Tag-Archiv für » Erzählungen «

Neue Literatur aus Amerika: Meyer, Morgan, Galchen

Samstag, 19. Juni 2010 13:21

20 Autoren unter 40. Im aktuellen Summer Fiction Issue des New Yorker werden Kurzgeschichten junger amerikanischer Autoren vorgestellt. Natürlich kann man gleich hinterfragen, was heutzutage jung oder amerikanisch denn eigentlich bedeutet. Aber weil sich die Herausgeber bei der Mischung der 20 Autoren große Mühe gegeben haben, ist die Auswahl bunt und abwechslungsreich. Und ein Tipp für deutsche Leser allemal, da viele Autoren gerade erst oder noch gar nicht übersetzt wurden. Daher will ich hier drei Autoren und ihr Werk vorstellen.
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Thema: Literatur | Kommentare (1) | Autor: Steffen

Kazuo Ishiguro: Nocturnes. Five Stories of Music and Nightfall

Montag, 19. Oktober 2009 13:56

Liebe, Musik, Vergänglichkeit. Der Autor des Klassikers “Was vom Tage übrigblieb” hat ein neues, vor kurzem auch in deutscher Sprache erschienenes Buch geschrieben (Titel der Übersetzung: “Bei Anbruch der Nacht“, Blessing Verlag). In den fünf Geschichten schildern unterschiedliche Menschen ihre mal mehr, mal weniger spektakulären Erfahrungen in Sachen Partnerschaft und Trennung. Eines haben sie alle gemeinsam: Musik spielt in ihren Leben eine große Rolle.
In der ersten Erzählung “Crooner” berichtet ein in Venedig arbeitender Gitarrist von der Begegnung mit einem ehemals großen amerikanischen Sänger. Als er gebeten wird, ein nächtliches Ständchen für die Ehefrau des Sängers zu geben, willigt er schnell ein. Erst auf den letzten Seiten der Geschichte kommen ihm und dem Leser Zweifel. Die Venedig-Reise des Sängers soll die langjährige Ehe nämlich nicht wiederbeleben, sondern beenden.
Eine ähnlich traurig-melancholische Endzeitstimmung herrscht auch in der zweiten und eindringlichsten Story. “Come rain or come shine” handelt erneut von einem Paar und einem Dritten. Diesmal ist es ein musikbesessener Englischlehrer. Er wird von einem alten Freund nach London geholt, um dessen Beziehung zu retten. Der hinterhältige Plan: Der Lehrer soll den deprimierten Looser spielen, so dass die Frau des Schulfreunds erkennt, was sie an ihrem Mann eigentlich hat. Eine Weile geht das auch gut. Doch dann kommt das Gespräch auf Musik, die alten amerikanischen Klassiker, dank derer sich der Lehrer und die Frau vor Jahren gut kennengelernt hatten…
Ein Saxophonist, ein Cello-Spieler, ein Singer-Songwriter und deren Erlebnisse sind die Helden der anderen Geschichten. Der Titel Nocturne deutet es schon an: Es ist der ganz eigentümliche Zusammenklang von Dämmerung, Nacht und Musik, den Ishiguro in seinen Geschichten zu treffen versucht. Zum großen Teil gelingt es ihm gut, diese träumerische, oft schwermütige Atmosphäre zu schildern. Hin und wieder allerdings, immer dann wenn es auf Pointen oder Höhepunkte zuläuft, drohen die Geschichten etwas banal zu werden. Solange er aber wie der Meister der Kurzgeschichte Raymond Carver alles in der Schwebe lässt, sind die fünf Storys wunderbare und anspruchsvolle Unterhaltungsliteratur.

Thema: Literatur | Kommentare (0) | Autor: Steffen

Max Beerbohm: Enoch Soames

Freitag, 12. Juni 2009 9:05

Sind es wirklich Ruhm und Ehre, für die Schriftsteller schreiben? Max Beerbohm, englischer Kritiker, Essayist und Karikaturist, ist dieser Frage 1919 in seiner Erzählung “Enoch Soames” im Band “Seven Men” konsequent nachgegangen. Denn was passiert mit Autoren, wenn sich Erfolg und Anerkennung auch nach Jahren nicht einstellen? Bei Beerbohm werden sie vom Teufel geholt!

Doch der Reihe nach: Da ist also der verlotterte, erfolglose Autor Enoch Soames, dessen Texte zwar veröffentlicht, aber von niemandem wahrgenommen werden. Der Erzähler Beerbohm erlebt über die Jahre den Abstieg seines Kollegen und wird schließlich Zeuge, wie dieser einen Pakt mit dem Teufel eingeht. Enoch will nichts anderes, als genau 100 Jahre später, also 1997, für einige Stunden im Lesesaal des British Museum in Lexika nach Spuren seiner Schriftstellerexistenz suchen. Doch zu seinem großen Unglück findet er keine Artikel und Abhandlungen über seine Bücher, sondern etwas über Beerbohm.

Und genau hier bekommt  Beerbohms Künstlertragödie einen ordentlichen Schuss Science Fiction, so philosophisch, dass Stanisław Lem die Geschichte sicher gemocht hätte. Soames liest nämlich, dass Beerbohm über ihn eine Geschichte schrieb - also genau jene, die wir auch gerade lesen! Seine Notizen aus einem Lexikon bestehen aus einer Art Lautschrift, denn in 100 Jahren hat sich nicht nur das Aussehen der Menschen (Uniformen, kurzgeschorene Haare), sondern auch die Sprache verändert. Und in diesem Artikel wird er selbst zum fiktiven Charakter gemacht. Völlig willenlos und gebrochen lässt sich Soames vom Teufel holen. Doch das raffinierte Spiel mit Realität und Fiktion geht weiter - auch wenn der Text zu Ende ist. Denn damit Enoch nie vergessen wird, hat sich eine nach ihm benannte Society gegründet. Doch hätte das der Teufel nicht wissen müssen?

Thema: Literatur | Kommentare (0) | Autor: Steffen

Buchtrailer: Alice von Judith Hermann

Samstag, 16. Mai 2009 9:04

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Thema: Literatur | Kommentare (1) | Autor: Steffen

Colm Tóibín: Mütter und Söhne

Donnerstag, 23. April 2009 12:11

Wenn es einen Song gibt, der die Stimmung von Colm Tóibíns kürzlich bei Hanser erschienenden Geschichtenband “Mütter und Söhne” am besten trifft, dann Leonard Cohens “Famous Blue Raincoat”. So schwermütig und melancholisch ist nicht nur die Erzählung von Lisa, die dieses Lied früher einmal selbst gesungen hat. (Jetzt stöbert ihr Sohn in alten Platten und zwingt seine Mutter, sich wieder mit der tragischen Vergangenheit auseinanderzusetzen.) Auch wenn Nancy in der Geschichte “Die Parole” vor ihrem kleinen Fast Food-Laden mitten in der Nacht den Schmutz ihrer Gäste wegräumt, damit die Nachbarn nicht noch häufiger hinter ihrem Rücken über sie reden oder die betagte Molly in “Ein Priester in der Familie” ganz allein herausfindet, dass ihr erwachsener Sohn wegen Kindesmißbrauchs vor Gericht kommt - immer dann sind Cohen-Songs der passende Soundtrack. Dass die Mütter all dieser Jungen und Männer in den zehn Geschichten mal mehr oder mal weniger auftauchen, dass oft die Perspektiven wechseln - mal wird aus der Sicht des Sohnes, mal aus der Sicht der Mutter erzählt - machen das Buch insgesamt eher zu einem Band mit Familiengeschichten. Doch wie auch schon in Tóibíns hochgelobten Roman “Porträt des Meisters in mittleren Jahren” sind es nicht die Ereignisse, die fesseln, sondern die ergreifenden Innenansichten der Figuren und ihr oft so schwieriges Miteinander. Während hin und wieder auch typische Irland-Bilder auftauchen, ist die quasi zeitentrückte Geschichte “Ein langer Winter” jedoch am beeindruckendsten und stärksten. Der Ire Tóibín, der auch lange Zeit in Spanien lebte, erzählt hier von einer kleinen Familie in den spanischen Bergen, deren Mutter und Ehefrau in Wut wegläuft und in einem schweren Schneesturm umkommt. Wie Vater und Sohn damit zurechtkommen, wie sich der Sohn später ohne viele Worte mit einem ins Haus geholten Angstellten anfreundet, wie die wortkargen Dorfbewohner auf die Außenseiterfamilie reagieren - all dies ist so eindringlich beschrieben, dass die Geschichte am besten doppelt so lang geworden wäre.
Doch mit dem Anfang Mai in Großbritannien erscheinenden Roman “Brooklyn”, der von einer Irin erzählt, die sich in den 1950er Jahren auf nach New York macht, gibt es bald wieder mehr Lesestoff von Tóibín. Für die Zwischenzeit empfiehlt sich die Lektüre der Kurzgeschichte “The Color of Shadows” beim New Yorker!
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Thema: Literatur | Kommentare (1) | Autor: mulliner

“Alice” - Neue Erzählungen von Judith Hermann

Sonntag, 19. April 2009 9:14

Ihr neues Buch ist noch nicht einmal offiziell auf dem Markt, da bekommt Judith Hermann schon den renommierten Hölderlin-Preis der Stadt Bad Homburg. Selbst wenn Hermanns bisheriges Werk nicht sehr umfangreich ist - geehrt wird sie auch für ihre Bücher “Sommerhaus, später” (1997) und “Nichts als Gespenster” (2003) - kaum eine deutsche Autorin der letzten 25 Jahre fand mit ihren Erzählungen so viel Zuspruch und Anerkennung. (Dafür musste sie sich allerdings auch den Titel “Fräuleinwunder” gefallen lassen.) Neben den Büchern von Christian Kracht gehören ihre Texte wohl zu den wenigen, denen die Schublade Popliteratur in den 1990er Jahren nichts ausgemacht haben und die auch dann noch gelesen werden, wenn niemand mehr weiß, wer Benjamin von Stuckrad-Barre war. Natürlich ist “Alice” wieder kein Roman, auch wenn man im Netz noch nichts Genaueres findet. Etwas rätselhaft spricht der Verlag von “Zeiten des Übergangs, des Wartens, des Festhaltens und Loslassens”, die in den neuen Erzählungen angesprochen werden. Am 4. Mai soll das Buch in den Läden liegen, am 22. April  liest Judith Hermann schon einmal im Literarischen Colloquium Berlin daraus (und am 12. Mai im Berliner Radialsystem).

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Literaturmagazine aus aller Welt: Granta

Mittwoch, 18. Februar 2009 15:09

Schon Ende des 19. Jahrhunderts gründeten Studenten in Cambridge ein Magazin namens Granta. Mit einem Relaunch 1979 haben sich die Herausgeber vorgenommen, das Profil des dicken Hefts unter dem Motto “new writing” zu schärfen. Die unterschiedlichen belletristischen Texte, die Reportagen und die Fotografien haben stets ein gemeinsames Thema. Ältere Ausgaben drehten sich bereits um Tod, Afrika oder Film; im Januar erschien “Fathers”. Einige Höhepunkte der aktuellen Ausgabe, zum Beispiel Jonathan Lethems Text über seinen Vater, gibt es auch online. International bekannte Autoren, wie diesmal Siri Hustvedt oder Will Self, machen das Heft zu einem Tipp auch für Nicht-Engländer. Besonders berühmt ist Grantas unregelmäßige Wahl der “Best Young British Novelists”. 1983 wurden u.a. Ian McEwan, Julian Barnes und Martin Amis gekürt - heute allesamt große britische Autoren!

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Richard Yates (1926-1992)

Dienstag, 3. Februar 2009 18:26

Neben Updike, Salinger und Carver gehört Richard Yates zu den Autoren, die in ihren Werken das Leben und den Alltag von ganz normalen Mittelschichtsamerikanern unter die Lupe nehmen. Nach seiner Zeit bei der Army, u.a. in Deutschland, schlug er sich als freier Journalist in New York durch und schrieb Reden für Bobby Kennedy. 1961 erschien sein erster Roman “Revolutionary Road” (”Zeiten des Aufruhrs“), der im letzten Jahr von Sam Mendes (”American Beauty”) verfilmt wurde. In den USA gilt die Geschichte von Frank und April Wheeler, die verzweifelt versuchen, sich Zwängen der Gesellschaft wie Bürojob, Eigenheim und Kindern zu widersetzen, inzwischen als Klassiker der Moderne. 2005 wählte Time den Roman zu den 100 besten englischsprachigen des 20. Jahrhunderts. Zu Lebzeiten blieb der große kommerzielle Erfolg jedoch aus, zu wenige wollten vom Scheitern des amerikanischen Traums lesen. Um die Jahrtausendwende begann man sich endlich wieder für seine Texte, auch für die Kurzgeschichten, zu interessieren. Doch Yates war schon tot, er starb 1992 an einer Lungenerkrankung.

Thema: Literatur | Kommentare (0) | Autor: mulliner

Michail Bulgakow: Die Arbeiterkommune im Elpit-Haus

Sonntag, 4. Januar 2009 14:06

Fünf Jahre nach der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution schreibt Bulgakow diese kurze Erzählung vom Untergang eines einst prächtigen Riesenhauses.  Fahrstühle, zentrale Heizung, pompöse Dielen - das ist jetzt alles verschwunden. Stattdessen: nasse Wäsche, dunkle Flure, ruiniertes Parkett. Hausverwalter Christi hat viel zu tun. Doch als das Heizöl zu lange ausbleibt und die Bewohner mit kleinen Öfen ihre Wohnungen erwärmen, bricht ein Brand aus, der schließlich das gesamte Haus zerstört. mehr

Thema: Literatur | Kommentare (0) | Autor: mulliner