Saehrendt & Kittl: Geier am Grabe van Goghs

Wer stahl die „Mona Lisa“? Mit welcher Provokation kann ein Künstler heute noch einen Skandal hervorrufen? Was muss man tun, um in Diktaturen zum Staatskünstler aufzusteigen? Das Autorenteam Saehrendt und Kittl hat einen neues Anekdotenbüchlein geschrieben, dass allerhand unglaubliche und verrückte Ereignisse aus der Geschichte der Kunst erzählt.

Als im August 1911 die gesamte Louvre-Belegschaft bei einer Personalversammlung beisammen sitzt, macht sich Vincenzo Peruggia auf den Weg und klemmt sich Leonardos „Mona Lisa“ unter den Arm. Erst nach 28 Stunden bemerkt man eine Lücke an der Wand und erst mehr als zwei Jahre später kommt das Bild zurück ins Museum. Neben klassischen Diebstahl- und Kopisten-Geschichten liefern Saehrendt und Kittl noch viele andere Kunst-Abenteuer. Oft sind es ausführlich beschriebene und mit Literaturangaben versehene, unglaubliche Storys vom 18. Jahrhundert bis zum 21. Jahrhundert.

Dabei haben die einzelnen Kapitel aber durchaus unterschiedliche Qualität. Denn wirklich interessant wird es erst, wenn die Anekdoten die Mechanismen des Kunstmarktes freilegen oder wie z.B. im Fall des Kunstraubs während des Nationalsozialismus und der daraus folgenden Restitutionen bis heute von Bedeutung sind. Wenn der Buchtitel und die Kapitelüberschriften also manchmal etwas krawallig daherkommen, sieht man den Kunstbetrieb wie schon nach der Lektüre des Vorgängers „Das kann ich auch. Gebrauchsanweisung für moderne Kunst“ mit anderen Augen.

Ein ans Kreuz genagelter Frosch von Martin Kippenberger sorgt noch Jahre nach dem Tod des Künstlers für einen Skandal. Der Amerikaner Carl Andre soll seine Frau aus dem Fenster gestoßen haben. Grund: Sie wurde langsam erfolgreicher als er und wollte sich scheiden lassen. Constantin Brancusi stellt 1915 einen riesigen polierten Bronze-Penis aus, muss ihn aber schnell wieder aus der Galerie holen. Religion, Gewalt, Sex – es sind also wieder einmal die großen Themen, die hier verhandelt werden, nur diesmal stammen die Geschichten aus dem realen Leben.

Die Frage ist: Muss man das alles wissen, um die Kunst besser zu verstehen? Antwort: Muss man nicht, es schadet aber auch nicht. Der neue Saehrendt/Kittl kann also ohne schlechtes Gewissen ins Regal neben den Gombrich, den Thieme/Becker und ja, sogar das LCI gestellt werden.

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Christian Saehrendt, Steen T. Kittl
„Geier am Grabe van Goghs“
304 Seiten, 56 s/w Abb.
21 x 13 cm Paperback
EUR 14,95 [D]
http://www.dumont-buchverlag.de

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