Heinz Strunk: In Afrika

Nein, von Buchtitel, Klappentext und dem kinderbuchartigen Cover sollte man sich auf gar keinen Fall abschrecken lassen. Schon bei Strunks Roman „Fleckenteufel“ passte das Äußere nicht zum Inneren. Damals versuchte der Verlag, ein hellblaues Gegenstück zu Charlotte Roches „Feuchtgebiete“ zu konstruieren. Aber allein der Inhalt zählt und der ist nach „Die Zunge Europas“ in Sachen Handlung zwar erneut ausgesprochen mager aber trotzdem geradezu erschreckend gut.
Man kann das Dilemma der Verlagsmenschen ja verstehen. Schon wieder so ein Buch mit über 250 Seiten, in denen es um nichts anderes geht als um Strunk und seine Sicht auf die Welt. Auch wenn er an Weihnachten 2007 zufällig in den Urlaub nach Kenia fliegt, wird aus „In Afrika“ zum Glück kein Abenteuer- oder Reiseroman. Und selbst wenn auf den letzten Seiten in Mombasa wirklich ein Bürgerkrieg ausbricht, so ist das die spektakuläre Ausnahme. Denn Strunks Urlaubsideal ist die sogenannte Kein-Erlebnis-Reise, einfach rumdösen, andere Menschen beobachten, vielleicht noch etwas Glücksspiel und Alkohol. Also ist es schließlich egal, wo man Urlaub macht.
Strunk reist nicht allein. Sein Freund C. aus Österreich (Christoph Grissemann?) hat sich das Reiseziel ausgedacht und begleitet ihn zum Pool und ins Casino. Aber schon die Beschreibungen der auf den verspäteten Flieger wartenden Passagiere und deren Verhalten im Flugzeug sind echte Preziosen. Und so geht es im gesamten Roman weiter, der eigentlich nichts anderes ist als eine Aneinanderreihung schillernder, oft eiskalter Porträts in der Art von Otto Dix. Hotelangestellte, andere Urlauber, Einheimische, Waldnutten, C. und Strunk selbst – hier wird jeder Charakter unter die Lupe genommen und knallhart seziert.
Die Handlung kommt da nur langsam voran. Eingeschoben sind außerdem einige erzähltheoretische Überlegungen zum perfekten Roman. (Vorschlag für einen guten ersten Satz: „Manfred wuchs in den Eingeweiden seines Vaters auf.“) Gedanken über Pop (Pur, Technotronic), Alltag (Essen, Abnehmen, Fernsehen) und sexuelle Abartigkeiten (Knismolagnie) kommen hinzu.
Was „In Afrika“ aber zu einem wirklich guten Buch macht, ist die tiefe Melancholie, die echte Verzweiflung, die hinter all den nur auf den ersten Blick skurrilen Bildern liegt. Die erste Lektüreempfehlung für 2011!

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.