Martin Rowson: Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman

Martin Rowsons kongeniale Comicvariante von Laurence Sternes „Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman“ ist eines dieser Bücher, die man sich weder als E-Book noch als iPad-App vorstellen kann: In Halbleinen gebunden, großformatig, mit Leseband und marmoriertem (!) Vorsatzpapier – schon die ansprechende Ausstattung ist ein echtes Erlebnis.
Doch dann der Inhalt: Rowson erzählt den „Tristram“ nicht einfach nur nach, er fügt weitere Ebenen hinzu, setzt Text in eigene, neue Bilder um und spielt auf jede Menge Details des Roman-Klassikers und aus dem Leben des Autors an. Das alles in vollgepackten Comic-Panels, die sich nicht nur der klassischen Comicbildsprache bedienen, sondern in denen außerdem in alle möglichen (und unmöglichen) Richtungen experimentiert wird. Als blättere man durch einen Band mit Kupferstichen im Stil des 18. Jahrhunderts, entdeckt man immer wieder witzige Einzelheiten, die am Bildschirm oder Touchscreen einfach untergehen würden.
Zugegeben: Ganz leichte Kost ist weder Sternes Roman noch Rowsons Graphic Novel (mehr über den Roman und dessen kunsthistorische Deutung hier). Ein Text, der seine eigene Entstehung reflektiert, in dem Erzählzeit und erzählte Zeit so weit wie nur möglich auseinander fallen und in dem Abschweifungen zum Stilprinzip erhoben werden, fordert den Leser intellektuell heraus – bietet für clevere Interpreten zugleich aber unzählige Anknüpfungspunkte.
Von den vielen, die sich Martin Rowson, im Hauptberuf politischer Karikaturist beim Guardian, herausgesucht hat, sei an dieser Stelle nur auf die kunsthistorischen verwiesen: Dass Künstler des 18. Jahrhunderts wie Wright of Derby, Hogarth und Piranesi zitiert werden, liegt auf der Hand. Aber außerdem bedient der Autor sich ebenfalls bei Leonardo da Vinci, Aubrey Beardsley oder George Grosz – nimmt also, wenn es ihm gerade passt, Sternes rote Fäden auf und zieht sie weiter bis in die Gegenwart. So schreibt Rowson ganz im Sinne Sternes den Roman immer weiter, schweift dabei natürlich immer wieder ab und überlässt es den Leser, offensichtliche Lücken und Sprünge mit Sinn zu füllen. Dabei ist das Buch geradezu ein Steinbruch tausender kreativer Ideen und jede Lektüre kann zu einer neuen Deutung führen.
Nach den neuen, bzw. wieder neu aufgelegten Sterne-Übersetzungen von Michael Walter (hier und hier) gehört jetzt also auch Rowsons Graphic Novel in das Bücherregal jeden deutschsprachigen Tristram-Fans!

Martin Rowson:
„Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman
Nach Laurence Sterne“

Knesebeck Verlag München 2011
26,5 x 21,5 cm, Halbleinen, 176 Seiten, 551 Abb.
24,95 € (D), 37,90 sFr, 25,70 € (A)
ISBN 978-3-86873-370-9

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