Colm Tóibín: Mütter und Söhne

Wenn es einen Song gibt, der die Stimmung von Colm Tóibíns kürzlich bei Hanser erschienenden Geschichtenband „Mütter und Söhne“ am besten trifft, dann Leonard Cohens „Famous Blue Raincoat“. So schwermütig und melancholisch ist nicht nur die Erzählung von Lisa, die dieses Lied früher einmal selbst gesungen hat. (Jetzt stöbert ihr Sohn in alten Platten und zwingt seine Mutter, sich wieder mit der tragischen Vergangenheit auseinanderzusetzen.) Auch wenn Nancy in der Geschichte „Die Parole“ vor ihrem kleinen Fast Food-Laden mitten in der Nacht den Schmutz ihrer Gäste wegräumt, damit die Nachbarn nicht noch häufiger hinter ihrem Rücken über sie reden oder die betagte Molly in „Ein Priester in der Familie“ ganz allein herausfindet, dass ihr erwachsener Sohn wegen Kindesmißbrauchs vor Gericht kommt – immer dann sind Cohen-Songs der passende Soundtrack. Dass die Mütter all dieser Jungen und Männer in den zehn Geschichten mal mehr oder mal weniger auftauchen, dass oft die Perspektiven wechseln – mal wird aus der Sicht des Sohnes, mal aus der Sicht der Mutter erzählt – machen das Buch insgesamt eher zu einem Band mit Familiengeschichten. Doch wie auch schon in Tóibíns hochgelobten Roman „Porträt des Meisters in mittleren Jahren“ sind es nicht die Ereignisse, die fesseln, sondern die ergreifenden Innenansichten der Figuren und ihr oft so schwieriges Miteinander. Während hin und wieder auch typische Irland-Bilder auftauchen, ist die quasi zeitentrückte Geschichte „Ein langer Winter“ jedoch am beeindruckendsten und stärksten. Der Ire Tóibín, der auch lange Zeit in Spanien lebte, erzählt hier von einer kleinen Familie in den spanischen Bergen, deren Mutter und Ehefrau in Wut wegläuft und in einem schweren Schneesturm umkommt. Wie Vater und Sohn damit zurechtkommen, wie sich der Sohn später ohne viele Worte mit einem ins Haus geholten Angstellten anfreundet, wie die wortkargen Dorfbewohner auf die Außenseiterfamilie reagieren – all dies ist so eindringlich beschrieben, dass die Geschichte am besten doppelt so lang geworden wäre.
Doch mit dem Anfang Mai in Großbritannien erscheinenden Roman „Brooklyn“, der von einer Irin erzählt, die sich in den 1950er Jahren auf nach New York macht, gibt es bald wieder mehr Lesestoff von Tóibín. Für die Zwischenzeit empfiehlt sich die Lektüre der Kurzgeschichte „The Color of Shadows“ beim New Yorker!
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1 Kommentar

  1. Hallo mulliner, Tóibín ist wirklich eienr der interessantesten zeitgenössischen Autoren nicht nur Irlands, „Mothers and Sons“ liegt bereits auf meinem Schreibtisch, aus Zeitgründen noch ungelesen, und von dem Henry-James Roman „The Master“ war ich wirklich angetan, obwohl mir Henry James als Autor gar nicht so viel sagt. Danke für den Tipp im „New Yorker“!

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