Nadia Budde: Such dir was aus, aber beeil dich!

Wie fühlt sich Kindsein an? Sehen, riechen, hören Kinder anders als die Erwachsenen um sie herum? Dass das irgendwie so sein muss, ist ja jedem klar. Schließlich waren wir alle einmal klein. Doch mit den Jahren fällt einem nicht mehr auf, dass das Treppenhaus an manchen Tagen seltsam anders riecht. Man hat vergessen, wie es ist, Kaugummi in den Haaren zu haben. Und man weiß auch nicht mehr, welchen Spaß es macht, die Brottasche rumzuschleudern. Der Berliner Autorin und Illustratorin Nadia Budde ist mit „Such dir was aus, aber beeil dich!“ etwas besonderes gelungen. In zehn Kapiteln schildert sie persönliche Episoden aus ihrer Kindheit. Die auf den ersten Blick sperrigen Zeichnungen und die kurzen Texte fangen auf unglaubliche Weise typische Kindheitserfahrungen ein. Und auf jeder Seite wird man selbst unweigerlich in die eigene Kindheit zurückversetzt.

Dass Nadia Budde bereits einige eher klassische Bilderbücher produziert hat, darunter „Trauriger Tiger toastet Tomaten“ oder „Eins Zwei Drei Tier“, sieht man ihren neuen Buch sofort an. Statt einer starren Struktur mit Panels und Sprechblasen, wie sie etwas die Graphic Novels von Marjane Satrapi („Persepolis“) oder Alison Bechdel („Fun Home“) aufweisen, variieren die Text- und Bildanteile hier je nach Inhalt. Die handgeschriebenen Zeilen sind keine Zugaben, sondern fügen sich nahtlos in die Bilder ein. Die Zeichnungen liefern genau wie die kurzen Sätze nur Bruchstücke der Geschichte. So muss sich jeder Leser die Hintergründe selbst dazudenken. Die grob wirkenden Bilder mit ihren dicken, schwarzen Konturen entpuppen sich schnell als treffend eingefangene Momentaufnahmen. Da ist zum Beispiel der Kumpel aus Kreuzberg, der über Transparente von früher aufklärt: Bartstoppeln, gefärbte Haare, Augenringe, Anarchie-Shirt – mit nur wenigen Strichen werden die Figuren gekonnt charakterisiert.

Die Story ist schnell erzählt: Ein kleines Mädchen wächst bei den Großeltern auf dem Land auf und zieht irgendwann in die Großstadt. Die unterschiedlichen Episoden spielen dabei hin und wieder auf die Besonderheit einer DDR-Kindheit an (Ansteckblumen für die Bäuerinnen am Frauentag; Westbesuch, der ins Hausbuch des Wohnblocks eingeschrieben werden muss). Aber häufiger geht es um die manchmal seltsamen Gedanken und Gefühle, die jedes Kind kennt. Da wird u.a. gezeigt, wie sich Kinder die Vorgänge beim Nasenbluten vorstellen oder in einer makabren Geschichte erzählt, wie sich der personifizierte Tod auf dem Land mit seinem Kollegen aus der Stadt einen Kampf liefert. So vielschichtig, anspielungsreich und ironisch geht es in allen zehn Kapitel zu und so ist das Buch auch eher für ältere Kinder und natürlich Erwachsene geeignet, die dazu bereit sind, der eigenen Kindheit nachzuspüren.

„Such dir was aus, aber beeil dich!“ ist in der Fischer-Kinderbuchreihe „Die Bücher mit dem blauen Band“ erschienen. Einige Bilder aus dem Buch gibt es in dem lesenswerten Blog Jugendbuchtipps. Ein hörenswertes Interview mit Nadia Budde lief im April im Deutschlandfunk. Hier der Stream. Am Samstag, 20.06.2009, stellt Nadia Budde ihr Buch im Rahmen der 12. Literaturwoche Prenzlauer Berg im Theater o.N. (Kollwitzstr. 23) vor.

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.