich sehr gerne einräumen, dass Pnin zu den Büchern Nabokovs gehören, die ich neben Lolita am ehesten ein zweites Mal in die Hand nehmen würde.
    Und wer weiß, vielleicht entdecke ich eines Tages auch mehr und mehr der hier angesprochenen Qualitäten im Text, die meiner damaligen Lektüre entgangen und/oder mittlerweile im Orkus meines schlechter werdenden Gedächtnisses verschütt gegangen sind.

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.