T.C.Boyle: Die Frauen

Ein Roman über einen Architekten. Weniger einfallsreiche Autoren hätte wohl eine klassische Künstlerbiografie geschrieben: Lehrjahre, die Suche nach Aufträgen, die ersten Entwürfe und so weiter. Nicht so T.C. Boyle – für ihn steht das Leben Frank Lloyd Wrights, den man durchaus als Amerikas berühmtesten Architekten bezeichnen kann, im Mittelpunkt; besser gesagt seine Frauen. Boyle, der in einem echten Wright-Haus lebt, fand jede Menge romantauglichen Stoff. Ehebruch, Flucht, Mord – einige Jahrzehnte im Leben von Wright und seinen Frauen wurden von den Schlagzeilen in der Presse bestimmt. So ist Boyles Roman keine reine Biografie, sondern eher ein dramatischer Roman, der den Umgang der amerikanischen Öffentlichkeit mit einem außergewöhnlichen Mann und seinem Leben abseits der damaligen Konventionen zeigt.

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Tadashi und Wrieto-San

Es gehört zu den Stärken von „Die Frauen“, dass Boyle Wrights Leben weder vollständig noch chronologisch schildert, beziehungsweise schildern lässt. Erzähler ist nämlich Tadashi Sato, ein fiktiver Schüler des Architekten, der nicht nur die umfassenden Einleitungen zu den drei Teilen schreibt, sondern in vielen Fußnoten aus seinem eigenen Leben und von der Zusammenarbeit mit dem Übersetzer seines Textes, gleichzeitig sein Schwiegersohn, plaudert. Wright und seine Frauen, Tadashis Blick darauf viele Jahre später und dann die Übersetzung aus dem Japanischen – Realität und Fiktion werden hier durch mehrere Ebenen meisterhaft verwoben. Da Tadashi die großen Affären seines Lehrers, den er Wrieto-San nennt, rückwärts erzählt, er mit der letzten Ehefrau beginnt und mit der ersten Geliebten aufhört, ist auch hier der Leser gefordert. Immer wieder werden Ereignisse erwähnt und angedeutet, die in der Vergangenheit liegen, aber im Buch erst noch erzählt werden müssen. Dadurch wird die Spannung an manchen Stellen unglaublich gesteigert.

Olga, Miriam und Mamah

Die drei Teile des Romans sind jeweils einer von Wrights Frauen gewidmet, auch wenn Kapitel immer mal wieder aus der Perspektive der entsprechenden Rivalin oder Wrights selbst geschrieben sind. Olga, die junge und schüchterne Tänzerin, wird schwanger und bekommt den Hass der Furie Miriam zu spüren, die nach dem Mord an seiner Seelenverwandten Mamah, den Architekten zu trösten vermochte. Die Charaktere der Frauen sind so unterschiedlich, dass man sie während der Lektüre schnell auseinanderhalten kann. Doch gleichen sich die Konflikte. Sei es die Rachsucht der verlassenen Miriam oder der Spott der empörten, Sünde und Unmoral vermutenden Öffentlichkeit – sobald sich Frank Lloyd Wright neu verliebt, gibt es Probleme. Dass gerade egozentrische Künstler einen hohen Bedarf an neuen, oft jüngeren Frauen haben, sie vielleicht auch brauchen, um sich stets künstlerisch neu zu erfinden, ist ja nichts Neues (man denke an Picasso). Doch dass dies ein gesamtes Land in so hysterische Aufregung zu versetzen vermag, sagt mehr über das Land aus, als über den Mann. Das konservative, prüde und bigotte Amerika bekommt ordentlich sein Fett weg. Die fiesen Paparazzi genauso wie die spießigen Vorstadtidyllen à la Oak Park, einer kleinbürgerlichen Hölle mit adretten Vorgärten.
Wer sich nun hauptsächlich für Wrights Architektur interessiert, sollte seine Autobiografie, die Bücher von Secrest oder Huxtable zur Hand nehmen. „Die Frauen“ dagegen ist ein spannender, schonungsloser und nervenaufreibender Gesellschaftsroman.

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