Beitrags-Archiv für die Kategory 'Literatur'

Neue Literatur aus Amerika: Meyer, Morgan, Galchen

Samstag, 19. Juni 2010 13:21

20 Autoren unter 40. Im aktuellen Summer Fiction Issue des New Yorker werden Kurzgeschichten junger amerikanischer Autoren vorgestellt. Natürlich kann man gleich hinterfragen, was heutzutage jung oder amerikanisch denn eigentlich bedeutet. Aber weil sich die Herausgeber bei der Mischung der 20 Autoren große Mühe gegeben haben, ist die Auswahl bunt und abwechslungsreich. Und ein Tipp für deutsche Leser allemal, da viele Autoren gerade erst oder noch gar nicht übersetzt wurden. Daher will ich hier drei Autoren und ihr Werk vorstellen.
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Thema: Literatur | Kommentare (1) | Autor: Steffen

Leo Perutz: Der Meister des Jüngsten Tages

Montag, 14. Juni 2010 20:35

Eine Reihe rätselhafter Selbstmorde erschüttert Wien. Gottfried Adalbert Freiherr von Yosch und Klettenfeld, so der komplette Name des Ich-Erzählers, schwört im Vorwort, die volle Wahrheit wiederzugeben. Doch nicht nur weil er selbst direkt in die Ereignisse verwickelt ist, sondern vor allem weil er sich oft widerspricht und andere Personen Kritisches über ihn äußern, sollte man als Leser vorsichtig mit Yoschs Schilderungen umgehen.
Weil nun aber so unmittelbar von den tragischen Selbstmorden (oder doch Morden?) berichtet wird, der kurze Roman vor An- und Vorausdeutungen nur so wimmelt, ist man sofort und bis zur letzten Seite gefesselt.
Dass Adorno, Benjamin und Borges zu den Fans von Perutz’ “Der Meister des Jüngsten Tages” zählten, zeigt ja schon, dass der Roman mehr ist als ein ganz normaler Krimi. Perutz baut psychoanalytische Erkenntnisse genauso clever in seinen Text wie Fragen der Moral, Identität und Realität.
Zum Inhalt wird jetzt nicht viel verraten. Nur soviel: Wer Umberto Ecos “Der Name der Rose” spannend aber zu dick fand, sollte zu Perutz greifen! Wer sich vorher doch informieren möchte, liest den umfangreichen Wikipedia-Eintrag. (Nur der genaue Titel des am Romananfang gespielten Brahms-Stückes muss nachgereicht werden: H-Dur-Trio op.8.)

Thema: Literatur | Kommentare (2) | Autor: Steffen

Grimme Online Award 2010

Samstag, 5. Juni 2010 12:28

Nein, noch ist nicht klar, wer von den 24 Nominierten in diesem Jahr den Preis gewinnt. Für mich allerdings steht der Sieger bereits fest: Der Umblätterer! Ok, die Mini-Texte von Florian Meimberg sind auch nicht schlecht aber gegen die geballte Macht des Consortium Feuilletonorum Insaniaeque kommt keiner an.
Wo sonst liest man so detailgenau von Rainald Götz’ Auftritt bei Harald Schmidt? Wer sonst sammelt so schöne Vossianische Antonomasien? Und wo sonst werden heute noch Leo Perutz und John Flaxman gefeiert?
(Einziger Wermutstropfen waren für mich als Nicht-Seher allerdings die “Lost”-Zusammenfassungen. Aber die letzte Folge ist ja zum Glück gelaufen!)
Bei TV Spielfilm kann man übrigens selbst abstimmen.

Thema: Literatur | Kommentare (0) | Autor: Steffen

James Hamilton-Paterson: Kochen mit Fernet-Branca

Mittwoch, 19. Mai 2010 19:04

Nein. Das ist kein Kochbuch. Zwar finden sich in “Kochen mit Fernet-Branca” tatsächlich einige Rezepte, doch wer würde so etwas wie Fischkuchen, Alien Pie (inkl. 1 kg geräucherter Katze) oder Fischotter mit Langustensauce wirklich nachkochen? Stattdessen liefert der Brite Hamilton-Peterson mit seinem amüsant-verrückten Roman eine Mischung aus Thriller und Kulturbetriebs-Satire. mehr

Thema: Literatur | Kommentare (0) | Autor: Steffen

Martin Page: Antoine oder die Idiotie

Samstag, 8. Mai 2010 9:00

Dumm aber glücklich. Das hört sich ja eigentlich ganz logisch an. Doch wie findet man heraus, ob das nicht nur ein platter Spruch, ein Klischee ist, sondern wirklich stimmt? Antoine, Held im gleichnamigen Roman des Franzosen Martin Page, hat genug von seiner Intelligenz, die angeblich Schuld an seinem Unglück, seiner Einsamkeit und seiner Armut ist. Also entscheidet er sich für die Dummheit. mehr

Thema: Literatur | Kommentare (1) | Autor: Steffen

Saehrendt & Kittl: Geier am Grabe van Goghs

Mittwoch, 5. Mai 2010 12:51

Wer stahl die „Mona Lisa”? Mit welcher Provokation kann ein Künstler heute noch einen Skandal hervorrufen? Was muss man tun, um in Diktaturen zum Staatskünstler aufzusteigen? Das Autorenteam Saehrendt und Kittl hat einen neues Anekdotenbüchlein geschrieben, dass allerhand unglaubliche und verrückte Ereignisse aus der Geschichte der Kunst erzählt. mehr

Thema: Kunst, Literatur | Kommentare (0) | Autor: Steffen

Das beste Literaturmagazin der Welt: Slightly Foxed

Donnerstag, 8. April 2010 9:04

Es kann ja gar nicht oft genug auf das großartige “Slightly Foxed” aus England hingewiesen werden. Nicht nur, dass das Magazin mit ganz persönlichen Buchbesprechungen nach wie vor wunderbar oldfashioned auf Papier erscheint (und nicht als  App), vor kurzem haben die beiden Herausgeber Gail Pirkis und Hazel Wood im krisengeschüttelten London auch noch einen alten Buchladen übernommen (South Kensington, 123 Gloucester Road).
In mal enthusiastischen, mal informativen, aber immer leidenschaftlichen Kurzessays werden in Heft 25, der aktuellen Frühlingsausgabe, Bücher von so unterschiedlichen Autoren wie Janet EvanovichJohn Kenneth Galbraith oder Edith Sitwell besprochen. Es geht diesmal also um Abenteuer einer Kopfgeldjägerin, um den Aufbau des Sozialstaats und englische Exzentriker - wenn das keine wilde Themenmischung ist!
Im Vorwort berichten die Herausgeber regelmässig aus ihrem Büroalltag und wenn das Abo schon wieder ausläuft, bekommt man keine Mail, sondern einen sympathischen Erinnerungsbrief.
Kurz: “Slightly Foxed” ist Pflichtlektüre für alle Büchernarren und Bibliomanen!

Thema: Literatur | Kommentare (0) | Autor: Steffen

Roberto Bolaño: 2666

Dienstag, 6. April 2010 9:25

Es ist schon viel über Roberto Bolaños letzten Roman “2666″ geschrieben worden. Auf der Homepage des Verlages erläutert Tobias Lehmkuhl die fünf Teile des ingesamt über 1000 Seiten dicken Buches. Unter www.zwei666.de finden sich Einträge unterschiedlicher Autoren, die “2666″ im letzten Jahr gemeinsam lasen. Daher will ich hier auf eine Inhaltsangabe verzichten (alle Erzählstränge und Personen anzusprechen, würde sowieso den Rahmen sprengen), sondern stattdessen auf einige mir wichtige Motive eingehen. [...]

Thema: Literatur | Kommentare (3) | Autor: Steffen

Meg Mullins: The Rug Merchant

Mittwoch, 18. November 2009 18:10

Die alte Geschichte: Liebe gegen jede Konvention. Ushman, iranischer Teppichhändler in New York, und die viel jüngere Stella, amerikanische College-Studentin, verlieben sich ineinander. Alter, Nation, sozialer Rang - es scheint fast, als ob Meg Mullins in ihrem Roman “The Rug Merchant” (auf Deutsch erschienen als “Der Teppichhändler“) möglichst krasse Gegensätze konstruieren wollte. Doch dann kommt gerade nicht, was der Leser eigentlich erwartet hätte. Keine Familien, die Einspruch gegen die Beziehung erheben, keine Freunde, die davon abraten. Stattdessen wird das trostlose, traurige Leben Ushmans geschildert und wie er bei Stella zum ersten Mal echte Liebe und Aufmerksamkeit findet.
Der stille Ushman verkauft teure Teppiche, die ihm seine Ehefrau aus dem Iran in die USA schickt. Geplant war, dass sie ihm irgendwann folgt. Doch die Fernbeziehung zerbricht und Ushmans Pläne für die Zukunft gleich mit. Verzweifelt irrt er durch die Stadt, steht oft einsam am Flughafen in der Hoffnung, gleich seine Frau zu empfangen oder einfach den nächsten Flug zu ihr zu nehmen. Dort trifft er Stella, die eben ihre Eltern in den Italienurlaub verabschiedet hat. Sie wechseln ein paar Worte, trinken einen Kaffee, er gibt ihr seine Karte. Als Stellas Mutter in Italien plötzlich einen Selbstmordversuch unternimmt, meldet sie sich bei ihm. Die Einsamkeit führt sie zusammen. Einige Wochen dauert die Beziehung. Der melancholische Ushman scheint sich dabei immer bewusst, dass dies alles sehr schnell zu Ende sein könnte. Und als schließlich der Mann seiner besten Kundin stirbt und diese plötzlich in direkte Konkurrenz zu Stella tritt, ist es vorbei.
“The Rug Merchant” ist eine stimmungsvolle Liebesgeschichte mit vielen kleinen Szenen, die wunderbar beobachtet und beschrieben sind: Die Blicke von Stellas Mitschülerinnen, der Besuch in einem Diner, das Gespräch mit einer chinesischen Nutte. Keine großen dramatischen Cliffhanger, sondern alltägliche Kleinigkeiten, die umso mehr berühren. Nein, dieses Büchlein wird sicher nicht in die Literaturgeschichte eingehen und doch ist es eine perfekte, leichte Herbstlektüre!

Thema: Literatur | Kommentare (0) | Autor: Steffen

Kazuo Ishiguro: Nocturnes. Five Stories of Music and Nightfall

Montag, 19. Oktober 2009 13:56

Liebe, Musik, Vergänglichkeit. Der Autor des Klassikers “Was vom Tage übrigblieb” hat ein neues, vor kurzem auch in deutscher Sprache erschienenes Buch geschrieben (Titel der Übersetzung: “Bei Anbruch der Nacht“, Blessing Verlag). In den fünf Geschichten schildern unterschiedliche Menschen ihre mal mehr, mal weniger spektakulären Erfahrungen in Sachen Partnerschaft und Trennung. Eines haben sie alle gemeinsam: Musik spielt in ihren Leben eine große Rolle.
In der ersten Erzählung “Crooner” berichtet ein in Venedig arbeitender Gitarrist von der Begegnung mit einem ehemals großen amerikanischen Sänger. Als er gebeten wird, ein nächtliches Ständchen für die Ehefrau des Sängers zu geben, willigt er schnell ein. Erst auf den letzten Seiten der Geschichte kommen ihm und dem Leser Zweifel. Die Venedig-Reise des Sängers soll die langjährige Ehe nämlich nicht wiederbeleben, sondern beenden.
Eine ähnlich traurig-melancholische Endzeitstimmung herrscht auch in der zweiten und eindringlichsten Story. “Come rain or come shine” handelt erneut von einem Paar und einem Dritten. Diesmal ist es ein musikbesessener Englischlehrer. Er wird von einem alten Freund nach London geholt, um dessen Beziehung zu retten. Der hinterhältige Plan: Der Lehrer soll den deprimierten Looser spielen, so dass die Frau des Schulfreunds erkennt, was sie an ihrem Mann eigentlich hat. Eine Weile geht das auch gut. Doch dann kommt das Gespräch auf Musik, die alten amerikanischen Klassiker, dank derer sich der Lehrer und die Frau vor Jahren gut kennengelernt hatten…
Ein Saxophonist, ein Cello-Spieler, ein Singer-Songwriter und deren Erlebnisse sind die Helden der anderen Geschichten. Der Titel Nocturne deutet es schon an: Es ist der ganz eigentümliche Zusammenklang von Dämmerung, Nacht und Musik, den Ishiguro in seinen Geschichten zu treffen versucht. Zum großen Teil gelingt es ihm gut, diese träumerische, oft schwermütige Atmosphäre zu schildern. Hin und wieder allerdings, immer dann wenn es auf Pointen oder Höhepunkte zuläuft, drohen die Geschichten etwas banal zu werden. Solange er aber wie der Meister der Kurzgeschichte Raymond Carver alles in der Schwebe lässt, sind die fünf Storys wunderbare und anspruchsvolle Unterhaltungsliteratur.

Thema: Literatur | Kommentare (0) | Autor: Steffen