Martin Page: Antoine oder die Idiotie

Dumm aber glücklich. Das hört sich ja eigentlich ganz logisch an. Doch wie findet man heraus, ob das nicht nur ein platter Spruch, ein Klischee ist, sondern wirklich stimmt? Antoine, Held im gleichnamigen Roman des Franzosen Martin Page, hat genug von seiner Intelligenz, die angeblich Schuld an seinem Unglück, seiner Einsamkeit und seiner Armut ist. Also entscheidet er sich für die Dummheit.

Eine Alternative hätte der Alkoholismus sein können, wenn Antoines Körper nur nicht überempfindlich auf Alkohol wäre. Einen Schritt weitergehen und sich einfach umbringen, kann er auch nicht – das weiß er nach einem wunderbar skurrilen Selbstmord-Seminar. Also doch lieber dumm werden. Dank starker Antidepressiva gelingt das auch gut. Antoine kauft sich Markenklamotten, geht endlich zum Friseur, beschäftigt sich mit Videospielen statt mit Büchern, läuft ins Fitnessstudio und wird mit Hilfe eines alten Freundes Börsenhändler. Und als er dann noch unerwartet viel Geld verdient, ist es auch gar nicht mehr so schlimm, dumm zu sein. Doch der dauerhafte Medikamentengenuß zeigt langsam Nebenwirkungen (Halluzinationen!) und seine echten Freunde geben ihn noch nicht verloren.

„Antoine oder die Idiotie“ ist witzig, originell und intelligent. Der Roman trifft den Nerv der Zeit, wurde schon in 25 Sprachen übersetzt. Man kann ihn schließlich als aktuellen Kommentar auf die Situation der vielen jungen, bestens ausgebildeten Menschen sehen, die sich als Historiker/Philosophen/Linguisten nach dem dritten unbezahlten Praktikum dann doch Gedanken machen, ob die Ausbildung zum Bankkaufmann nicht die bessere Alternative gewesen wäre. Und auch wenn das Romanende hier nicht komplett verraten werden soll: Antoine entscheidet sich und wird glücklich! Es gibt also doch einen Ausweg aus dem Dilemma.

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Martin Page
„Antoine oder die Idiotie“
Aus dem Französischen von Moshe Kahn
142 Seiten. Broschiert
9,90 €
Wagenbach

1 Kommentar

  1. Eine Rezension zu Martin Page – das ist ja schön! Ich finde es sehr schade, daß Martin Page, von dem noch zwei weitere sehr lesenswerte Bücher bei Wagenbach erschienen sind, in D. so wenig Aufmerksamkeit bekommen hat.
    Schön auch, daß der Thile-Verlag in diesem Jahr ein weiteres Buch von Martin Page veröffentlicht hat (http://preview.tinyurl.com/35rmt9p).

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