David Foster Wallace: Schrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne mich

Was passiert eigentlich genau auf diesen riesigen, luxuriösen Kreuzfahrtschiffen? 1996 wurde der amerikanische Schriftsteller David Foster Wallace vom Harper’s Magazine auf eine Kreuzfahrt in die Karibik geschickt, um rauzufinden, ob die Versprechungen der üppigen Kataloge („Einfach die Seele baumeln lassen!“ oder „Den Alltagsstress vergessen!“) erfüllt werden. Dass Wallace ganz und gar kein typischer Kreuzfahrt-Tourist ist, das Geschehen an Bord eher als Außenseiter schildert, macht seinen Bericht so glaubwürdig und amüsant gleichzeitig.
Nun könnte man erwarten, dass Wallace alle Absonderlichkeiten einfach nur aufzählt oder über sie herzieht. Nein, er nimmt, soweit es seine unterschiedlichen Phobien denn zulassen, rege am Bordleben teil und ist von einigen Ritualen und Einrichtungen auch schnell begeistert. Sei es der regelmäßig aufgefüllte frische Obstkorb in seiner Kabine, der schnelle, unsichtbare Reinigungsservice oder einfach die Unterdruck-Toilette – Wallace schildert dies alles mit fast schon kindlicher Freude. Allerdings beobachtet er an sich selbst bald echte Gewöhnungserscheinungen und hat Lust, auch mal ordentlich rumzumotzen und sich über Kleinigkeiten zu beschweren.
Höhepunkte sind die Beschreibungen der Crew und der Mitreisenden. Da gibt es u.a. den sympathischen ungarischen Kellner Tibor (er „bewegt sich mit jener vogelartigen Ökonomie, die man bei kleinen, behänden Dicken oft vorfindet“), die Tischnachbarin Trudy („sie sah aus wie das Sechszigerjahre-Sitcom-Schwergewicht Jackie Gleason im Fummel“)  und Petra, das slawische Steward-Mädchen, das stets mit zwei Sätzen antwortet („Is no problem.“ und „You are a funny thing.“). Wallace ist auch ein genauer Beobachter der zwischenmenschlichen Beziehungen, er durchschaut die Hierarchien an Bord und die Verbindungen zwischen den Reisenden. So ist das Buch nicht einfach nur ein Bericht, sondern eher die knallharte und bissige Schilderung des Mikrokosmos Luxuskreuzfahrt.
Wallace versieht seinen Text mit umfangreichen Fußnoten und der Erzählstrang spaltet sich so in zwei oder drei Teile, ohne dass man selbst den Faden verliert. „Schrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne mich“ eignet sich also hervorragend, um die wenigen Wochen bis zum Erscheinen von „Unendlicher Spaß“ zu überbrücken, Wallace‘ bislang nicht übersetzten Mega-Roman aus dem Jahr 1996.

2 Kommentare

  1. Ich las neulich das erste Travel Book von Evelyn Waugh, Labels, in dem er auf einem Kreuzfahrtschiff durchs Mittelmeer schippert. Waugh ist ja einer der ersten Reiseschriftsteller, der nicht nur einfach recht begeistert von seiner Reise berichtet, sondern eher herummosert und sich über die kleinen Nebensächlichkeiten des Reisens und seine Mitreisenden amüsiert. Das erinnerte mich (wirklich nur ein bisschen) an „A Supposedly Fun Thing I’ll Never Do Again“ (ist der Originaltitel nicht viel schöner!) von Foster Wallace. Waugh steht auch eher beobachtend am Rand, wenn auch auf einer eher versnobte Art.

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