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Jasper Fforde: Der Fall Jane Eyre

Samstag, 20. August 2011 13:51

Eigentlich wurde ja schon oft genug geschrieben, wie toll die Romane des Walisers Jasper Fforde sind (zuletzt z.B. hier, hier und hier). Seine Romanreihe um die Heldin Thursday Next (siehe auch den Wikipedia-Eintrag) ist aber so abgefahren und unterhaltsam, dass ich hier noch einmal eine dringende Leseempfehlung für all jene aussprechen möchte, die sich sonst eigentlich nur für die großen Literaturklassiker interessieren. Fforde ist ein hervorragender Kenner der Literaturgeschichte, er hat aber so viel Fantasie und Witz, dass er bekannte Geschichten von Dickens, Poe, Kafka, Austen usw. nicht einfach nur umschreibt oder ihnen Helden entnimmt und sie z.B. in die Gegenwart versetzt. Nein, das Allergrößte an Ffordes Romanen ist, dass er unbändige Lust auf das Lesen der Klassiker selbst macht. Allein die Handlung von “Der Fall Jane Eyre”, dem ersten Buch der Folge, ist verrückt genug, aber wie Fforde dem unwissenden Leser (ich gehörte dazu) vorgaukelt, dass Charlotte Brontës Roman ein ganz anderes Ende hätte und erst Literaturagentin Thursday Next durch ihr Eingreifen das Ende so hinbiegt, wie es heute wirklich im Buch steht - das ist ziemlich gerissen. Da einige Personen in Ffordes Büchern in andere Texte einsteigen und immer dann, wenn der Erzähler nicht da ist, sozusagen hinter den Kulissen agieren, bekommen wir die Romanklassiker noch einmal (bzw. zum ersten Mal) aus ungewöhnlicher Perspektive präsentiert. Ja, Fforde hat sich sogar Gedanken gemacht, wie unterschiedlich man sich in den Romanwelten je nach Erzählperspektive des Textes bewegen kann.
Und weil im Dezember eine neue Verfilmung von “Jane Eyre” in die Kinos kommt, die schon jetzt als Meisterwerk gefeiert wird und dtv die Thursday Next-Reihe in einer kitschig-bunten neuen Edition herausbringt, ist genau jetzt der richtige Zeitpunkt, Ffordes Bücher zu lesen und sich von seiner Literaturbegeisterung anstecken zu lassen!

Thema: Literatur | Kommentare (0) | Autor: Steffen

“Ach! Eine Madeleine?” Proust als Comic

Samstag, 9. Oktober 2010 14:46

Eine wahres Mammutprojekt: Der französische Zeichner Stéphane Heuet hat sich vorgenommen, die kompletten sieben Bände von Marcel Prousts “Auf der Suche nach der verlorenen Zeit” als Graphic Novel umzusetzen. Der reine Umfang und vor allem die Vielzahl an Gedankenfäden, Abschweifungen, Anspielungen und Zeitsprüngen machen dies zu einem nicht ganz einfachen Unternehmen. Doch Heuet hat diese Hürde locker genommen!
Für alle die vor Proust zurückschrecken, ist der vor kurzem auf Deutsch erschienene erste Band der Comic-Fassung (”Combray”) eine gute Möglichkeit, sich einen ersten Eindruck zu verschaffen. Heuet gelingt es nämlich, dank klassischer Zeichnungen und historischer Nähe, eine echte Proust-Stimmung zu verbreiten. Dabei erkennt jeder, der Proust selbst gelesen hat, dass der Zeichner nur einige Szenen auswählte, auswählen musste, viel wegließ und viel verdichtete. Wie alle guten Adaptionen, etwa Romanverfilmungen, interpretiert Heuet den Ausgangsstoff neu und trifft doch den Kern ohne zu sehr an der Vorlage zu kleben.
Da ist zum Beispiel die berühmte Madeleine-Episode (die meiner Meinung nach nur so berühmt ist, weil sie bei Proust so weit vorn im Roman steht): An einem kalten Tag isst der erwachsene Marcel bei seiner Mutter ein Stück von dem typisch französischen Gebäck und trinkt dazu heißen Tee. Die Dampfschwaden ziehen sich bei Heuet von Bild zu Bild und zaubern auf der nächsten Doppelseite ein schönes, fast kitschiges idealisiertes Bild aus Marcels Kindheit hervor.
Dann gibt es sogar Seiten bei denen Heuet, der übrigens seit mehr als 10 Jahren an seinem Projekt arbeitet, Proust überlegen ist. Denn welcher Leser hat heute noch die Fresken Giottos in der Arenakapelle in Padua im Kopf? Wenn Proust also im Buch das Küchenmädchen und andere Frauen mit Giotto-Figuren vergleicht, stellt Heuet seine Giotto-Zeichnungen neben den Text und fügt Proust so eine weitere Dimension hinzu. (Das im letzten Jahr erschienene sehr schöne Buch von Eric Karpeles sammelt indes alle bei Proust erwähnten Original-Gemälde.)
Noch viel könnte man über den Aufbau des Comics sagen, man könnte einzelne Textstellen vergleichen oder Einzelbilder interpretieren. Ein großer Vorteil von Heuets Comic-Version ist, dass sie auf vielen Ebenen funktioniert, sie den Erstleser genauso anspricht, wie den Experten. Dank der vielen Einzelheiten in den Bildern kann man den großformatigen Band auch immer wieder zur Hand nehmen, darin lesen und Neues finden, so wie bei Proust selbst.
In dieser Woche war Stéphane Heuet auf der Frankfurter Buchmesse. Ein Video vom Aufritt und mehr über sein Buch hier und hier.
Stephane Heuet Auf der Suche nach der verlorenen Zeit
Abbildung mit freundlicher Genehmigung vom Knesebeck-Verlag

“Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Combray”
Marcel Proust, Stéphane Heuet
32,0 x 23,0 cm,
Gebunden, 72 Seiten, mit 400 Illustrationen
ISBN 978-3-86873-261-0
Preis: 19,95 € (D)
33,50 sFr ⁄20,60 € (A)

Thema: Kunst, Literatur | Kommentare (3) | Autor: Steffen

Neue Literatur aus Amerika: Meyer, Morgan, Galchen

Samstag, 19. Juni 2010 13:21

20 Autoren unter 40. Im aktuellen Summer Fiction Issue des New Yorker werden Kurzgeschichten junger amerikanischer Autoren vorgestellt. Natürlich kann man gleich hinterfragen, was heutzutage jung oder amerikanisch denn eigentlich bedeutet. Aber weil sich die Herausgeber bei der Mischung der 20 Autoren große Mühe gegeben haben, ist die Auswahl bunt und abwechslungsreich. Und ein Tipp für deutsche Leser allemal, da viele Autoren gerade erst oder noch gar nicht übersetzt wurden. Daher will ich hier drei Autoren und ihr Werk vorstellen.
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Thema: Literatur | Kommentare (1) | Autor: Steffen

Leo Perutz: Der Meister des Jüngsten Tages

Montag, 14. Juni 2010 20:35

Eine Reihe rätselhafter Selbstmorde erschüttert Wien. Gottfried Adalbert Freiherr von Yosch und Klettenfeld, so der komplette Name des Ich-Erzählers, schwört im Vorwort, die volle Wahrheit wiederzugeben. Doch nicht nur weil er selbst direkt in die Ereignisse verwickelt ist, sondern vor allem weil er sich oft widerspricht und andere Personen Kritisches über ihn äußern, sollte man als Leser vorsichtig mit Yoschs Schilderungen umgehen.
Weil nun aber so unmittelbar von den tragischen Selbstmorden (oder doch Morden?) berichtet wird, der kurze Roman vor An- und Vorausdeutungen nur so wimmelt, ist man sofort und bis zur letzten Seite gefesselt.
Dass Adorno, Benjamin und Borges zu den Fans von Perutz’ “Der Meister des Jüngsten Tages” zählten, zeigt ja schon, dass der Roman mehr ist als ein ganz normaler Krimi. Perutz baut psychoanalytische Erkenntnisse genauso clever in seinen Text wie Fragen der Moral, Identität und Realität.
Zum Inhalt wird jetzt nicht viel verraten. Nur soviel: Wer Umberto Ecos “Der Name der Rose” spannend aber zu dick fand, sollte zu Perutz greifen! Wer sich vorher doch informieren möchte, liest den umfangreichen Wikipedia-Eintrag. (Nur der genaue Titel des am Romananfang gespielten Brahms-Stückes muss nachgereicht werden: H-Dur-Trio op.8.)

Thema: Literatur | Kommentare (2) | Autor: Steffen

James Hamilton-Paterson: Kochen mit Fernet-Branca

Mittwoch, 19. Mai 2010 19:04

Nein. Das ist kein Kochbuch. Zwar finden sich in “Kochen mit Fernet-Branca” tatsächlich einige Rezepte, doch wer würde so etwas wie Fischkuchen, Alien Pie (inkl. 1 kg geräucherter Katze) oder Fischotter mit Langustensauce wirklich nachkochen? Stattdessen liefert der Brite Hamilton-Peterson mit seinem amüsant-verrückten Roman eine Mischung aus Thriller und Kulturbetriebs-Satire. mehr

Thema: Literatur | Kommentare (0) | Autor: Steffen

Martin Page: Antoine oder die Idiotie

Samstag, 8. Mai 2010 9:00

Dumm aber glücklich. Das hört sich ja eigentlich ganz logisch an. Doch wie findet man heraus, ob das nicht nur ein platter Spruch, ein Klischee ist, sondern wirklich stimmt? Antoine, Held im gleichnamigen Roman des Franzosen Martin Page, hat genug von seiner Intelligenz, die angeblich Schuld an seinem Unglück, seiner Einsamkeit und seiner Armut ist. Also entscheidet er sich für die Dummheit. mehr

Thema: Literatur | Kommentare (1) | Autor: Steffen

Roberto Bolaño: 2666

Dienstag, 6. April 2010 9:25

Es ist schon viel über Roberto Bolaños letzten Roman “2666″ geschrieben worden. Auf der Homepage des Verlages erläutert Tobias Lehmkuhl die fünf Teile des ingesamt über 1000 Seiten dicken Buches. Unter www.zwei666.de finden sich Einträge unterschiedlicher Autoren, die “2666″ im letzten Jahr gemeinsam lasen. Daher will ich hier auf eine Inhaltsangabe verzichten (alle Erzählstränge und Personen anzusprechen, würde sowieso den Rahmen sprengen), sondern stattdessen auf einige mir wichtige Motive eingehen. [...]

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Meg Mullins: The Rug Merchant

Mittwoch, 18. November 2009 18:10

Die alte Geschichte: Liebe gegen jede Konvention. Ushman, iranischer Teppichhändler in New York, und die viel jüngere Stella, amerikanische College-Studentin, verlieben sich ineinander. Alter, Nation, sozialer Rang - es scheint fast, als ob Meg Mullins in ihrem Roman “The Rug Merchant” (auf Deutsch erschienen als “Der Teppichhändler“) möglichst krasse Gegensätze konstruieren wollte. Doch dann kommt gerade nicht, was der Leser eigentlich erwartet hätte. Keine Familien, die Einspruch gegen die Beziehung erheben, keine Freunde, die davon abraten. Stattdessen wird das trostlose, traurige Leben Ushmans geschildert und wie er bei Stella zum ersten Mal echte Liebe und Aufmerksamkeit findet.
Der stille Ushman verkauft teure Teppiche, die ihm seine Ehefrau aus dem Iran in die USA schickt. Geplant war, dass sie ihm irgendwann folgt. Doch die Fernbeziehung zerbricht und Ushmans Pläne für die Zukunft gleich mit. Verzweifelt irrt er durch die Stadt, steht oft einsam am Flughafen in der Hoffnung, gleich seine Frau zu empfangen oder einfach den nächsten Flug zu ihr zu nehmen. Dort trifft er Stella, die eben ihre Eltern in den Italienurlaub verabschiedet hat. Sie wechseln ein paar Worte, trinken einen Kaffee, er gibt ihr seine Karte. Als Stellas Mutter in Italien plötzlich einen Selbstmordversuch unternimmt, meldet sie sich bei ihm. Die Einsamkeit führt sie zusammen. Einige Wochen dauert die Beziehung. Der melancholische Ushman scheint sich dabei immer bewusst, dass dies alles sehr schnell zu Ende sein könnte. Und als schließlich der Mann seiner besten Kundin stirbt und diese plötzlich in direkte Konkurrenz zu Stella tritt, ist es vorbei.
“The Rug Merchant” ist eine stimmungsvolle Liebesgeschichte mit vielen kleinen Szenen, die wunderbar beobachtet und beschrieben sind: Die Blicke von Stellas Mitschülerinnen, der Besuch in einem Diner, das Gespräch mit einer chinesischen Nutte. Keine großen dramatischen Cliffhanger, sondern alltägliche Kleinigkeiten, die umso mehr berühren. Nein, dieses Büchlein wird sicher nicht in die Literaturgeschichte eingehen und doch ist es eine perfekte, leichte Herbstlektüre!

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Helmut Krausser: Thanatos

Montag, 5. Oktober 2009 17:34

Da kommt einer mit Ehe und Beruf nicht mehr zurecht und steigt aus. Dass der Literaturwissenschaftler und Romantik-Experte Konrad nicht nach Amerika oder zumindest in eine fremde Großstadt, sondern zur kleinbürgerlichen Verwandtschaft nach Süddeutschland flieht, zeigt schon, welch ungewöhnlichen Wege Helmut Kraussers Romanheld noch gehen wird. “Thanatos” (1996) ist so etwas wie das Gegenstück zum philosophisch-esoterischen Selbstfindungsroman “Nachtzug nach Lissabon” (2004) von Pascal Mercier. Während dort ein Lehrer in Lissabon letztlich zu sich selbst findet, verliert sich Konrad in “Thanatos” völlig, spaltet sich in mehrere Identitäten auf und erliegt schließlich, ganz wie der Romantitel es vorhersagt, dem Todestrieb. [...]

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Tom McCarthy: 8 1/2 Millionen

Montag, 24. August 2009 10:02

Da bekommt der Held als Entschädigung für einen nicht von ihm verursachten Unfall genau 8 1/2 Millionen Pfund gezahlt und dann das. Anstatt sich lang gehegte Träume zu erfüllen, zum Beispiel das triste London gegen eine Südseeinsel einzutauschen, geht er - auf den ersten Blick - ziemlich verrückten Ideen nach, widmet sich dem “Nachspielen” von Visionen und tatsächlich erlebten, meist zufälligen Begebenheiten. Sein Ziel ist es, endlich wieder “echt” zu sein. Denn der Unfall hat wohl einiges in seinem Kopf durcheinandergebracht.
Eigentlich ist es unmöglich Tom McCarthys Roman “8 1/2 Millionen” (erschienen bei diaphanes) kurz zusammenzufassen. Viel zu schnell hört sich alles verschroben und schräg an, was in der langen Version logisch und konsequent scheint. Schritt für Schritt erzählt der Held von seiner Genesung, wie er sein Geld schnell durch Aktienspekulation vermehrt und wie er auf der Suche nach sich selbst auf die Idee kommt, Zeit quasi anzuhalten und in immer größeren Projekten Ereignisse nachspielt. Er bemerkt, dass ihm nach dem Unfall eigentlich lang Vergessenes wieder einfällt und so ist es Anfangs eine Suche nach der eigenen Vergangenheit. Er baut sich die erste Vision bis in kleinste Einzelheiten nach - ein Klavierspieler übt tagelang Rachmaninow, die Frau in der Wohnung unter ihm brät tonnenweise Leber, weil er sich an den Geruch erinnert. Gedächtnislücken kennzeichnet er weiss: Eine andere Frau, an dessen Gesicht er sich nicht erinnert, trägt eine Maske.
Immer und immer wieder lässt er kleinste Bewegungen wiederholen. Gelungen ist alles erst dann, wenn er ein Kribbeln in der Wirbelsäule spürt. Später driftet er regelrecht weg, fällt in Trance. Und natürlich kommt eins zum anderen. Erst das Haus, dann eine Autowerkstatt, ein Mord auf offener Straße, dann ein Banküberfall: Alles wird nachgebaut, etliche Menschen spielen die Realität nach - auch wenn der Erzähler gerade nicht vor Ort ist. In einer weiteren Vision wird das Nachgespielte dann wiederum in die Realität gesetzt. Und in einem großen Finale fallen beide Ebenen wieder zusammen.
So etwas wie “8 1/2 Millionen” gibt es selten: ein Roman mit Spannung und philosophischem Tiefgang gleichzeitig. Wie der Held kann man sich schnell in Gedankenschleifen verlieren und dann ist alles so, wie in dem oft zitierten Song von den Propellerheads: “… and I’ve seen it before, and I’ll see it again, yes I’ve seen it before, just little bits of history repeating”.

Thema: Literatur | Kommentare (2) | Autor: Steffen