Die Kunst der Interpretation. Kupferstichkabinett Berlin

Kupferstichkabinett Berlin: Die Kunst der Interpretation

„Die Kunst der Interpretation. Italienische Reproduktionsgraphik von Mategna bis Carracci“ – Das hört sich im Titel zwar trocken und arg wissenschaftlich an, ist vor Ort, im Berliner Kupferstichkabinett am Kulturforum aber eine durchaus sehenswerte Ausstellung. Es geht um italienische Kupferstecher, die die neue Technik nicht mehr nur für eigene Erfindungen, sondern immer mehr auch dazu nutzen, Werke anderer Künstler, zumeist Zeichnungen, später auch Malerei und Skulptur, ins neue Medium zu übertragen. Dabei bleiben sie mal ganz genau an der Vorlage, mal interpretieren sie eher frei. In der Ausstellung hängen daher folgerichtig oft mehrere Blätter aus einem Zusammenhang (im Idealfall Zeichnung und dazugehöriger Kupferstich) nebeneinander und der Besucher übt sich im Suchen der Unterschiede. Allerdings – und dies ein Vorwurf, den man leider so vielen Ausstellungen machen kann – bei etwa 90 ausgestellten Werken fällt durchweg konzentriertes Sehen schwer. Weniger wäre auch hier mehr gewesen! Zu jedem Stück gibt es einen erläuternden Text, der sich allerdings nicht auf die dargestellten Inhalte, sondern auf  Zusammenhänge zu den Vorlagen, bzw. Interpretationen bezieht. Ikonographisches Wissen wird beim Besucher genauso vorausgesetzt, wie Kenntnisse in Sachen Technik. Wer wissen will, worin sich Holzschnitt, Kupferstich, Radierung oder Chiaroscuro-Holzschnitt voneinander unterscheiden, der kann zum Glück in den Vitrinen im Foyer noch einmal nachlesen. Wer sich von all dies nicht abschrecken lässt, erfreut sich an einigen selten gezeigten Grafiken. Sei es Ugo da Carpis „Hieronymus“ nach Tizian (über den sich mehr in Werner Buschs Buch „Das unklassische Bild“ erfahren lässt) oder Agostino Venezianos „Hexenritt“ nach Raffael – diese Kunstwerke können auch den beeindrucken, der kein Wissenschaftler ist.

2 Kommentare

  1. „Diese Kunstwerke können auch den beeindrucken, der kein Wissenschaftler ist“. Welch eine Arroganz hinter vorgetäuschter Publikums-Nähe! Das ist schlimmer als im Mittelalter, als man noch von der „Biblia pauperum“ sprach, so als seien Bilder für die Armen, die nicht lesen konnten. Frage: Wieso sollen in einer Demokratie nicht alle Menschen, die Augen haben, das Recht haben sie auch zu benutzen, um zu sagen, was sie sehen? Als Künstler wundert man sich immer wieder, dass es Menschen gibt, die sich nicht trauen, mit den eigenen Augen zu sehen und eine Meinung zu haben. Aber ganz unschuldig sind Sie daran nicht, – Sie, Sie…. – Wissenschaftler!!!

  2. Ich nehme an Sie haben die Ausstellung nicht gesehen? Und meinen Text haben Sie auch nicht aufmerksam gelesen! Die wirklich wunderbaren Blätter (an keiner Stelle behaupte ich dies könne nicht jeder sehen) wurden nur mit einem Hintergedanken präsentiert: Die Ausstellung war Rechtfertigung für eine wissenschaftliche Publikation und in keinster Weise für ein öffentliches Publikum gemacht. Finden Sie z.B. den Ausstellungstitel einladend? Was ich sagen wollte: Den Grafiken kann selbst so eine staubtrockene Forscher-Präsentation nichts antun. Sie können auch den beeindrucken, der kein Wissenschaftler ist und sich nicht von Theorien, Texten und Publikationen blenden lässt.

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