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Das beste Literaturmagazin der Welt: Slightly Foxed

Donnerstag, 8. April 2010 9:04

Es kann ja gar nicht oft genug auf das großartige “Slightly Foxed” aus England hingewiesen werden. Nicht nur, dass das Magazin mit ganz persönlichen Buchbesprechungen nach wie vor wunderbar oldfashioned auf Papier erscheint (und nicht als  App), vor kurzem haben die beiden Herausgeber Gail Pirkis und Hazel Wood im krisengeschüttelten London auch noch einen alten Buchladen übernommen (South Kensington, 123 Gloucester Road).
In mal enthusiastischen, mal informativen, aber immer leidenschaftlichen Kurzessays werden in Heft 25, der aktuellen Frühlingsausgabe, Bücher von so unterschiedlichen Autoren wie Janet EvanovichJohn Kenneth Galbraith oder Edith Sitwell besprochen. Es geht diesmal also um Abenteuer einer Kopfgeldjägerin, um den Aufbau des Sozialstaats und englische Exzentriker - wenn das keine wilde Themenmischung ist!
Im Vorwort berichten die Herausgeber regelmässig aus ihrem Büroalltag und wenn das Abo schon wieder ausläuft, bekommt man keine Mail, sondern einen sympathischen Erinnerungsbrief.
Kurz: “Slightly Foxed” ist Pflichtlektüre für alle Büchernarren und Bibliomanen!

Thema: Literatur | Kommentare (0) | Autor: Steffen

Tom McCarthy: 8 1/2 Millionen

Montag, 24. August 2009 10:02

Da bekommt der Held als Entschädigung für einen nicht von ihm verursachten Unfall genau 8 1/2 Millionen Pfund gezahlt und dann das. Anstatt sich lang gehegte Träume zu erfüllen, zum Beispiel das triste London gegen eine Südseeinsel einzutauschen, geht er - auf den ersten Blick - ziemlich verrückten Ideen nach, widmet sich dem “Nachspielen” von Visionen und tatsächlich erlebten, meist zufälligen Begebenheiten. Sein Ziel ist es, endlich wieder “echt” zu sein. Denn der Unfall hat wohl einiges in seinem Kopf durcheinandergebracht.
Eigentlich ist es unmöglich Tom McCarthys Roman “8 1/2 Millionen” (erschienen bei diaphanes) kurz zusammenzufassen. Viel zu schnell hört sich alles verschroben und schräg an, was in der langen Version logisch und konsequent scheint. Schritt für Schritt erzählt der Held von seiner Genesung, wie er sein Geld schnell durch Aktienspekulation vermehrt und wie er auf der Suche nach sich selbst auf die Idee kommt, Zeit quasi anzuhalten und in immer größeren Projekten Ereignisse nachspielt. Er bemerkt, dass ihm nach dem Unfall eigentlich lang Vergessenes wieder einfällt und so ist es Anfangs eine Suche nach der eigenen Vergangenheit. Er baut sich die erste Vision bis in kleinste Einzelheiten nach - ein Klavierspieler übt tagelang Rachmaninow, die Frau in der Wohnung unter ihm brät tonnenweise Leber, weil er sich an den Geruch erinnert. Gedächtnislücken kennzeichnet er weiss: Eine andere Frau, an dessen Gesicht er sich nicht erinnert, trägt eine Maske.
Immer und immer wieder lässt er kleinste Bewegungen wiederholen. Gelungen ist alles erst dann, wenn er ein Kribbeln in der Wirbelsäule spürt. Später driftet er regelrecht weg, fällt in Trance. Und natürlich kommt eins zum anderen. Erst das Haus, dann eine Autowerkstatt, ein Mord auf offener Straße, dann ein Banküberfall: Alles wird nachgebaut, etliche Menschen spielen die Realität nach - auch wenn der Erzähler gerade nicht vor Ort ist. In einer weiteren Vision wird das Nachgespielte dann wiederum in die Realität gesetzt. Und in einem großen Finale fallen beide Ebenen wieder zusammen.
So etwas wie “8 1/2 Millionen” gibt es selten: ein Roman mit Spannung und philosophischem Tiefgang gleichzeitig. Wie der Held kann man sich schnell in Gedankenschleifen verlieren und dann ist alles so, wie in dem oft zitierten Song von den Propellerheads: “… and I’ve seen it before, and I’ll see it again, yes I’ve seen it before, just little bits of history repeating”.

Thema: Literatur | Kommentare (2) | Autor: Steffen

Max Beerbohm: Enoch Soames

Freitag, 12. Juni 2009 9:05

Sind es wirklich Ruhm und Ehre, für die Schriftsteller schreiben? Max Beerbohm, englischer Kritiker, Essayist und Karikaturist, ist dieser Frage 1919 in seiner Erzählung “Enoch Soames” im Band “Seven Men” konsequent nachgegangen. Denn was passiert mit Autoren, wenn sich Erfolg und Anerkennung auch nach Jahren nicht einstellen? Bei Beerbohm werden sie vom Teufel geholt!

Doch der Reihe nach: Da ist also der verlotterte, erfolglose Autor Enoch Soames, dessen Texte zwar veröffentlicht, aber von niemandem wahrgenommen werden. Der Erzähler Beerbohm erlebt über die Jahre den Abstieg seines Kollegen und wird schließlich Zeuge, wie dieser einen Pakt mit dem Teufel eingeht. Enoch will nichts anderes, als genau 100 Jahre später, also 1997, für einige Stunden im Lesesaal des British Museum in Lexika nach Spuren seiner Schriftstellerexistenz suchen. Doch zu seinem großen Unglück findet er keine Artikel und Abhandlungen über seine Bücher, sondern etwas über Beerbohm.

Und genau hier bekommt  Beerbohms Künstlertragödie einen ordentlichen Schuss Science Fiction, so philosophisch, dass Stanisław Lem die Geschichte sicher gemocht hätte. Soames liest nämlich, dass Beerbohm über ihn eine Geschichte schrieb - also genau jene, die wir auch gerade lesen! Seine Notizen aus einem Lexikon bestehen aus einer Art Lautschrift, denn in 100 Jahren hat sich nicht nur das Aussehen der Menschen (Uniformen, kurzgeschorene Haare), sondern auch die Sprache verändert. Und in diesem Artikel wird er selbst zum fiktiven Charakter gemacht. Völlig willenlos und gebrochen lässt sich Soames vom Teufel holen. Doch das raffinierte Spiel mit Realität und Fiktion geht weiter - auch wenn der Text zu Ende ist. Denn damit Enoch nie vergessen wird, hat sich eine nach ihm benannte Society gegründet. Doch hätte das der Teufel nicht wissen müssen?

Thema: Literatur | Kommentare (0) | Autor: Steffen

Royal Academy of Arts London: Kuniyoshi

Mittwoch, 27. Mai 2009 8:45

Utagawa Kuniyoshi in der Royal Academy of Arts in London

Noch ein paar Tage ist in der Royal Academy of Arts eine wunderbare Ausstellung mit Farbholzschnitten des Japaners Utagawa Kuniyoshi (1797-1861) zu sehen. Über 150 Drucke des jüngeren Konkurrenten vom in Europa bekannteren Katsushika Hokusai (1760-1849) zeigen, wie unglaublich vielfältig und kreativ die Künstler auch in der letzten Phase des sogenannten Ukiyo-e (Sammelbegriff für bürgerliche Populärkultur vom 16. bis zum 19. Jahrhundert) waren. Die Ausstellung ist in sechs thematische Blöcke gegliedert und zeigt Illustrationen zu Heldensagen, Frauenporträts, Landschaften, Theaterszenen und Satiren. Reale Ereignisse aus der japanischen Geschichte (die aufgrund strenger Zensurbestimmungen aber immer nicht genau benannt werden durften) haben Kuniyoshi genauso inspiriert wie das zeitgenössische Kabuki-Theater. Besondere Highlights der Schau sind allerdings die satirischen Blätter, in denen der Künstler Tiere, z.B. Kraken, wie Menschen agieren lässt. Dass japanische Kunst die Europäer beeinflusst hat, ist inzwischen bekannt. Aber dass ein Austausch auch in die andere Richtung stattfand, wird in London am Original bewiesen: Kuniyoshi benutzte Motive niederländischer Illustrationen für eigene Werke. In der Ausstellung werden beide nebeneinander gezeigt. Für alle die sich jetzt durch Kuniyoshis Werk klicken wollen, sei diese Seite empfohlen.

Thema: Kunst | Kommentare (0) | Autor: Steffen

Ein Ort mit Geschichte(n): Charing Cross Road Nr. 84 heute

Montag, 25. Mai 2009 9:13

84 Charing Cross Road, London

Dieses Buch ist Pflichtlektüre für alle Literaturliebhaber und alle Bibliomanen: Helene Hanffs “84 Charing Cross Road” (1970) wurde in der englischsprachigen Welt schnell ein Klassiker. Doch schon bald nach Erscheinen musste das Londoner Antiquariat Marks & Co. schließen. Im Mai 2009 steht das Geschäft in der belebten Charing Cross Road schon wieder leer, ein Schild am Haus weist darauf hin, dass es zu vermieten ist. Immerhin findet sich eine Gedenkplakette an der Hauswand. Schräg gegenüber, im Palace Theatre, läuft übrigens gerade das Musical “Priscilla”. mehr Fotos

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Slightly Foxed: Ein Literaturmagazin für unabhängige Leser

Donnerstag, 21. Mai 2009 10:14

Vier mal im Jahr erscheint in London ein auf den ersten Blick etwas unscheinbares Literaturmagazin, dessen Name übersetzt so viel bedeutet wie “leicht stockfleckig”. Hier geht es um Bücher, die nicht stapelweise auf den Bestseller-Tischen der Buchläden liegen (oder lagen). Dass viele Veröffentlichungen, auch oft älteren Datums, es durchaus verdient haben, gelesen zu werden, ist das Hauptanliegen der Herausgeber und Autoren von “Slightly Foxed“. Ohne viel Drumherum (keine Fotostrecken, keine Leserbriefe, keine Gewinnspiele) stellen unterschiedliche Autoren (meist selbst Schriftsteller, auch mal Buchhändler oder Kritiker - allesamt also erfahrene Leser) ihre Lieblingsbücher vor. Häufig sind diese nicht mehr lieferbar und in einer Fußnote wird man darüber aufgeklärt, in welchem Verlag das besprochene Buch wann zuletzt erschienen ist. Dabei können Romane genauso wie Kinderbücher, Biografien oder Sachbücher besprochen werden. Heft 18 (Sommer 2008) beispielsweise brachte Klassiker der Reiseliteratur, von denen einige auch auf Deutsch erschienen (u.a. Nicolas Bouvier: “Die Erfahrung der Welt“). Aber es gab auch Essays zu Virginia Woolfs “Mrs. Dalloway” oder zum im Königreich gern gelesenen W.G. Sebald (”Die Ringe des Saturn“). Inzwischen erscheinen bei “Slightly Foxed” auch eigene Bücher, allesamt vergessene Perlen, die wie die in den Rezensionen besprochenen nur darauf warten, entdeckt zu werden.

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Eduardo Paolozzi: Newton

Mittwoch, 20. Mai 2009 11:47

Eduardo Paolozzi: Newton

Eduardo Paolozzi: Newton (after Blake)

Der in Schottland geborene Paolozzi (1924-2005) war einer der wichtigsten britischen Pop Art-Künstler. Neben Drucken und Collagen sind vor allem seine Arbeiten für den öffentlichen Raum berühmt. Zum Beispiel die Mosaike für die Londoner U-Bahn-Station Tottenham Court Road oder die Skulptur “For Leonardo” direkt neben der Alten Pinakothek in München. 1995 schuf Paolozzi nach Motiven von William Blake (1757-1827) eine überlebensgroße Skulptur von Isaac Newton für den Innenhof der British Library in London.

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Helene Hanff: Die Herzogin der Bloomsbury Street. Eine Amerikanerin in London

Dienstag, 12. Mai 2009 8:23

Das muss man sich mal vorstellen: Mehr als 20 Jahre hatte die Drehbuchautorin Helene Hanff in New York darauf gewartet, endlich einmal nach London zu reisen. Erst als ihr Briefwechsel mit einem Londoner Antiquariat in den USA und bald darauf auch im Vereinigten Königreich veröffentlicht wurde und endlich etwas Geld brachte, hat es dann geklappt. Das Buch “84, Charing Cross Road” wurde ein großer Erfolg; nur leider erlebte ihr Briefpartner in London, der Antiquar Frank Doel, dies alles nicht mehr. In “Die Herzogin der Bloomsbury Street”, einem Tagebuch ihres London-Aufenthalts, schreibt Helene Hanff von ihren Eindrücken und Erlebnissen. Sie wohnt stilecht im Literaten-Viertel Bloomsbury und wird von den englischen Lesern ihres Buches regelrecht verehrt, erhält ständig Fanpost und Einladungen. Vom Treffen mit Franks Familie über Ausflüge nach Oxford, Porträtsitzungen im Park bis hin zu Presseterminen und Autogrammstunden - Helene Hanff berichtet aufmerksam, klug und witzig von all dem, was ihr passiert. Ihr erstes Buch war eine Liebeserklärung an die Literatur - ihr zweites ist eine Liebeserklärung an London!

Thema: Literatur | Kommentare (0) | Autor: Steffen

Helene Hanff: 84 Charing Cross Road. Eine Freundschaft in Briefen

Dienstag, 5. Mai 2009 8:58

Eine lesesüchtige New Yorker Schriftstellerin entdeckt kurz nach dem Zweiten Weltkrieg eine Anzeige des Londoner Antiquariats Marks & Co, Charing Cross Road Nr. 84, und schickt sofort eine Liste mit ihren “dringendsten Problemen” nach England. Schon ein paar Wochen später haben die Londoner Profis fast alle bestellten Bücher gefunden und Helene Hanff schreibt den nächsten Brief. Was als nüchterne Geschäftskorrespondenz (Umrechnungskurse, Verrechnungen usw.) anfängt, wird schnell zu einem äußerst kurzweiligen Briefwechsel über Bücher, Literatur und den Alltag in einer entbehrungsreichen Zeit. Frank Doel, der anfangs zurückhaltende Londoner Antiquar, erzählt von fehlenden Eiern, rationiertem Fleisch und der Mangelware Strumpfhosen. Helene in New York, die sich mit Aufträgen für Drehbücher über Wasser hält, hilft sofort und lässt aus Dänemark das Nötigste nach England schicken. Über die Jahre freunden sich die beiden an, Helene wird schnell die Heldin des gesamten Geschäfts. Da aber auch sie stets knapp bei Kasse ist, kann sie erst viele Jahre später nach London fliegen. 1970 erschien der Briefwechsel als Buch und wurde zum Bestseller in der englischsprachigen Welt. In Deutschland wurde “84 Charing Cross Road” erst 2002 veröffentlicht. Dank Helenes manchmal schnodderigen aber immer warmherzigen Sprüchen ist es ein wunderbarer Roman über Literatur und Freundschaft! 1987 wurde er mit Anne Bancroft und Anthony Hopkins verfilmt (“Zwischen den Zeilen”). Und für alle, die wissen wollen, was Helene so liest, listet Wikipedia sogar alle erwähnten Bücher auf.

Thema: Literatur | Kommentare (4) | Autor: Steffen