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Rundgang durch die amerikanische Geschichte. Die National Mall in Washington D.C.

Dienstag, 23. März 2010 12:32

Die National Mall in Washington D.C. ist so etwas wie die nachgebaute, in Stein gehauene Geschichte der USA. Man läuft über ein riesiges Gelände und bekommt Stück für Stück einen Überblick über die für Amerikaner wichtigsten Ereignisse und Persönlichkeiten. Nebeneffekt: In dieser Ballung unterschiedlicher Denkmäler erfährt selbst ein kunsthistorischer Laie auch ganz schnell die Grenzen realistischer Darstellungen.
Starten wir am strahlend weißen Lincoln Memorial, in dem der überdimensionale Marmorpräsident seit 1911 stockstarr thront. Vor dem dorischen Tempel blickt man (wie Martin Luther King 1963 während seiner “I have a dream”-Rede) auf den sogenannten Reflecting Pool in Richtung Obelisk des Washington Monuments. Das Denkmal für den ersten US-Präsidenten aus dem Jahr 1888 ist eins der ältesten und bis heute eines der wenigen abstrakten Kunstwerke auf der Mall, auch wenn man im Inneren natürlich eine realistische Washington-Skulptur findet.
Eine öffentliche Diskussion über das Denkmal für die Veteranen des Vietnamkriegs von Maya Lin führte dazu, dass man ihrer beeindruckenden Wand mit den Namen der Gefallenen, die sich wie eine Wunde in die Boden schneidet, eine platte realistische Skulpturengruppe mit drei Kriegern zur Seite stellte. Das etwas abgelegene Jefferson Memorial ist nichts mehr als eine müde Variante des Lincoln Memorial: quadratischer/runder Grundriss, offen/geschlossen, sitzend/stehend, Marmor/Bronze usw. Doch so richtig peinlich wird es beim erst 2004 eröffneten Denkmal für den 2. Weltkrieg. Die Einfallslosigkeit der Architekten soll wieder einmal mit Größe und Monumentalität überspielt werden. Schnell weiter zum Denkmal für die Gefallenen des Koreakriegs, das auf immerhin eine ganz interessante Art die Natur in das Kunstwerk integriert. Und dann schließlich das Highlight: Beim Franklin Delano Roosevelt Memorial schlendert man durch einen großen Skulpturenpark und gleichzeitig durch Roosevelts Präsidentenlaufbahn. Dabei lernt man Fala, den Lieblingshund der Roosevelts kennen, guckt auf die Schuhe seiner Frau oder sieht ihm im Rollstuhl sitzen. Warum hatte man nicht einfach Duane Hanson beauftragt, die Roosevelts nachzubauen?
Als Europäer ist man mit Sicherheit nicht halb so gut über die dargestellten Personen informiert wie die Amerikaner, die schon in ihren Schulausflügen zur Mall pilgern. Doch mit etwas Abstand erkennt man den Zweck dieser riesigen Denkmalsanlage als simple Heldenverehrung, die den Besuchern ein einseitiges Geschichtsbild aufoktroyiert. Große Erleichterung herrscht schließlich, wenn man in Nähe des Weißen Hauses den National Christmas Tree entdeckt, der nicht ganz so perfekt aussieht, wie alles andere um ihn herum.

Lincoln Memorial

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Thema: Architektur, Kunst | Kommentare (1) | Autor: Steffen

Rudolf Pohle: Denkmal für Alois Senefelder

Donnerstag, 27. August 2009 10:17

Es war das erste Denkmal in Berlin, das einen Handwerker ehrte: Alois Senefelder erfand 1798 den Steindruck (oder Lithografie), ein Flachdruckverfahren, das auf der Abstoßung von Fett und Wasser beruht und im 19. Jahrhundert zum wichtigsten Verfahren wurde, um Farbiges zu drucken. Der Berliner Bildhauer Rudolf Pohle schuf eine hohe Skulptur aus Carrara-Marmor, die 1892 auf dem ehemaligen Thusneldaplatz (heute Senefelderplatz) in Prenzlauer Berg aufgestellt wurde. In Arbeitskleidung, mit einer auf das linke Knie gestemmten lithografischer Platte sitzt Senefelder in ziemlich unrepräsentativer Pose auf dem barockisierenden Sockel. Die vor dem Sockel spielenden Putten stellen noch einmal das von ihm erfundene Druckverfahren dar: Während der eine in Spiegelschrift den Namen Senefelders schreibt, überprüft der andere den Namen mit einem Handspiegel.

Rudolf Pohle: Denkmal für Alois Senefelder

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Thema: Kunst | Kommentare (5) | Autor: Steffen

Max Beerbohm: Enoch Soames

Freitag, 12. Juni 2009 9:05

Sind es wirklich Ruhm und Ehre, für die Schriftsteller schreiben? Max Beerbohm, englischer Kritiker, Essayist und Karikaturist, ist dieser Frage 1919 in seiner Erzählung “Enoch Soames” im Band “Seven Men” konsequent nachgegangen. Denn was passiert mit Autoren, wenn sich Erfolg und Anerkennung auch nach Jahren nicht einstellen? Bei Beerbohm werden sie vom Teufel geholt!

Doch der Reihe nach: Da ist also der verlotterte, erfolglose Autor Enoch Soames, dessen Texte zwar veröffentlicht, aber von niemandem wahrgenommen werden. Der Erzähler Beerbohm erlebt über die Jahre den Abstieg seines Kollegen und wird schließlich Zeuge, wie dieser einen Pakt mit dem Teufel eingeht. Enoch will nichts anderes, als genau 100 Jahre später, also 1997, für einige Stunden im Lesesaal des British Museum in Lexika nach Spuren seiner Schriftstellerexistenz suchen. Doch zu seinem großen Unglück findet er keine Artikel und Abhandlungen über seine Bücher, sondern etwas über Beerbohm.

Und genau hier bekommt  Beerbohms Künstlertragödie einen ordentlichen Schuss Science Fiction, so philosophisch, dass Stanisław Lem die Geschichte sicher gemocht hätte. Soames liest nämlich, dass Beerbohm über ihn eine Geschichte schrieb - also genau jene, die wir auch gerade lesen! Seine Notizen aus einem Lexikon bestehen aus einer Art Lautschrift, denn in 100 Jahren hat sich nicht nur das Aussehen der Menschen (Uniformen, kurzgeschorene Haare), sondern auch die Sprache verändert. Und in diesem Artikel wird er selbst zum fiktiven Charakter gemacht. Völlig willenlos und gebrochen lässt sich Soames vom Teufel holen. Doch das raffinierte Spiel mit Realität und Fiktion geht weiter - auch wenn der Text zu Ende ist. Denn damit Enoch nie vergessen wird, hat sich eine nach ihm benannte Society gegründet. Doch hätte das der Teufel nicht wissen müssen?

Thema: Literatur | Kommentare (0) | Autor: Steffen

Royal Academy of Arts London: Kuniyoshi

Mittwoch, 27. Mai 2009 8:45

Utagawa Kuniyoshi in der Royal Academy of Arts in London

Noch ein paar Tage ist in der Royal Academy of Arts eine wunderbare Ausstellung mit Farbholzschnitten des Japaners Utagawa Kuniyoshi (1797-1861) zu sehen. Über 150 Drucke des jüngeren Konkurrenten vom in Europa bekannteren Katsushika Hokusai (1760-1849) zeigen, wie unglaublich vielfältig und kreativ die Künstler auch in der letzten Phase des sogenannten Ukiyo-e (Sammelbegriff für bürgerliche Populärkultur vom 16. bis zum 19. Jahrhundert) waren. Die Ausstellung ist in sechs thematische Blöcke gegliedert und zeigt Illustrationen zu Heldensagen, Frauenporträts, Landschaften, Theaterszenen und Satiren. Reale Ereignisse aus der japanischen Geschichte (die aufgrund strenger Zensurbestimmungen aber immer nicht genau benannt werden durften) haben Kuniyoshi genauso inspiriert wie das zeitgenössische Kabuki-Theater. Besondere Highlights der Schau sind allerdings die satirischen Blätter, in denen der Künstler Tiere, z.B. Kraken, wie Menschen agieren lässt. Dass japanische Kunst die Europäer beeinflusst hat, ist inzwischen bekannt. Aber dass ein Austausch auch in die andere Richtung stattfand, wird in London am Original bewiesen: Kuniyoshi benutzte Motive niederländischer Illustrationen für eigene Werke. In der Ausstellung werden beide nebeneinander gezeigt. Für alle die sich jetzt durch Kuniyoshis Werk klicken wollen, sei diese Seite empfohlen.

Thema: Kunst | Kommentare (0) | Autor: Steffen

Stolz und Vorurteil und Zombies

Samstag, 11. April 2009 17:43

Man nehme einen Klassiker der Literaturgeschichte und füge ein paar schaurige Untote  hinzu. Und schon hat man einen Skandal und das Buch stürmt die Bestsellerlisten. So gerade geschehen mit Jane Austens “Pride and Prejudice”, das der amerikanische Schriftsteller Seth Grahame-Smith (Autor von Büchern wie “How to Survive a Horror Movie” und “The Big Book of Porn”) mit jeder Menge Horror-Elemente vermischte und zu “Pride and Prejudice and Zombies” aufmotzte. Die Handlung bleibt in den Grundzügen gleich, doch ist diese Welt bevölkert von fiesen und gefährlichen Zombies. So muss Mr. Bennet also selbst für eine gute Kampfkunstausbildung seiner Töchter sorgen. Und da die Mädels persönlich eine Zombie-Attacke auf Mr. Bingleys Party vereiteln, steht Jane plötzlich ganz hoch in Bingleys Ansehen. (Den Rest des Inhalts hier.) Der Verlag verkündet inzwischen, dass das Buch nicht mehr lieferbar sei. Und im New Yorker äußert ein Literaturprofessor die Vermutung, dass diese neue Textgattung (genannt Mashup) erst durch das Internet möglich geworden ist. Ganz ehrlich: Was in Musik, Malerei, Mode gut klappt, kann doch auch in der Literatur funktionieren. Also her mit der deutschen Übersetzung und noch mehr durchgeknallten Mashups!

Nachtrag 22.06.2009: Oliver hat das Buch inzwischen gelesen und ausführlich in seinem OliBlog besprochen. Er vergibt beachtliche 7 von 10 Punkten!

Thema: Literatur | Kommentare (2) | Autor: mulliner

Literaturmagazine aus aller Welt: Granta

Mittwoch, 18. Februar 2009 15:09

Schon Ende des 19. Jahrhunderts gründeten Studenten in Cambridge ein Magazin namens Granta. Mit einem Relaunch 1979 haben sich die Herausgeber vorgenommen, das Profil des dicken Hefts unter dem Motto “new writing” zu schärfen. Die unterschiedlichen belletristischen Texte, die Reportagen und die Fotografien haben stets ein gemeinsames Thema. Ältere Ausgaben drehten sich bereits um Tod, Afrika oder Film; im Januar erschien “Fathers”. Einige Höhepunkte der aktuellen Ausgabe, zum Beispiel Jonathan Lethems Text über seinen Vater, gibt es auch online. International bekannte Autoren, wie diesmal Siri Hustvedt oder Will Self, machen das Heft zu einem Tipp auch für Nicht-Engländer. Besonders berühmt ist Grantas unregelmäßige Wahl der “Best Young British Novelists”. 1983 wurden u.a. Ian McEwan, Julian Barnes und Martin Amis gekürt - heute allesamt große britische Autoren!

Thema: Literatur | Kommentare (0) | Autor: mulliner

Michael Gottlieb Bindesbøll: Thorvaldsen-Museum in Kopenhagen

Donnerstag, 12. Februar 2009 18:09

Sieben Jahre vor seinem Tod fasste der dänische Bildhauer Bertel Thorvaldsen (1770-1844) in Rom den Entschluss, seine Werke, seine Sammlung und sein Vermögen der Heimatstadt Kopenhagen zu überschreiben, damit dort ein ihm allein gewidmetes Museum entstünde. Die Unterstützung des Königs und aller Kopenhagener war ihm sicher; gehörte er doch über viele Jahrzehnte zu den wichtigsten Künstlern ganz Europas. Das Thorvaldsen-Museum ist das erste und gleichzeitig bedeutendste Bauwerk des dänischen Architekten Bindesbøll (1800-1856). Der 1848 eröffnete spätklassizistische Bau von Thorvaldsens Freund ist Dänemarks ältestes Museum und zeigt vom Grundriss bis zu den Wandbemalungen und den Fussbodenmosaiken zahlreiche antikisierende Elemente. Originale Abgüsse und Skulpturen von Thorvaldsen werden genauso ausgestellt wie seine große Kunstsammlung, die von antiken Stücken bis zu Gemälden seiner Zeitgenossen reicht. .

Thema: Architektur | Kommentare (2) | Autor: mulliner