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Christian Kracht: 1979

Freitag, 7. August 2009 10:00

Ein Roman wie ein Schlag in den Magen. Da reisen zwei dekadente Schnösel, vor einiger Zeit noch ein Paar, durch ein Land kurz vor der Revolution. Iran 1979: Der Schah hat das Land verlassen, Demonstrationen, Ausgangssperre. Doch von all dem bekommen die beiden Dandys nichts mit, nehmen nichts ernst. Stilvoll geht die Welt zu Grunde. Die große innere Leere bekämpfen sie mit Alkohol und Drogen, die mit einem goldenen Spritzbesteck verabreicht werden. Gesprochen wird nur noch über Mode, Design und Kunst. Mit dem elenden Tod des Einen endet der ersten Teil des Buchs. Der Erzähler begibt sich im zweiten Teil nach China, hofft auf Erleuchtung bei einer Pilgertour um den Berg Kailash in Tibet. Doch dann wird er vom chinesischen Militär aufgegriffen und in ein Lager gesteckt. Plötzlich bricht die Erzählung ab. Wahrscheinlich war die brutale Gehirnwäsche der Chinesen erfolgreich oder haben die aus dem eigenen Kot gesammelten Maden den Hunger nicht mehr gestillt…
Mit Popliteratur hat das alles nichts mehr zu tun. “1979″ ist ein zynisch-trostloser Anti-Coelho. Oder eine moderne Version von Joris-Karl Huysmans’ Dekadenz-Klassiker “Gegen den Strich“.
In seinem 2008 erschienenen dritten Roman “Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten” geht Christian Kracht noch einen Schritt weiter. Da entwirft er eine alternative Version des Verlaufs der russischen Revolution: Lenin gründet seine Sowjetrepublik in der Schweiz und danach kommt alles anders.

Thema: Literatur | Kommentare (0) | Autor: Steffen

Schulze, Kästner, Kracht - Welt-Edition ab Mai

Donnerstag, 30. April 2009 7:19

Zugegeben, die Idee ist nicht gerade neu. Erst die Süddeutsche, dann der Spiegel und viele andere Zeitungen und Magazine. Einige Titel der Roman-Edition “Die Welt erlesen“, in der ab Mitte Mai die Tagesszeitung Die Welt mit der Hilfe des Aufbau-Verlags insgesamt 25 Bücher zu je 9,95 € herausgibt, sind dennoch eine Entdeckung wert. Anlass ist der 60. Jahrestag der Bundesrepublik und mit Andersch, Böll, Kästner, Kempowski und Lenz werden auch einige deutsche Klassiker neu aufgelegt. Spannender sind aber Texte, die man bislang noch nicht zum “Kanon” zählte: Mit Johannes Bobrowskis “Levins Mühle“, Franz Fühmanns Erzählung  “Das Judenauto” und Reiner Kunzes “Die wunderbaren Jahre” finden sich einige erstklassige Beispiele der DDR-Literatur. Und mit Christian Krachts “Faserland” und Ingo Schulzes “Simple Storys” sogar zwei große Bücher jüngerer Autoren. (Alle Titel bislang nur hier.)

Thema: Literatur | Kommentare (0) | Autor: Steffen

“Alice” - Neue Erzählungen von Judith Hermann

Sonntag, 19. April 2009 9:14

Ihr neues Buch ist noch nicht einmal offiziell auf dem Markt, da bekommt Judith Hermann schon den renommierten Hölderlin-Preis der Stadt Bad Homburg. Selbst wenn Hermanns bisheriges Werk nicht sehr umfangreich ist - geehrt wird sie auch für ihre Bücher “Sommerhaus, später” (1997) und “Nichts als Gespenster” (2003) - kaum eine deutsche Autorin der letzten 25 Jahre fand mit ihren Erzählungen so viel Zuspruch und Anerkennung. (Dafür musste sie sich allerdings auch den Titel “Fräuleinwunder” gefallen lassen.) Neben den Büchern von Christian Kracht gehören ihre Texte wohl zu den wenigen, denen die Schublade Popliteratur in den 1990er Jahren nichts ausgemacht haben und die auch dann noch gelesen werden, wenn niemand mehr weiß, wer Benjamin von Stuckrad-Barre war. Natürlich ist “Alice” wieder kein Roman, auch wenn man im Netz noch nichts Genaueres findet. Etwas rätselhaft spricht der Verlag von “Zeiten des Übergangs, des Wartens, des Festhaltens und Loslassens”, die in den neuen Erzählungen angesprochen werden. Am 4. Mai soll das Buch in den Läden liegen, am 22. April  liest Judith Hermann schon einmal im Literarischen Colloquium Berlin daraus (und am 12. Mai im Berliner Radialsystem).

Thema: Literatur | Kommentare (0) | Autor: mulliner