Werner Busch: Great wits jump. Laurence Sterne und die bildende Kunst

Vor mehr als 250 Jahre wurde Laurence Sternes erster Band des Romans „Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman“ veröffentlicht. Heute zählt das neunbändige Werk nicht nur zu den großen Klassikern der Weltliteratur, es fordert immer wieder auch neue Interpretationen heraus. Ob die vor kurzem auf Deutsch erschienene Graphic Novel des englischen Künstlers Martin Rowson oder das Buch des Kunsthistorikers Werner Busch, der in sechs Kapitel Sternes Roman nach Verbindungen zur bildenden Kunst untersucht – es liegt an Struktur und Form des „Tristram Shandy“ selbst, dass er ständig neue Auslegungen provoziert.
Der vollkommene Verzicht auf Chronologie (mehr zum Inhalt u.a. hier), die bewusste Mehrdeutigkeit, das Aufbrechen der klassischen Erzählstrukturen durch etliche Assoziationen und Abschweifungen (Digressionen) machen den Roman zum Vorläufer von postmoderne Bücher z.B. von David Foster Wallace (mehr zum Thema Digression hier).
Dass Laurence Sterne an vielen Stellen auf Werke der bildenden Kunst (v.a. Gemälde und Druckgrafik) nicht nur anspielt, sondern sie teilweise sogar wortwörtlich umsetzt, davon erzählt Werner Busch mit geradezu kriminalistischem Spürsinn. Auch für den Leser, der über keine großen Kenntnisse der englischen Kunst des 18. Jahrhunderts verfügt, sind die Kapitel trotz mancher (angekündigter) Abschweifung nachvollziehbar und schlüssig aufgebaut. Sterne wird oft in deutscher Übersetzung zitiert und kleine schwarzweiße Abbildungen zeigen die erwähnten Kunstwerke – so wird es uns leicht gemacht, den mitunter anspruchsvollen Gedankengängen Buschs doch leicht zu folgen.
Dabei geht es dem Autor jedoch um mehr, als um ein reines Auffinden von bislang unentdeckten Bildzitaten. Vielmehr wird Sterne in philosophische und kunsttheoretische Traditionen etwa von John Locke und Robert Burton gestellt. Und es werden – für einen kunsthistorischen Text eher unüblich – Parallelen bis in die Gegenwart gezogen, z.B. zu Arbeiten von Marc Quinn oder Irene Dische.
Zu den Künstlern, deren Werke sich Sterne als Vorbild und Inspiration für seinen Roman ausgesucht hat, gehören u.a. Anton van Dyck, William Hogarth und Annibale Carracci. Oft rekonstruiert Busch nicht nur die theoretischen Hintergründe des sog. „Borrowing“, sondern geht ganz praktisch der Frage nach, wo Sterne dieses oder jene Kunstwerk hätte sehen können. All diese Herleitungen sind nicht nur spannend zu lesen, sondern auch reich an zeitgeschichtlichen Hintergrundinformationen zur englischen Kunst und Gesellschaft im 18. Jahrhundert.
Werner Busch auf diesen Wegen zu folgen ist ein großes intellektuelles Vergnügen. Sein Buch macht zudem wie von selbst Lust auf die (erneute) Lektüre des „Tristram Shandy“. Es lädt ein zur Beschäftigung mit einem Roman, der nicht nur subtil an klassischen Gattungsgrenzen kratzt, sondern dank seiner Mehrdeutigkeit und Sinnoffenheit noch so lange nach seinem Entstehen unsere Phantasie anregt.

Werner Busch:
„Great wits jump. Laurence Sterne und die bildende Kunst“
Wilhelm Fink Verlag München 2011, 236 Seiten, 87 s/w Abb.,
Franz. Broschur, EUR 29.90 / CHF 41.90
ISBN: 978-3-7705-5216-0

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