Helmut Krausser: Thanatos

Da kommt einer mit Ehe und Beruf nicht mehr zurecht und steigt aus. Dass der Literaturwissenschaftler und Romantik-Experte Konrad nicht nach Amerika oder zumindest in eine fremde Großstadt, sondern zur kleinbürgerlichen Verwandtschaft nach Süddeutschland flieht, zeigt schon, welch ungewöhnlichen Wege Helmut Kraussers Romanheld noch gehen wird. „Thanatos“ (1996) ist so etwas wie das Gegenstück zum philosophisch-esoterischen Selbstfindungsroman „Nachtzug nach Lissabon“ (2004) von Pascal Mercier. Während dort ein Lehrer in Lissabon letztlich zu sich selbst findet, verliert sich Konrad in „Thanatos“ völlig, spaltet sich in mehrere Identitäten auf und erliegt schließlich, ganz wie der Romantitel es vorhersagt, dem Todestrieb.

Er war ja schon immer ein Einzelgänger und mit dem Einstieg ins (fiktive) Institut für Deutsche Romantik begibt er sich vollends in den Elfenbeinturm. Konrad wird schnell zum Handschriften-Kenner und fängt an, selbst romantische Texte zu schreiben und dem Archiv unterzuschmuggeln. Alkohol, Palindrome („Dein Grab, Reittier, barg Neid.“) und ein nur heimlich bei sehr jungen Prostituierten von der Kurfürstenstraße ausgelebter Fußfetischismus – seine Freizeitaktivitäten sind eher düsterer Natur. Die Ehe zu einer Galeristin wird immer mehr zur Belastung und im Institut ist man seinen Fälschungen auf der Spur. Konrad bricht Hals über Kopf auf zu Tante, Onkel und Cousin nach Schwaben. Dort läuft das spießig-grauenvolle Gegenprogramm. Mutti kocht und putzt, kommt mit dem pubertären Sohn nicht mehr klar, während Vati in den Hobbykeller geht und mit elektrischen Apparaten Stimmen aus dem Jenseits aufnimmt.

Für Tante Marga ist der Besuch allerdings eine große Freude; Konrad wird Vermittler zwischen ihr und Sohn Benjamin. Doch dass Konrad den Cousin mit Geld besticht und später sogar mit dessen minderjähriger Freundin Sex hat, erfährt sie nicht. Überhaupt entwickelt sich Benjamin schnell zum unberechenbaren Gegenspieler, der zum Beispiel durchschaut, wie Konrad seinen Wein heimlich ins Haus bringt oder warum er aus Berlin geflohen ist. Auch wird Konrads eigene Vergangenheit – seine gewalttätigen Eltern starben bei einem Autounfall – plötzlich wieder aktuell. Er ist bald davon überzeugt, dass eigentlich er an Benjamins Stelle stehen sollte. Und so kommt es zu einem blutigen Mord.

„Thanatos“ in Kategorie-Schubladen zu stecken, ist unmöglich. Der Roman ist so etwas wie eine anspruchsvolle und anspielungsreiche Mischung aus Psychothriller, Beziehungsdrama und Gesellschaftsroman. Alle Figuren sind so brutal real gezeichnet, dass Konrads Weg in den Wahnsinn vollkommen konsequent erscheint. Ein böses Buch. Unbedingt lesen!

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