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Richard Kämmerlings: Das kurze Glück der Gegenwart.

Sonntag, 3. April 2011 21:21

Natürlich sind Literaturgeschichten immer auch ein Produkt persönlicher Vorlieben des Autors. Erst recht, wenn es sich wie bei Richard Kämmerlings’ “Das kurze Glück der Gegenwart. Deutschsprachige Literatur seit ‘89″ um Texte, vor allem Romane der letzten 20 Jahre handelt. Noch sind die besprochenen Bücher lange nicht Allgemeingut, auch wenn sie beim Erscheinen gute Kritiken bekamen oder auf den Bestsellerlisten standen. Ob sie irgendwann zum vielbeschworenen Kanon gehören, wird erst die Zukunft zeigen. Doch Kämmerlings, lange Zeit bei der FAZ, jetzt beim Feuilleton der WELT, wählt zwar subjektiv aus, schiebt hin und wieder auch private Anekdoten ein, begründet seine Auswahl in neun nach Themen geordneten Kapiteln jedoch ausgesprochen kenntnisreich und unterhaltsam. Da er sich gerade nicht an Bestsellern abarbeitet oder auf Altbekanntes beschränkt, sondern jede Menge eher weniger bekannte Bücher sehr unterschiedlicher Autorinnen und Autoren vorstellt, ist sein Buch ein Überblickswerk und gleichzeitig ein Appetitanreger, den eigenen Lesehorizont zu erweitern.
Natürlich muss eine ordentliche Literaturgeschichte, vor allem wenn sie ein journalistischer Literaturkritiker und kein universitärer Literaturwissenschaftler geschrieben hat, herausfinden, welches Buch besonders gelungen ist und welches nicht. Hauptkriterium ist für Kämmerlings der Gegenwartsbezug eines Textes. Wie viel von unserer Lebenswelt, den wichtigen Themen unserer Zeit finden wir in den Büchern wieder? Je nach Themengebiet - Berlin, Krieg, Sex, Ost-West, Wirtschaft, Soziales, Familie, Herkunft, Tod - gibt es für ihn mal mehr, mal weniger gelungene Beispieltexte. Es spricht für Kämmerlings Buch, dass er je nach Thema stets zu einem anderen Ergebnis kommt und nicht pauschal überall Lücken konstatiert. Es fehlten z.B. noch gute Romane, die sich mit den Kriegen und Konflikten der Gegenwart auseinandersetzen. Dafür sei das Thema Wiedervereinigung und die Folgen u.a. mit Annett Gröschners “Moskauer Eis” gut aufgearbeitet.
Wer die Kapitel aufmerksam liest und die in größere Zusammenhänge eingebetteten Rezensionen mit eigenen Leseerfahrungen vergleicht, bekommt schnell Lust auf unbekannte Texte. (Martin Klugers Roman “Abwesende Tiere” habe ich mir z.B. auf meine Leseliste geschrieben.) In einem abschließenden Kapitel zählt Kämmerlings noch einmal die für ihn zehn besten Bücher der letzten 20 Jahre auf. (Und ja, irgendwie ist die metaphernreiche Sprache Kämmerlings schnell ansteckend:) Dieses Buch schlägt eine Schneise in das unübersichtliche Dickicht der neuesten deutschsprachigen Literatur.

Thema: Literatur | Kommentare (0) | Autor: Steffen

Bernd Nothen: Verlorene Botschaften - Lost Messages

Samstag, 22. Mai 2010 10:39

Halb abgerissene Tapeten an den Wänden einer alten Ruine. Darunter: Hinweise auf frühere Bewohner. Regen, Wind und Wetter ausgesetzte Zeitungen, Briefe, Buchseiten. Der ursprüngliche Inhalt ging verloren und zurück bleibt ein rätselhaftes Papier, das nun nichts mehr zu übermitteln hat als sich selbst.
Die Collagen des 1939 in Köln geborenen Künstlers Bernd Nothen erinnern in ihrer abstrakten Schönheit auch oft an zerknülltes und dann wieder glattgebügeltes Papier. Doch egal, welche Assoziationen man bei den farbigen oder monochromen Papierarbeiten auch hat, immer ist man als Betrachter fasziniert von den mysteriös-abstrakten Formen.

Der im Freiburger modo Verlag erschienene Bildband mit dem treffenden Titel “Verlorene Botschaften - Lost Messages” versammelt in qualitätvollen Abbildungen Collagen und Assemblagen Nothens aus den letzten 40 Jahren. Die Arbeiten werden allerdings nicht chronologisch, sondern nach formal-ästhetischen Aspekten geordnet. Dies ist nur konsequent, denn immer wieder überarbeitet Nothen auch ältere Werke. Alte Schichten werden abgetragen, neue kommen hinzu.
Als Inspiration gibt der Künstler die Begegnung mit italienischen Renaissance-Fresken an. Ein guter Ausgangspunkt für eine Beschäftigung mit Nothens Collagen. Wo dort unbeabsichtigt der Putz und somit die gemalten Heiligen von der Wand bröckeln, die Botschaft also verloren ist, wird es für den Künstler spannend. Wie andere, etwa Max Ernst in seinen surrealistischen Grattagen, untersucht er das Spannungsfeld zwischen Assoziation und Abstraktion. Und gerade jene Bilder, die seltsam in der Schwebe bleiben, auf denen man bei jedem neuen Blick mehr erkennen zu glaubt und dann doch plötzlich wieder nichts, zählen zu Nothens beeindruckendsten Kunstwerken. Schließlich - und da ähneln einige seiner Werke denen des Amerikaners Cy Twombly - ist es am Betrachter, sich die verloren geglaubten Botschaften zurückzuholen.

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Mehr zu Bernd Nothen bei Kulturstruktur und beim modo Verlag.

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Bernd Nothen: “Verlorene Botschaften - Lost Messages”
128 Seiten, 30,5 x 23 cm
26,00 EUR
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Thema: Kunst | Kommentare (0) | Autor: Steffen

Modell Bauhaus. Martin-Gropius-Bau Berlin

Mittwoch, 19. August 2009 17:15

Diese Ausstellung ist vor allem eins: riesig! Das komplette Erdgeschoss des Martin-Gropius-Bau, dem ehemaligen Berliner Kunstgewerbemuseum, ist regelrecht vollgestellt mit etwa 1000 Bauhaus-Objekten. Selbst im Lichthof gibt es kein Entrinnen: Dort holt die Amerikanerin Christine Hill mit ihrer witzigen Mitmach-Installation “Do-It-Yourself Bauhaus” den Mythos in die Gegenwart. 90 Jahre nach Gründung des Bauhauses in Weimar veranstalten die drei großen Institute (Stiftung Bauhaus Dessau, Klassik Stiftung Weimar, Bauhaus-Archiv Berlin) gemeinsam die bislang größte Ausstellung zum Thema.
Gemälde, Fotos, Modelle, Skizzen, Entwürfe, Drucke, Bücher, Möbel, Kunstgewerbe, ja sogar originale Architekturteile (z.B. Fenster und Türen aus einem Dessauer Reihenhaus von Walter Gropius) oder Kleidung (Grete Reichardts Bauhaus-Kleid von 1928) - Objekte aus allen nur möglichen Bereichen erweitern den sonst üblichen Schwerpunkt auf Architektur und Inneneinrichtung. Mit so vielen unterschiedlichen Kunstwerken - groß oder klein, flach oder sperrig, fragil oder robust - muss die Ausstellungsarchitektur erst einmal fertig werden. Am Anfang wirkt das noch chaotisch und vollgestopft: Gleich im zweiten Teil, “Impulse aus der Kunst”, verstellen etliche kleine, von beiden Seiten behangende Stellwände den Raum und schon bei mehr als 20 Besuchern beginnt ein Hin- und Herschlängeln um die Kunstwerke. Dabei verpasst man schnell so tolle Arbeiten wie Kandinskys “Kleine Welten”.
Doch spätestens nach der Hälfte der Ausstellung überzeugt die eigens (ein-)gebaute Architektur der Berliner Firma kubix - vielleicht auch weil viele ältere Ausstellungsbesucher inzwischen schlapp gemacht haben und nicht mehr jedes Stück blockieren. Im zehnten Raum (von insgesamt 18) steht der komplizierte Licht-Raum-Modulator von László Moholy-Nagy hinter transparenten Wänden und wird von bunten Scheinwerfern angestrahlt. Wenn sich diese wohl früheste kinetische Plastik (mehr zu moderner kinetischer Kunst hier) zu drehen beginnt und im dunklen Raum ein wunderbares Lichtspiel verursacht, wird zum ersten Mal richtig klar, was die Bauhaus-Leute mit Einheit von Kunst und Technik meinten.
Und so ist die Ausstellung etwas für Bauhaus-Kenner UND -Einsteiger. Die einen freuen sich über ein Wiedersehen mit Marcel Breuers Clubsessel, Mies van der Rohes Entwurf für den Pavillon in Barcelona 1928, seine Hochhaus-Entwürfe für die Berliner Friedrichstraße oder über die Gemälde von Lyonel Feininger. Die anderen staunen über hochkarätige Leihgaben aus dem New Yorker MoMA (Werke von Malewitsch und Mondrian im Raum “Wechselwirkungen”). Und doch gibt es noch so viel selten Gezeigtes, wie Marcel Breuers “Afrikanischer Stuhl” oder das originale Fensterelement aus dem Faguswerk in Alfeld von Gropius und Meyer. Schließlich ist nicht nur der Einsteiger überrascht über Breite und Vielfalt des Bauhauses!
Modell Bauhaus ist noch bis 4. Oktober geöffnet.

Thema: Architektur, Kunst | Kommentare (1) | Autor: Steffen

Der Georg-Kolbe-Hain in Berlin

Freitag, 14. August 2009 19:07

Nicht weit vom ehemaligen Wohnhaus und Atelier, dem heutigen Museum des Bildhauers Georg Kolbe (1877-1947), findet man einen öffentlichen Park, den seit 1957 fünf große Bronzefiguren von Kolbe schmücken. Alle Skulpturen stammen aus dem Spätwerk Kolbes und wurden erst nach seinem Tod in Bronze gegossen. Die Gipsmodelle befinden sich im Besitz des Kolbe-Museums.
Kolbe, der sich um die Jahrhundertwende intensiv mit Auguste Rodin auseinandersetzte und später kurz mit expressionistischer Kunst in Kontakt kam, näherte sich in seinen Werken ab Mitte der 1920er Jahre einem klassisch-heroischen Menschenbild. Er liess sich nicht wie Arno Breker oder Josef Thorak komplett von den Nationalsozialisten vereinahmen, konnte trotzdem weiter in Deutschland arbeiten. Seine Werke waren anerkannt und wurden mehrfach in den Großen Deutschen Kunstausstellungen in München ausgestellt.
Die Entwürfe zu den im Georg-Kolbe-Hain aufgestellten Skulpturen entstanden allesamt zur Zeit des Nationalsozialismus. Die “Große Kniende” (1942/43), fast zwei Meter hoch, sollte als ein Teil einer zweiteiligen Gruppe vor einem Heim der Hitlerjugend in Eilenburg (Sachsen) stehen. Die Figur “Dionysos” (1932) ist etwa 2,60 Meter hoch und zeigt den Gott des Weines mit gesenktem Kopf in ungewöhnlicher Schrittstellung. Man nimmt an, dass die Figur ein Ergebnis von Kolbes Beschäftigung mit Friedrich Nietzsches “Die Geburt der Tragödie aus dem Geist der Musik” ist. Ebenfalls überlebensgroß: die “Ruhende Frau” (1939/41), die Kolbe als Teil einer nie ausgeführten Ergänzungsgruppe für ein Richard-Wagner-Denkmal in Leipzig entwarf. Am anderen Ende des Parks steht die Gruppe “Mars und Venus” (1939/40), zwei Akte in  komplizierter Anordnung. Dass zumindest durch die Wahl des Titels, wie auf einer im Kolbe-Museum ausliegenden Kopie vermutet wird, auf den gerade begonnenen Zweiten Weltkrieg angespielt wird (Mars ist in der römischen Mythologie der Gott des Krieges), klingt einleuchtend. Die letzte Skulptur, “Der Große Stürzende” (1940/42), geplant als Teil eines Kriegerdenkmals in Potsdam, stellt einen pathetisch zusammenbrechenden, nackten Soldaten dar.
Überlebensgroße Akte, kräftig gebaut und ohne jegliches erzählendes Beiwerk: Mit großen Gesten versuchte Kolbe in seinen fünf Skulpturen ein klassisches Ideal heraufzubeschwören, das in der internationalen Kunst zur gleichen Zeit kaum mehr eine Rolle spielte. Die Kunstwerke in dem stillen, halb verwilderten Park, der seit 1989 unter Denkmalschutz steht, sind trotz ihrer widersprüchlichen und problematischen Aussagen ein wichtiges Stück deutscher Kunstgeschichte. Ein Besuch des Hains ist also unbedingt zu empfehlen.

Große Kniende, Georg Kolbe 1942/43

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Thema: Kunst | Kommentare (1) | Autor: Steffen

Christian Kracht: 1979

Freitag, 7. August 2009 10:00

Ein Roman wie ein Schlag in den Magen. Da reisen zwei dekadente Schnösel, vor einiger Zeit noch ein Paar, durch ein Land kurz vor der Revolution. Iran 1979: Der Schah hat das Land verlassen, Demonstrationen, Ausgangssperre. Doch von all dem bekommen die beiden Dandys nichts mit, nehmen nichts ernst. Stilvoll geht die Welt zu Grunde. Die große innere Leere bekämpfen sie mit Alkohol und Drogen, die mit einem goldenen Spritzbesteck verabreicht werden. Gesprochen wird nur noch über Mode, Design und Kunst. Mit dem elenden Tod des Einen endet der ersten Teil des Buchs. Der Erzähler begibt sich im zweiten Teil nach China, hofft auf Erleuchtung bei einer Pilgertour um den Berg Kailash in Tibet. Doch dann wird er vom chinesischen Militär aufgegriffen und in ein Lager gesteckt. Plötzlich bricht die Erzählung ab. Wahrscheinlich war die brutale Gehirnwäsche der Chinesen erfolgreich oder haben die aus dem eigenen Kot gesammelten Maden den Hunger nicht mehr gestillt…
Mit Popliteratur hat das alles nichts mehr zu tun. “1979″ ist ein zynisch-trostloser Anti-Coelho. Oder eine moderne Version von Joris-Karl Huysmans’ Dekadenz-Klassiker “Gegen den Strich“.
In seinem 2008 erschienenen dritten Roman “Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten” geht Christian Kracht noch einen Schritt weiter. Da entwirft er eine alternative Version des Verlaufs der russischen Revolution: Lenin gründet seine Sowjetrepublik in der Schweiz und danach kommt alles anders.

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Brunnen auf dem Nettelbeckplatz: Tanz auf dem Vulkan

Mittwoch, 5. August 2009 11:20

Ein ganz besonderes Highlight realistischer Kunst steht auf dem Nettelbeckplatz in Berlin Wedding. Im Jahr 1988 gewann die Künstlerin Ludmila Seefried Matejkova einen offiziellen Wettbewerb und entwarf einen etwa 9 Meter breiten Brunnen mit dem Titel “Tanz auf dem Vulkan”. Und genau das ist auch dargestellt: Einige modisch gekleidete lebensgroße Bronzefiguren (Sonnenbrille, offenes Hemd) tanzen auf dem Rand eines schiefen Mini-Vulkans. Den Takt gibt ein Klavierspieler am Fuße des Berges an - und das ist niemand anderes als der Teufel persönlich. (Dank an Michaela für den Hinweis!) Statt nach dem nächsten Besuch des Wochenmarkts Nettelbeckplatz also mit den Einkäufen nach Hause zu spurten, sollte man sich den (im Sommer von Kindern belagerten) Brunnen mal etwas genauer ansehen!

Brunnen auf dem Nettelbeckplatz: Tanz auf dem Vulkan

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Zu gewinnen: Rebecca Martin: Frühling und so

Sonntag, 12. Juli 2009 12:34

Truman Capote schrieb seinen ersten Roman “Summer Crossing” im Alter von 19. Oder ein aktuelleres Beispiel: Benjamin Lebert war gerade 17, als sein Erstling “Crazy” veröffentlicht wurde. Wie alt oder wie jung ein Autor, eine Autorin ist, sagt noch lange nichts über die Qualität seines oder ihres Textes aus. Doch bei Erscheinen von Rebecca Martins (damals 18) Debütroman “Frühling und so” schien für viele Rezensenten das Alter der Autorin und deren Herkunft von großer Bedeutung. Schließlich scheint der Roman eins zu eins das Leben der Autorin zu spiegeln. Motto: Hier schreibt jemand, der es wissen muss. Doch dann das: So einfühlsam, erfrischend oder gar heiß, wie die Presse das Buch fand, ist es leider kein bisschen! mehr

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Íñigo Hernández Tofé: Axel Hotel Berlin

Donnerstag, 9. Juli 2009 11:29

Hotel Axel BerlinDieses Gebäude in den Farben Schwarz und Gold präsentiere Einfachheit und Eleganz gleichzeitig, so der spanische Architekt Íñigo Hernández Tofé über sein Hotel Axel in Berlin. Das Haus steht auf einem schmalen Streifen, direkt an der Lietzenburger Straße in Berlin-Schöneberg. Die insgesamt 86 Zimmer der sechs Etagen erreicht man jeweils über kreisförmige Empfangsräume. Von außen sind diese als turmähnliches Scharnier in der Mitte sichtbar und auch an den Seiten des Baus nimmt der Architekt diese runde Form bis hin zum Pool an der Spitze der Dachterrasse wieder auf (auf den Fotos rechts oben). Berlin ist nach Buenos Aires und Barcelona der dritte Standort der Hotelkette, die sich vornehmlich an schwule Gäste richtet (Motto: “heterofriendly”). mehr Fotos

Thema: Architektur | Kommentare (2) | Autor: Steffen

Fritz Cremer: O Deutschland, Bleiche Mutter (1964/65)

Sonntag, 28. Juni 2009 11:09

Fritz Cremer: Oh Deutschland, Bleiche MutterIn seiner großen bronzenen Frauenfigur bezieht sich der Bildhauer Fritz Cremer (1906-1993) direkt auf ein Gedicht Bertolt Brechts mit dem gleichen Titel. Auch der Komponist Hanns Eisler ließ sich in seiner Deutschen Symphonie von Brecht beeinflussen und 1980 zitierte die Regisseurin Helma Sanders-Brahms Brecht fast wörtlich im Titel eines preisgekrönten Spielfilms. Thema in allen Kunstwerken - Lyrik, Musik, Film und Bildhauerei - ist die düstere deutsche Geschichte. Brecht verknüpft in seinem Gedicht die allgemeine Lage mit einem individuellen Bild: “O Deutschland, bleiche Mutter!/Wie sitzest du besudelt/Unter den Völkern…” Cremer nimmt diesen Gedanken in seiner Plastik aus den Jahren 1964/65 wieder auf und zeigt eine hagere aber aufrecht sitzende Frau. Im Gegensatz zu seinem großen, mehrfigurigen Buchenwald-Denkmal (1952-58) schuf er hier für das KZ Mauthausen eine einzelne Figur. Seit einigen Jahren steht Cremers Skulptur hinter dem Berliner Dom, nah an der Spree und in der Nähe der Alten Nationalgalerie auf der Museumsinsel.
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Thema: Kunst | Kommentare (0) | Autor: Steffen

Goethe oder Klopstock? Die ZEIT-Leser-Edition

Freitag, 26. Juni 2009 12:56

Im inzwischen recht unübersichtlichen Markt der (meist von Zeitungsverlagen veröffentlichten) preisgünstigen Sondereditionen startete die ZEIT in dieser Woche eine neue Aktion. Bei der ZEIT-Leser-Edition kann jeder selbst mitbestimmen, welche 20 deutschsprachigen Literaturklassiker im Herbst als Teil der Reihe erscheinen. In vier Themenblöcken kann online und per Post aus je 25 Vorschlägen ausgewählt werden:

1. Aufklärung, Sturm und Drang, Weimarer Klassik,
2. Romantik, Biedermeier, Vormärz (ab 2.7.),
3. Realismus, Naturalismus, Fin de Siècle (ab 9.7.) und
4. Moderne, Nachkriegs- und Gegenwartsliteratur (ab 16.7.).

Es gibt sogar die Möglichkeit, Werke vorzuschlagen, die nicht auf den Vorschlagslisten stehen. Die 20 Titel, der Logik nach also aus jedem Block die fünf Texte mit den meisten Stimmen, werden zur Frankfurter Buchmesse verkündet. Zu den Kandidaten der ersten Runde (1750-1799) gehören neben den üblichen Verdächtigen Lessing, Goethe, Schiller, Hölderlin auch “Exoten” wie Gottsched (”Der sterbende Cato”), Lenz (”Der Hofmeister”), Klopstock (”Oden” und “Messias”) und immerhin eine Frau (Sophie von La Roche). Bleibt abzuwarten, was sich die ZEIT-Leser lieber ins Regal stellen mögen, die unvermeidbaren Klassiker wie “Faust” und “Nathan der Weise” oder ob sie doch auf Bücher Lust haben, die man nicht seit der Schulzeit kennt. Mein persönlicher Favorit ist zum Glück aber auch dabei: “Anton Reiser” von Karl Philipp Moritz.

Thema: Literatur | Kommentare (1) | Autor: Steffen