Matthias Frings: Der letzte Kommunist

Das Leben des Schriftstellers Ronald Schernikau ist so voll von geschichtsträchtigen Episoden, dass man sich fragt, warum erst 18 Jahre nach seinem Tod eine umfangreiche Biographie erscheint. Aber schon nach ein paar Seiten in Matthias Frings‘ dickem Buch „Der letzte Kommunist. Das traumhafte Leben des Ronald M. Schernikau“ wird klar, warum so viel Zeit vergehen musste. Um die Geschichte und vor allem den Ideenkosmos Schernikaus nachvollziehbar zu erzählen, braucht man einfach Zeit. Denn einen, der stets gegen den Strom schwamm und immer zwischen allen Stühlen saß, kann man nicht einfach so nebenbei abhandeln.

Als Schernikau 1989 kurz vor dem Mauerfall vom Westen in den Osten zog, war das Medienecho groß. Heute denkt manch einer, der ihn damals auslachte, vielleicht anders über DDR, BRD und Wiedervereinigung. Dass Frings sich ausführlich mit Schernikaus politischen Ansichten auseinandersetzt und sich dabei auch durchaus kritisch äußert, lässt ein vielschichtiges Bild seines Freundes entstehen. Die beiden hatten sich 1980 in Westberlin kennengelernt. Während sich Frings als Sachbuchautor und Hörfunkjournalist langsam einen Namen machte, bekam Schernikau seine Manuskripte bei keinem Verlag unter. Frings erzählt spannend und detailreich. Er verknüpft seine eigene Biographie mit der Schernikaus. Dazwischen schiebt er chronologische Kapitel aus dessen Kindheit und Jugend. Sein Buch ist also keine simple Heldenverehrung, eher ein dichtes zeitgeschichtliches Panorama.

Da sind vor allem die Schilderungen vom Leben im Westberlin der 80er und der Wendezeit. Und auch wenn diese Epoche von Sven Regener in „Herr Lehmann“ (2001) und Katja Lange-Müller in „Böse Schafe“ (2007) bereits stimmungsvoll beschrieben wurde, lernt man hier noch einiges dazu. Wie tickten die Linken im Westen? Was war los in der schwulen Szene? Wie lebte es sich damals in Kreuzberg? Was passierte als die ersten Freunde an AIDS erkrankten? Frings lässt in den Geschichten immer wieder Prominente wie Thomas Hermanns, Gayle Tufts, Marianne Rosenberg, Rosenstolz aber auch Elfriede Jelinek, Michael Naumann und Peter Hacks auftauchen und macht sein Buch damit abwechslungsreich und unterhaltsam. Auch die jüngere deutsche Literaturgeschichte kommt nicht zu kurz: Schernikau studierte als erster West-Autor am Deutschen Literaturinstitut, damals noch Literaturinstitut Johannes R. Becher, in Leipzig, also an der Institution, zu dessen Absolventen unter anderen Sarah Kirsch, Erich Loest, Clemens Meyer und Juli Zeh gehören.

Schernikaus eigene Texte, vom Erstling „kleinstadtnovelle“ bis zum nachgelassenen Werk „legende“, spielen natürlich die größte Rolle. Dabei stellt Frings die Werke immer in einem Zusammenhang, erläutert Entstehung und Inhalte und zitiert oft. Sein Buch ist also auch ein Überblick über das schriftstellerische Schaffen Schernikaus, kein reiner Lebensbericht und keine Anekdotensammlung. Schernikaus Opus Magnum, der monumentale Montageroman „legende“, konnte erst nach seinem frühen Tod und auch nur über eine Finanzierung durch Vorbestellungen erscheinen. Dank Frings Buch wurde „legende“ im Dresdner Verlag goldenbogen aber jetzt neu aufgelegt. Und damit hat Frings seinem Freund den größten Dienst erwiesen, dem man einen Schriftsteller überhaupt machen kann. Er hat ihn dem Vergessen entrissen.

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