W.G. Sebald: Austerlitz

Dieser Roman ist etwas Besonderes. Nicht nur dass sich zahlreiche Fotos mitten in den Text und so in den Handlungsverlauf schieben, es ist vor allem die eindringliche, intensive Sprache, die einen (hat man sich erst einmal an die langen verschachtelten Sätze gewöhnt) in die trostlose Welt des Helden hinabzieht. Irgendwie ist es kaum zu glauben, dass „Austerlitz“ erst 2001, im Todesjahr des in England lehrenden Literaturwissenschaftlers und Germanisten Sebald, veröffentlicht wurde – so sehr behauptet sich das Buch gegen aktuelle Trends, so sehr scheint es aus einer anderen Zeit. Und auch wenn es abgedroschen klingt: Dieser Roman ist ein Klassiker.
Die Handlung ist schnell nacherzählt. Der Ich-Erzähler begegnet in den 1960ern dem Architekturhistoriker Jacques Austerlitz in Antwerpen. Man spricht zuerst über Gebäude und ihre Geschichte, dann (immer wieder mit jahrelangen Unterbrechungen) erzählt Austerlitz mehr von der Suche nach seiner eigenen Vergangenheit. Dass irgendwas mit ihm nicht stimmt, hat er nämlich schon als Kind gespürt und erst jetzt, im Alter, macht er sich auf, das Rätsel zu lösen. Die traurige Vergangenheit kommt schließlich ans Licht: Austerlitz wurde 1939 mit einem Kindertransport aus Prag nach England geschafft, kam in eine gefühlskalte Pfarrersfamilie in Wales und schlug schließlich eine akademische Laufbahn ein. Seine Eltern haben dagegen den Krieg Holocaust nicht überlebt.
Das Gefühl in einem falschen Leben zu stecken, durch Erinnerungsfetzen immer wieder darauf hingewiesen zu werden, dass in der eigenen Vergangenheit etwas Düsteres liegt, woran man aber lieber nicht rührt – all das wird so „echt“ geschildert, dass man schnell in den Bann des melancholischen Austerlitz‘ gerät.
Nicht nur die Lebensgeschichte selbst, auch die vielen Fotos mit den unspektakulären Motiven (ein dunkler Innenraum, ein spiegelndes Schaufenster usw.) sind sein Vermächtnis, denn Austerlitz vernichtete sämtliche eigene Aufzeichnungen. Und so ist der Roman ein eindringliches Erinnerungswerk, das auf Text- und Bildebene fasziniert und fesselt.

2 Kommentare

  1. „Seine Eltern haben dagegen den Krieg nicht überlebt …“ ist etwas irreführend: Sie haben den Holocaust nicht überlebt; die Austerlitz-Familie ist wie andere Millionen Juden sein Opfer.

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