Florian Illies: 1913. Der Sommer der Jahrhunderts

Mit diesem Buch ist das so eine Sache. Unterhaltsam und leicht lesbar berichtet es chronologisch und mitunter in Mini-Absätzen vom Leben einiger Geistesgrößen des Jahres 1913. Natürlich erhebt es keinen Anspruch auf Vollständigkeit oder Objektivität. Die Erlebnisse von hauptsächlich deutschen und österreichischen Malern und Schriftstellern wechseln sich ab, viele der Personen begleiten wir durch das gesamte Jahr. Zu den „Helden“ gehören Kafka, Rilke, Kirchner, Kokoschka, Nolde, Kraus, Musil, Thomas Mann aber auch Schweitzer, Loos oder Freud. Hin und wieder lesen wir vom österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand, von Hitlers Versuchen als Maler und immerhin auch von den Frauen Else Lasker-Schüler, Alma Mahler und Virginia Woolf.
Die kurzen Schlaglichter sind gut gesetzt, erhöhen die Spannung und ergeben zusammen tatsächlich so etwas wie einen allgemeingültigen Blick auf das Jahr vor dem Einschnitt 1914. Aus dem Stimmengewirr stechen Themen wie die Beschäftigung mit sich selbst, das Leiden an der Moderne, die Unfähigkeit zur Liebe, ja die Kompliziertheit aller menschlichen Beziehungen heraus. Dass trotzdem oder gerade deswegen der moderne Roman, das abstrakte Kunstwerk oder die atonale Musik entstanden sind, wird nach der Lektüre etwas deutlicher.
Und jetzt das Aber:
Oft schrammen die Episoden haarscharf an belanglosem Klatsch und Tratsch vorbei. Selten beleuchten sie Hintergründe und Zusammenhänge so gut wie etwa bei Ernst Ludwig Kirchners Urlaubsbericht, der auf Fehmarn Treibholz eines gekenterten Schoners findet, aus dem er seine berühmten Skulpturen schnitzt. Gleich an mehreren Stellen stolpert man über Ungenauigkeiten und Flüchtigkeitsfehler. Nur ein Beispiel: Beim ersten Freideutschen Jugendtag wird erst von zweitausend Teilnehmern berichtet, auf der nächsten Seite sind es plötzlich dreitausend (S. 239f.). Interessanterweise sind es genau die beiden Zahlen, zwischen denen auch der entsprechende Wikipedia-Beitrag hin- und herspringt. Am Ende der fünf Seiten Literaturverzeichnis ist Wikipedia aufgeführt – allerdings nicht die einzelnen Stichworte.
Am Ende bleibt das Gefühl, was man auch nach einem literakturkritschen Sachbuch oder einer Sendung von Marcel Reich-Ranicki hatte: Polemik, Spaß, ein kurzweiliges Feuerwerk an Pointen ohne Spuren zu hinterlassen. Für alle, die mehr über das Jahrhundert wissen wollen, empfehle ich Peter Watsons „Das Lächeln der Medusa. Die Geschichte der Ideen und Menschen, die das moderne Denken geprägt haben“.

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