The Graphic Canon. The World’s great literature as comics and visuals

Die Idee ist so einfach und genial, dass ein findiger Herausgeber oder Verleger schon längst hätte darauf kommen müssen: Die unterschiedlichsten Zeichner, Illustratoren und Comic-Künstler liefern kurze Adaptionen zu Hauptwerken der Literaturgeschichte. Alles zusammen ergibt so etwas wie einen bunten und gleichzeitig ungemein bereichernden Überblick über erstens den aktuellen Stand in Sachen Illustration und zweitens über nichts weniger als die Literatur der gesamten Welt.
Graphic Novels sind seit „Maus“, „Persepolis“ und „Fun Home“ längst massenkompatibel und haben den klassischen Comic-Strip längst überholt. Schon immer gab es aber auch Künstler, die sich von literarischen Texten inspirieren liessen. In den drei dicken Bänden seines „The Graphic Canon“ sammelt der amerikanische Autor und Herausgeber Russ Kick nun insgesamt 183 solcher Adaptionen vom Gilgamesch-Epos bis hin zu David Foster Wallace‘ „Infinite Jest“; also von den ältesten erhaltenen Texten bis hin zu epochalen Neuerscheinungen der letzten Jahre.
Natürlich hätte ein solches Mammut-Projekt aus deutscher/deutschsprachiger Perspektive andere Schwerpunkte gesetzt. Im ersten Teil ist lediglich Hildegard von Bingen vertreten, in den folgenden Bänden sind immerhin Rilke, Hesse, Kafka, Nietzsche und die Gebrüder Grimm mit dabei. Doch egal, ob es sich nun um einen verbindlichen Kanon, eine Enzyklopädie oder doch „nur“ um eine Anthologie handelt: Die ausgewählten Texte sind, genau wie die graphischen Interpretationen, so abwechslungsreich, dass schon allein der erste Band Lust macht, viele Texte selbst zu entdecken und sich auch mit den jeweiligen Zeichnern zu beschäftigen. (Den kompletten Überblick gibt es hier.)
Zu den berühmtesten Teilnehmern im ersten Teil des Projekts gehört sicher Robert Crumb, der sich mit James Boswells „London Journal“ auseinandergesetzt hat. Andere der abgedruckten Kapitel sind Ausschnitte aus größeren Werken, etwa „Beowulf“ von Gareth Hinds oder Dantes „Inferno“ von Hunt Emerson. Die stilistische Vielfalt der Zeichner reicht von großformatigen Illustrationen mit wenig Text über klassische Panel-Comics in schwarzweiss hin zu filmischen Breitformaten oder verrückten Bild-Text-Experimenten. Nicht alles überzeugt sofort, doch dank der kurzen Einführungen des Herausgebers und der Texte im Anhang zu Text und Künstler hat man auch bei spröderen Interpretationen einige Hintergrundinformationen.
Großer Dank an die Büchergilde für diese Entdeckung! Wie wäre es mit einer deutsches Ausgabe? Gute Literatur und hervorragende Zeichner gibt es doch auch im deutschsprachigen Raum zuhauf!

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