Roberto Bolaño: 2666

Es ist schon viel über Roberto Bolaños letzten Roman „2666“ geschrieben worden. Auf der Homepage des Verlages erläutert Tobias Lehmkuhl die fünf Teile des ingesamt über 1000 Seiten dicken Buches. Unter www.zwei666.de finden sich Einträge unterschiedlicher Autoren, die „2666“ im letzten Jahr gemeinsam lasen. Daher will ich hier auf eine Inhaltsangabe verzichten (alle Erzählstränge und Personen anzusprechen, würde sowieso den Rahmen sprengen), sondern stattdessen auf einige mir wichtige Motive eingehen.

Literatur
Weite Strecken von „2666“ weisen ein dichtes Netz an Verweisen auf andere Texte und Bücher auf. Ganz offensichtlich ist das im ersten Teil, wenn die vier Literaturwissenschaftler auf der Jagd nach dem Autor Benno von Archimboldi sind. Auch wenn dieser Teil starke Züge einer Satire auf den Wissenschaftsbetrieb annimmt, ist fast jede Seite voller intertextueller Hinweise. Ein (willkürliches) Beispiel ist die Prügelattacke der Freunde Pelletier und Espinoza auf einen pakistanischen Taxifahrer in London, der sie eben als Zuhälter beschmipft hat: „…dieser Tritt kommt von Salman Rushdi […], diesen Tritt schickt dir der Geist von Valerie Solana[s]…“ (S.99).
Der letzte Teil des Buches widmet sich dem Leben des gesuchten Schriftstellers Benno von Archimboldi. Doch vom Inhalt seiner zahlreichen Bücher bekommt man wenig erzählt. Erst am Ende liest die Schwester des Autors zufällig einen Roman ihres lange verschollenen Bruders und erkennt sofort ihre Eltern und Ereignisse ihrer Kindheit wieder. Es ist also anzunehmen, dass viele Romane, von denen die Wissenschaftler im ersten Teil reden, autobiographische Bezüge aufweisen, von denen wir erst im letzten Teil erfahren. Der Roman als auf sich selbst verweisendes System, das den Leser keinen anderen Ausweg lässt, als von vorn zu lesen anzufangen.
Im Teil des Philosophielehrers Amalfitano findet sich auf Seite 283 ein Gedanke, der auf „2666“ selbst passt: Ein belesener Apotheker zählt seine Lieblingsbücher auf, allesamt von Autoren der Weltliteratur, allerdings alles kurze Texte. Amalfitano: „Sie wollen die großen Meister bei eleganten Fechtübungen beobachten, aber nichts wissen von den wahren Kämpfen, in denen [sie] gegen jenes Etwas kämpfen, das uns allen Angst einjagt […], und es gibt Blutvergießen, tödliche Wunden und Gestank.“ Und genau dies wird im Teil von den Verbrechen auf brutale Weise Wirklichkeit.

Humor und Slapstick
Vier Wissenschaftler, drei Männer und eine Frau, sind spezialisiert auf das gleiche Thema. Sie treffen sich und diskutieren, tagen und veröffentlichen. Und es kommt, wie es kommen muss: Zwei der Männer verlieben sich in die Frau. Doch die Dreiecksbeziehung funktioniert nicht und die Frau entscheidet sich schließlich für den dritten Mann.
Neben dieser Wissenschaftssoap sind es vor allem einige Episoden im letzten Teil des Buches, die in ihrer Überdrehtheit hin und wieder sogar an die Slapstick-Einlagen in Pynchons „Die Enden der Parabel“ erinnern. Immer wieder begegnet Archimboldi zum Beispiel der Baroness von Zumpe, u.a. beobachtet er sie auf einem Schloß beim Sex mit einem Dracula-Gedichte rezitierenden rumänischen General. Kurz vor dem Einrücken der Russen wird der General gekreuzigt und „sein Genital […] schwang sanft im Abendwind“ (S.904).

Tod
Wie schon bei Pynchon wirken diese humoristischen Einspieler besonders eindringlich vor dem Hintergrund von Krieg, Tod und Gewalt. Und da gerade der Teil von den Verbrechen, der eigentliche Kern des Buches, so düster und ausweglos ist, stürzt man sich als Leser, quasi zur Selbstrettung, auf die makaberen Textstellen  in den anderen Teilen.
Die mexikanische Stadt Santa Teresa ist Schauplatz von hunderten Morden an jungen Mädchen und Frauen. Über etliche Seiten wird in kurzen Absätzen von den Opfern berichtet, wie und wo sie gefunden wurden. Bolaño bezieht sich auf reale Morde in Ciudad Juárez und lässt den Leser immer wieder in Fallen tappen, wenn z.B. zwischendurch von Polizisten erzählt wird, die einer Spur folgen. Man hofft, dass die Mörder endlich gefunden werden und dann geht es doch immer weiter, liegt wieder eine 14-Jährige tot und halb verscharrt auf einer wilden Müllkippe. Als Leser braucht man starke Nerven für diese mehr als 300 Seiten. Und doch ist es gerade dieser Teil des Buches, der es so bedeutend macht. Es folgt keinen gängigen Thriller- oder Krimimustern, es gibt heute einfach keine Hoffnung mehr. „2666“ ist ein brutal realistischer Weltuntergangsroman.

3 Kommentare

  1. Interessanter Beitrag. Vor allem die Andeutung der Gemeinsamkeiten von Pynchon und Bolaño, an der ich gerade arbeite. Genauer: Am Zusammenhang von „2666“ und „Gegen den Tag“.

    LG

  2. Ich muß gestehen, dass ich „Gegen den Tag“ noch nicht komplett gelesen habe. Das liegt vielleicht an einem wichtigen Unterschied zwischen den beiden Autoren: Bolaño ist (zumindest auf der ersten Ebene) weniger kryptisch und lässt sich daher einfach schneller lesen. Aber wenn man allein Umfang und Thematik der Bücher vergleicht, kommt man schon auf einige Gemeinsamkeiten.

  3. Eine Gemeinsamkeit habe diese beiden Autoren noch: das Geheimnis. Während aber bei Thomas Pynchon das Geheimnisvolle schlechthin ein starkes Thema ist, also in all seinen Verzweigungen und in all seinen Erzählsträngen (ob die Mathematik betreffend, ob in der Auseinandersetzung mit H. P. Lovecraft, ob bezüglich rätselhafter Erfindungen etc.) vorkommt, sind bei Bolaño das Gravitationszentrum des Unfassbaren die Frauenmorde in Nordmexiko. Das zweite Rätsel, der nicht greifbare Schriftsteller Hans Reiter alias Benno von Archimboldi, wird uns mehr oder weniger im letzten Teil, dem Teil von Archimboldi, gelöst. (siehe hierzu auch http://www.michael-pfister.at)

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