Carlos Busqued: Unter dieser furchterregenden Sonne

Das Ungeheuerliche an diesem nicht einmal 200 Seiten langen Roman ist der beiläufige Ton, in dem von brutalen Grausamkeiten erzählt wird. Doch gerade weil man in einer so nüchtern-sachlichen Sprache von Mord, Entführungen, Misshandlungen und Vergewaltigungen liest, bekommt man die Ereignisse in „Unter dieser furchterregenden Sonne“ des Argentiniers Carlos Busqued so schnell nicht mehr aus dem Kopf.
Certati, ein lethargischer Kiffer mit Faible für Geschichts- und Naturdokus im Fernsehen, erfährt vom Mord an seiner Mutter und seinem Bruder. Doch anstatt die Mörder zu jagen oder die zumindest den Gründen für die Tat nachzugehen, wie man es etwa in einem klassischen Thriller erwartet, lässt er sich bereitwillig mit dem abstossenden und zwielichtigen Duarte ein, um die Pension der Mutter zu erschleichen. Dass dieser Duarte ein brutaler Sadist und Vergewaltiger ist und mit den Morden zu tun hat, bekommt Certati nicht mit. Stattdessen räumt er die Messi-Wohnung seines Bruders leer und beobachtet fasziniert dessen Axolotl, nach Helene Hegemanns Roman „Axolotl Roadkill“ 2010 wohl das literarische Tier des Jahres.
Der zweite Erzählstrang handelt von Danielito, einem unselbständigen Typen, der Duarte kommentarlos bei dessen Verbrechen hilft, die Entführungsopfer im Keller mit Kuchen versorgt. Die einzig halbwegs vernünftige Person scheint Danielitos Mutter, die Duarte kennt und durchschaut. Doch die bringt sich eines Tages mit Rattengift um.
Zwischen all den trostlosen Begebenheiten sind immer wieder Artikel über Jagd und Mord an Tiefseekalmaren geschaltet. Die Männer unterhalten sich, wie Elefanten im Zirkus gequält und Riesenschlangen am besten aufgeschlitzt werden. Im Fernsehen laufen außerdem ständig Reportagen, auch über den 2. Weltkrieg. Mord, Gewalt und Drogen ist alles, was Sadisten wie Duarte noch interessiert. Die Schilderungen sind auch deshalb so furchterregend, weil es keine rationale Begründung für diese Art von Lebenseinstellung gibt. Die Militärdiktatur in Argentinien mag eine Rolle spielen, Duarte war Soldat, doch erklärt sie diesen düsteren Zustand nicht.
Wie Cormac McCarthy („Die Straße“, „Kein Land für alte Männer“) schildert Busqued in seinem ersten Roman eine verkommene, verdorbene Welt. Die Angst, dass er damit Recht haben könnte, lässt uns so erschüttert zurück.

„Unter dieser furchterregenden Sonne“
Carlos Busqued
Aus dem Spanischen von Dagmar Ploetz
17.90 EUR
192 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN 978-3-88897-678-0
Verlag Antje Kunstmann

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