„Ach! Eine Madeleine?“ Proust als Comic

Eine wahres Mammutprojekt: Der französische Zeichner Stéphane Heuet hat sich vorgenommen, die kompletten sieben Bände von Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ als Graphic Novel umzusetzen. Der reine Umfang und vor allem die Vielzahl an Gedankenfäden, Abschweifungen, Anspielungen und Zeitsprüngen machen dies zu einem nicht ganz einfachen Unternehmen. Doch Heuet hat diese Hürde locker genommen!
Für alle die vor Proust zurückschrecken, ist der vor kurzem auf Deutsch erschienene erste Band der Comic-Fassung („Combray“) eine gute Möglichkeit, sich einen ersten Eindruck zu verschaffen. Heuet gelingt es nämlich, dank klassischer Zeichnungen und historischer Nähe, eine echte Proust-Stimmung zu verbreiten. Dabei erkennt jeder, der Proust selbst gelesen hat, dass der Zeichner nur einige Szenen auswählte, auswählen musste, viel wegließ und viel verdichtete. Wie alle guten Adaptionen, etwa Romanverfilmungen, interpretiert Heuet den Ausgangsstoff neu und trifft doch den Kern ohne zu sehr an der Vorlage zu kleben.
Da ist zum Beispiel die berühmte Madeleine-Episode (die meiner Meinung nach nur so berühmt ist, weil sie bei Proust so weit vorn im Roman steht): An einem kalten Tag isst der erwachsene Marcel bei seiner Mutter ein Stück von dem typisch französischen Gebäck und trinkt dazu heißen Tee. Die Dampfschwaden ziehen sich bei Heuet von Bild zu Bild und zaubern auf der nächsten Doppelseite ein schönes, fast kitschiges idealisiertes Bild aus Marcels Kindheit hervor.
Dann gibt es sogar Seiten bei denen Heuet, der übrigens seit mehr als 10 Jahren an seinem Projekt arbeitet, Proust überlegen ist. Denn welcher Leser hat heute noch die Fresken Giottos in der Arenakapelle in Padua im Kopf? Wenn Proust also im Buch das Küchenmädchen und andere Frauen mit Giotto-Figuren vergleicht, stellt Heuet seine Giotto-Zeichnungen neben den Text und fügt Proust so eine weitere Dimension hinzu. (Das im letzten Jahr erschienene sehr schöne Buch von Eric Karpeles sammelt indes alle bei Proust erwähnten Original-Gemälde.)
Noch viel könnte man über den Aufbau des Comics sagen, man könnte einzelne Textstellen vergleichen oder Einzelbilder interpretieren. Ein großer Vorteil von Heuets Comic-Version ist, dass sie auf vielen Ebenen funktioniert, sie den Erstleser genauso anspricht, wie den Experten. Dank der vielen Einzelheiten in den Bildern kann man den großformatigen Band auch immer wieder zur Hand nehmen, darin lesen und Neues finden, so wie bei Proust selbst.
In dieser Woche war Stéphane Heuet auf der Frankfurter Buchmesse. Ein Video vom Aufritt und mehr über sein Buch hier und hier.
Stephane Heuet Auf der Suche nach der verlorenen Zeit
Abbildung mit freundlicher Genehmigung vom Knesebeck-Verlag

„Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Combray“
Marcel Proust, Stéphane Heuet
32,0 x 23,0 cm,
Gebunden, 72 Seiten, mit 400 Illustrationen
ISBN 978-3-86873-261-0
Preis: 19,95 € (D)
33,50 sFr ⁄20,60 € (A)

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