Christopher Dell (Hrsg.): Das Geheimnis der Meisterwerke. Was große Kunst auszeichnet.

Jeder Kunstinteressierte kennt das ja: Entweder sind die Reproduktionen von Kunstwerken in einem Katalog, einer Monographie oder einem Sammelband gut und dann taugt der Text nichts. Oder umgekehrt fehlen bei einem guten Text Fotografien der besprochenen Werke in angemessener Qualität. Eine der wenigen Ausnahmen ist das vor kurzem bei Dumont erschienene, vom Kunsthistoriker Christopher Dell herausgegebene Buch „Das Geheimnis der Meisterwerke. Was große Kunst auszeichnet.“
Zugegeben, der deutsche Titel des 2010 bei Thames & Hudson erstmals veröffentlichten Bandes ist recht plakativ. Im Englischen heißt es offener: „What Makes a Masterpiece? Encounters with Great Works of Art.“ Wer die Einleitung des Herausgebers liest, bekommt auch schnell mit, dass es hier auf gar keinen Fall um einen verbindlichen Kanon der Meisterwerke geht. Über 50 Autoren unterschiedlicher Herkunft stellen in über 80 kurzen, hervorragend illustrierten und chronologisch geordneten Kurzessays Höhepunkte der Kunstgeschichte vor. Auf Donatellos „David“ (um 1440) folgt ein etwa gleichzeitig entstandener Aztekischer Adlerritter eines unbekannten Künstlers oder auf Giottos Fresken für die Scrovegni-Kapelle in Padua (ab 1303) die Beschreibung des „Wasser-Mond Avalokiteshvara“, einer riesigen koreanischen Seidenmalerei. Auch wenn es im Verhältnis wenige außereuropäische Beispiele sind, so wird doch der Blick über den Tellerrand gewagt – mit großem Erkenntnisgewinn für uns Leser!
Natürlich dürfen bei so einem Kunstband die „üblichen Verdächtigen“ nicht fehlen: Leonardo, van Gogh, Rubens, Rembrandt, Turner, Manet, Monet, Vermeer – sie sind alle wieder mit dabei. Doch ein besonders kluger Schachzug ist die Auswahl der Autoren. Es schreiben viele Wissenschaftler, anerkannte Professoren und Experten ihres Fachs aber eben auch Künstler wie Anthony Caro (über Rodin) oder Grayson Perry (über Bosch). Sie alle sind gezwungen uns auf einer bis höchstens drei Seiten das Meisterhafte „ihres“ Kunstwerks zu erläutern. Und da die Literatur zu berühmten Werken wie die „Mona Lisa“ sicher hunderte Regalmeter (oder Megabyte) einnimmt, sind viele der präganten, aussagefähigen Texte selbst kleine Meisterwerke. Die Texte der deutschen Autoren fallen natürlich besonders ins Auge und gehören zu den Höhepunkten des über 300 Seiten dicken Buchs: Stephan Kemperdick schreibt über Bruegel, Martin Kemp über Leonardo, Werner Busch über Caspar David Friedrich.
„Das Geheimnis der Meisterwerke“ gehört nicht zu den schnell auf den Markt geworfenen, billig produzierten Bilderbüchern zur Kunstgeschichte. Gut gebunden, im handlichen Format, mit hervorragenden Abbildungen und größtenteils erstklassigen Texten ist der Band eine Empfehlung für jeden Kunstfan!

„Das Geheimnis der Meisterwerke. Was große Kunst auszeichnet.“
Christopher Dell (Hg.)
304 Seiten, mit 265 farbigen und 20 einfarbigen Abb.
H 27 x B 20 Hardcover
EUR 39,99 [D] / 56,90 sFr.
ISBN 978-3-8321-9364-5

2 Kommentare

  1. Leider hat Christopher Dell den anonymen Meister von Flemalle vergessen, der wohl revolutionärste Künstler nach 1000 n. Chr. überhaupt (und nach Pietro Cavallini, der für die Mehrheit der Fresken in Assisi verantwortlich war).

    Die Gemälde des Meisters von Flemalle im Frankfurter Städel sind vermutlich mehr wert (obwohl teils beschädigt) als das ganze Museum in Frankfurt selbst…

  2. Der Wert eines Gemäldes hängt von der Zeit ab, wann es geschaffen worden ist. Der Meister von Flemalle ist demnach wahrlich weiter mit seiner Kunst vorraus als die gesamte Galerie des Frakfurter Museums.

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