Werner Busch: Das unklassische Bild

Schon wieder ein Buch über die Geschichte der Kunst! Doch auch wenn im Klappentext Renaissance bis 19. Jahrhundert als Zeitraum angegeben wird, liefert Werner Busch kein herkömmliches Überblickswerk. Im Gegenteil: Vom Berliner Kunsthistoriker kommt nichts weniger als eine überzeugende Theorie, die einen neuen Zugang zu Malerei und Grafik aus eben dieser Zeit ermöglicht. Die Geschichte der Kunst kann man heute aus vielen unterschiedlichen Perspektiven erzählen: Ob aus Sicht der Gattungen oder im Hinblick auf einzelne Künstlerbiografien – die Möglichkeiten sind nahezu unbegrenzt. Umso bestechender ist Buschs Spurensuche nach dem sogenannten Unklassischen. Von Tizian in Italien (16. Jh.) geht es über Rembrandt in Holland (17. Jh.) bis hin zu Constable in England  (18. Jh.) – immer wieder verdichtet sich die Theorie an bestimmten Punkten. Als Leser hat man stets das Gefühl, hier auch das Rüstzeug für den nächsten Galeriebesuch mitzubekommen – auch wenn gerade die drei Meister nicht ausgestellt sind.

Doch was ist eigentlich ein unklassisches Bild? Spätestens im 19. Jahrhundert verlor die in Kunstakademien entwickelte und verbreitete klassisch idealistische Kunsttheorie an Bedeutung. Seitdem ist auch eine Unterscheidung in klassisch und unklassisch hinfällig. Doch bis damals galt alles, was sich dieser idealistischen Theorie nicht unterordnen ließ, alles, was seit der Antike das negative Gegenstück zum klaren, korrekten, beherrschten Klassischen war, als unklassisch. Das Unklassische ist also alles Unklare, Unkorrekte und Unbeherrschte. Zitat Busch: „Der klassische Künstler […] gibt die Natur wieder, wie sie sein soll, der unklassische, wie sie ist.“ Und so lassen sich in der gesamten Kunstgeschichte des betreffenden Zeitraums gegensätzliche Künstlerpaare finden, die all dies verkörpern: Raphael und Michelangelo, Rubens und Rembrandt, Turner und Constable, Ingres und Delacroix, Joseph Anton Koch und Caspar David Friedrich. Zugrunde liegt all dem das alte idealistische Modell der Gegenüberstellung von Linie und Farbe. Dass Busch in seinen 14 Kapiteln aber auch noch viele andere Belege für das Unklassische im Werk einzelner Künstler findet, macht sein Buch nicht nur abwechslungsreich, sondern an manchen Stellen regelrecht spannend.

Der Einfluss der Naturwissenschaften auf die Künstler des 18. Jahrhunderts und die konkreten Folgen etwa von Newtons Ideen in Gemälden von Joseph Wright of Derby wird ebenfalls untersucht. So malte Wright seine späten Landschaften in den ungewöhnlichsten Farben. Für Busch ist das ein Beleg dafür, dass sich die unklassischen Künstler schon früh mit naturwissenschaftlichen, hier auch farbtheoretischen, Fragen auseinandersetzten. Diese völlig logisch hergeleiteten Überlegungen sind äußerst beeindruckend. An den vielen erstklassigen Abbildungen kann man die Thesen dann auch gleich selbst überprüfen. Und auch wenn beim Leser einige Grundkenntnisse in Sachen Druckgrafik, Ikonografie und Kunsttheorie vorausgesetzt werden, hat Werner Buschs „Das unklassische Bild“ (C.H.Beck, 29,90 €) selbst das Zeug zum Klassiker.

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