Beitrags-Archiv für die Kategory 'Literatur'

Martin Rowson: Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman

Sonntag, 29. Januar 2012 15:24

Martin Rowsons kongeniale Comicvariante von Laurence Sternes “Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman” ist eines dieser Bücher, die man sich weder als E-Book noch als iPad-App vorstellen kann: In Halbleinen gebunden, großformatig, mit Leseband und marmoriertem (!) Vorsatzpapier - schon die ansprechende Ausstattung ist ein echtes Erlebnis.
Doch dann der Inhalt: Rowson erzählt den „Tristram” nicht einfach nur nach, er fügt weitere Ebenen hinzu, setzt Text in eigene, neue Bilder um und spielt auf jede Menge Details des Roman-Klassikers und aus dem Leben des Autors an. Das alles in vollgepackten Comic-Panels, die sich nicht nur der klassischen Comicbildsprache bedienen, sondern in denen außerdem in alle möglichen (und unmöglichen) Richtungen experimentiert wird. Als blättere man durch einen Band mit Kupferstichen im Stil des 18. Jahrhunderts, entdeckt man immer wieder witzige Einzelheiten, die am Bildschirm oder Touchscreen einfach untergehen würden.
Zugegeben: Ganz leichte Kost ist weder Sternes Roman noch Rowsons Graphic Novel (mehr über den Roman und dessen kunsthistorische Deutung hier). Ein Text, der seine eigene Entstehung reflektiert, in dem Erzählzeit und erzählte Zeit so weit wie nur möglich auseinander fallen und in dem Abschweifungen zum Stilprinzip erhoben werden, fordert den Leser intellektuell heraus - bietet für clevere Interpreten zugleich aber unzählige Anknüpfungspunkte.
Von den vielen, die sich Martin Rowson, im Hauptberuf politischer Karikaturist beim Guardian, herausgesucht hat, sei an dieser Stelle nur auf die kunsthistorischen verwiesen: Dass Künstler des 18. Jahrhunderts wie Wright of Derby, Hogarth und Piranesi zitiert werden, liegt auf der Hand. Aber außerdem bedient der Autor sich ebenfalls bei Leonardo da Vinci, Aubrey Beardsley oder George Grosz - nimmt also, wenn es ihm gerade passt, Sternes rote Fäden auf und zieht sie weiter bis in die Gegenwart. So schreibt Rowson ganz im Sinne Sternes den Roman immer weiter, schweift dabei natürlich immer wieder ab und überlässt es den Leser, offensichtliche Lücken und Sprünge mit Sinn zu füllen. Dabei ist das Buch geradezu ein Steinbruch tausender kreativer Ideen und jede Lektüre kann zu einer neuen Deutung führen.
Nach den neuen, bzw. wieder neu aufgelegten Sterne-Übersetzungen von Michael Walter (hier und hier) gehört jetzt also auch Rowsons Graphic Novel in das Bücherregal jeden deutschsprachigen Tristram-Fans!

Martin Rowson:
“Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman
Nach Laurence Sterne”

Knesebeck Verlag München 2011
26,5 x 21,5 cm, Halbleinen, 176 Seiten, 551 Abb.
24,95 € (D), 37,90 sFr, 25,70 € (A)
ISBN 978-3-86873-370-9

Thema: Kunst, Literatur | Kommentare (0) | Autor: Steffen

Werner Busch: Great wits jump. Laurence Sterne und die bildende Kunst

Sonntag, 23. Oktober 2011 16:19

Vor mehr als 250 Jahre wurde Laurence Sternes erster Band des Romans “Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman” veröffentlicht. Heute zählt das neunbändige Werk nicht nur zu den großen Klassikern der Weltliteratur, es fordert immer wieder auch neue Interpretationen heraus. Ob die vor kurzem auf Deutsch erschienene Graphic Novel des englischen Künstlers Martin Rowson oder das Buch des Kunsthistorikers Werner Busch, der in sechs Kapitel Sternes Roman nach Verbindungen zur bildenden Kunst untersucht - es liegt an Struktur und Form des “Tristram Shandy” selbst, dass er ständig neue Auslegungen provoziert.
Der vollkommene Verzicht auf Chronologie (mehr zum Inhalt u.a. hier), die bewusste Mehrdeutigkeit, das Aufbrechen der klassischen Erzählstrukturen durch etliche Assoziationen und Abschweifungen (Digressionen) machen den Roman zum Vorläufer von postmoderne Bücher z.B. von David Foster Wallace (mehr zum Thema Digression hier).
Dass Laurence Sterne an vielen Stellen auf Werke der bildenden Kunst (v.a. Gemälde und Druckgrafik) nicht nur anspielt, sondern sie teilweise sogar wortwörtlich umsetzt, davon erzählt Werner Busch mit geradezu kriminalistischem Spürsinn. Auch für den Leser, der über keine großen Kenntnisse der englischen Kunst des 18. Jahrhunderts verfügt, sind die Kapitel trotz mancher (angekündigter) Abschweifung nachvollziehbar und schlüssig aufgebaut. Sterne wird oft in deutscher Übersetzung zitiert und kleine schwarzweiße Abbildungen zeigen die erwähnten Kunstwerke - so wird es uns leicht gemacht, den mitunter anspruchsvollen Gedankengängen Buschs doch leicht zu folgen.
Dabei geht es dem Autor jedoch um mehr, als um ein reines Auffinden von bislang unentdeckten Bildzitaten. Vielmehr wird Sterne in philosophische und kunsttheoretische Traditionen etwa von John Locke und Robert Burton gestellt. Und es werden - für einen kunsthistorischen Text eher unüblich - Parallelen bis in die Gegenwart gezogen, z.B. zu Arbeiten von Marc Quinn oder Irene Dische.
Zu den Künstlern, deren Werke sich Sterne als Vorbild und Inspiration für seinen Roman ausgesucht hat, gehören u.a. Anton van Dyck, William Hogarth und Annibale Carracci. Oft rekonstruiert Busch nicht nur die theoretischen Hintergründe des sog. “Borrowing”, sondern geht ganz praktisch der Frage nach, wo Sterne dieses oder jene Kunstwerk hätte sehen können. All diese Herleitungen sind nicht nur spannend zu lesen, sondern auch reich an zeitgeschichtlichen Hintergrundinformationen zur englischen Kunst und Gesellschaft im 18. Jahrhundert.
Werner Busch auf diesen Wegen zu folgen ist ein großes intellektuelles Vergnügen. Sein Buch macht zudem wie von selbst Lust auf die (erneute) Lektüre des “Tristram Shandy”. Es lädt ein zur Beschäftigung mit einem Roman, der nicht nur subtil an klassischen Gattungsgrenzen kratzt, sondern dank seiner Mehrdeutigkeit und Sinnoffenheit noch so lange nach seinem Entstehen unsere Phantasie anregt.

Werner Busch:
“Great wits jump. Laurence Sterne und die bildende Kunst”
Wilhelm Fink Verlag München 2011, 236 Seiten, 87 s/w Abb.,
Franz. Broschur, EUR 29.90 / CHF 41.90
ISBN: 978-3-7705-5216-0

Thema: Kunst, Literatur | Kommentare (1) | Autor: Steffen

Jasper Fforde: Der Fall Jane Eyre

Samstag, 20. August 2011 13:51

Eigentlich wurde ja schon oft genug geschrieben, wie toll die Romane des Walisers Jasper Fforde sind (zuletzt z.B. hier, hier und hier). Seine Romanreihe um die Heldin Thursday Next (siehe auch den Wikipedia-Eintrag) ist aber so abgefahren und unterhaltsam, dass ich hier noch einmal eine dringende Leseempfehlung für all jene aussprechen möchte, die sich sonst eigentlich nur für die großen Literaturklassiker interessieren. Fforde ist ein hervorragender Kenner der Literaturgeschichte, er hat aber so viel Fantasie und Witz, dass er bekannte Geschichten von Dickens, Poe, Kafka, Austen usw. nicht einfach nur umschreibt oder ihnen Helden entnimmt und sie z.B. in die Gegenwart versetzt. Nein, das Allergrößte an Ffordes Romanen ist, dass er unbändige Lust auf das Lesen der Klassiker selbst macht. Allein die Handlung von “Der Fall Jane Eyre”, dem ersten Buch der Folge, ist verrückt genug, aber wie Fforde dem unwissenden Leser (ich gehörte dazu) vorgaukelt, dass Charlotte Brontës Roman ein ganz anderes Ende hätte und erst Literaturagentin Thursday Next durch ihr Eingreifen das Ende so hinbiegt, wie es heute wirklich im Buch steht - das ist ziemlich gerissen. Da einige Personen in Ffordes Büchern in andere Texte einsteigen und immer dann, wenn der Erzähler nicht da ist, sozusagen hinter den Kulissen agieren, bekommen wir die Romanklassiker noch einmal (bzw. zum ersten Mal) aus ungewöhnlicher Perspektive präsentiert. Ja, Fforde hat sich sogar Gedanken gemacht, wie unterschiedlich man sich in den Romanwelten je nach Erzählperspektive des Textes bewegen kann.
Und weil im Dezember eine neue Verfilmung von “Jane Eyre” in die Kinos kommt, die schon jetzt als Meisterwerk gefeiert wird und dtv die Thursday Next-Reihe in einer kitschig-bunten neuen Edition herausbringt, ist genau jetzt der richtige Zeitpunkt, Ffordes Bücher zu lesen und sich von seiner Literaturbegeisterung anstecken zu lassen!

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Christopher Dell (Hrsg.): Das Geheimnis der Meisterwerke. Was große Kunst auszeichnet.

Sonntag, 22. Mai 2011 13:16

Jeder Kunstinteressierte kennt das ja: Entweder sind die Reproduktionen von Kunstwerken in einem Katalog, einer Monographie oder einem Sammelband gut und dann taugt der Text nichts. Oder umgekehrt fehlen bei einem guten Text Fotografien der besprochenen Werke in angemessener Qualität. Eine der wenigen Ausnahmen ist das vor kurzem bei Dumont erschienene, vom Kunsthistoriker Christopher Dell herausgegebene Buch “Das Geheimnis der Meisterwerke. Was große Kunst auszeichnet.”
Zugegeben, der deutsche Titel des 2010 bei Thames & Hudson erstmals veröffentlichten Bandes ist recht plakativ. Im Englischen heißt es offener: “What Makes a Masterpiece? Encounters with Great Works of Art.” Wer die Einleitung des Herausgebers liest, bekommt auch schnell mit, dass es hier auf gar keinen Fall um einen verbindlichen Kanon der Meisterwerke geht. Über 50 Autoren unterschiedlicher Herkunft stellen in über 80 kurzen, hervorragend illustrierten und chronologisch geordneten Kurzessays Höhepunkte der Kunstgeschichte vor. Auf Donatellos “David” (um 1440) folgt ein etwa gleichzeitig entstandener Aztekischer Adlerritter eines unbekannten Künstlers oder auf Giottos Fresken für die Scrovegni-Kapelle in Padua (ab 1303) die Beschreibung des “Wasser-Mond Avalokiteshvara”, einer riesigen koreanischen Seidenmalerei. Auch wenn es im Verhältnis wenige außereuropäische Beispiele sind, so wird doch der Blick über den Tellerrand gewagt - mit großem Erkenntnisgewinn für uns Leser!
Natürlich dürfen bei so einem Kunstband die “üblichen Verdächtigen” nicht fehlen: Leonardo, van Gogh, Rubens, Rembrandt, Turner, Manet, Monet, Vermeer - sie sind alle wieder mit dabei. Doch ein besonders kluger Schachzug ist die Auswahl der Autoren. Es schreiben viele Wissenschaftler, anerkannte Professoren und Experten ihres Fachs aber eben auch Künstler wie Anthony Caro (über Rodin) oder Grayson Perry (über Bosch). Sie alle sind gezwungen uns auf einer bis höchstens drei Seiten das Meisterhafte “ihres” Kunstwerks zu erläutern. Und da die Literatur zu berühmten Werken wie die “Mona Lisa” sicher hunderte Regalmeter (oder Megabyte) einnimmt, sind viele der präganten, aussagefähigen Texte selbst kleine Meisterwerke. Die Texte der deutschen Autoren fallen natürlich besonders ins Auge und gehören zu den Höhepunkten des über 300 Seiten dicken Buchs: Stephan Kemperdick schreibt über Bruegel, Martin Kemp über Leonardo, Werner Busch über Caspar David Friedrich.
“Das Geheimnis der Meisterwerke” gehört nicht zu den schnell auf den Markt geworfenen, billig produzierten Bilderbüchern zur Kunstgeschichte. Gut gebunden, im handlichen Format, mit hervorragenden Abbildungen und größtenteils erstklassigen Texten ist der Band eine Empfehlung für jeden Kunstfan!

“Das Geheimnis der Meisterwerke. Was große Kunst auszeichnet.”
Christopher Dell (Hg.)
304 Seiten, mit 265 farbigen und 20 einfarbigen Abb.
H 27 x B 20 Hardcover
EUR 39,99 [D] / 56,90 sFr.
ISBN 978-3-8321-9364-5

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Richard Kämmerlings: Das kurze Glück der Gegenwart.

Sonntag, 3. April 2011 21:21

Natürlich sind Literaturgeschichten immer auch ein Produkt persönlicher Vorlieben des Autors. Erst recht, wenn es sich wie bei Richard Kämmerlings’ “Das kurze Glück der Gegenwart. Deutschsprachige Literatur seit ‘89″ um Texte, vor allem Romane der letzten 20 Jahre handelt. Noch sind die besprochenen Bücher lange nicht Allgemeingut, auch wenn sie beim Erscheinen gute Kritiken bekamen oder auf den Bestsellerlisten standen. Ob sie irgendwann zum vielbeschworenen Kanon gehören, wird erst die Zukunft zeigen. Doch Kämmerlings, lange Zeit bei der FAZ, jetzt beim Feuilleton der WELT, wählt zwar subjektiv aus, schiebt hin und wieder auch private Anekdoten ein, begründet seine Auswahl in neun nach Themen geordneten Kapiteln jedoch ausgesprochen kenntnisreich und unterhaltsam. Da er sich gerade nicht an Bestsellern abarbeitet oder auf Altbekanntes beschränkt, sondern jede Menge eher weniger bekannte Bücher sehr unterschiedlicher Autorinnen und Autoren vorstellt, ist sein Buch ein Überblickswerk und gleichzeitig ein Appetitanreger, den eigenen Lesehorizont zu erweitern.
Natürlich muss eine ordentliche Literaturgeschichte, vor allem wenn sie ein journalistischer Literaturkritiker und kein universitärer Literaturwissenschaftler geschrieben hat, herausfinden, welches Buch besonders gelungen ist und welches nicht. Hauptkriterium ist für Kämmerlings der Gegenwartsbezug eines Textes. Wie viel von unserer Lebenswelt, den wichtigen Themen unserer Zeit finden wir in den Büchern wieder? Je nach Themengebiet - Berlin, Krieg, Sex, Ost-West, Wirtschaft, Soziales, Familie, Herkunft, Tod - gibt es für ihn mal mehr, mal weniger gelungene Beispieltexte. Es spricht für Kämmerlings Buch, dass er je nach Thema stets zu einem anderen Ergebnis kommt und nicht pauschal überall Lücken konstatiert. Es fehlten z.B. noch gute Romane, die sich mit den Kriegen und Konflikten der Gegenwart auseinandersetzen. Dafür sei das Thema Wiedervereinigung und die Folgen u.a. mit Annett Gröschners “Moskauer Eis” gut aufgearbeitet.
Wer die Kapitel aufmerksam liest und die in größere Zusammenhänge eingebetteten Rezensionen mit eigenen Leseerfahrungen vergleicht, bekommt schnell Lust auf unbekannte Texte. (Martin Klugers Roman “Abwesende Tiere” habe ich mir z.B. auf meine Leseliste geschrieben.) In einem abschließenden Kapitel zählt Kämmerlings noch einmal die für ihn zehn besten Bücher der letzten 20 Jahre auf. (Und ja, irgendwie ist die metaphernreiche Sprache Kämmerlings schnell ansteckend:) Dieses Buch schlägt eine Schneise in das unübersichtliche Dickicht der neuesten deutschsprachigen Literatur.

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Heinz Strunk: In Afrika

Samstag, 1. Januar 2011 11:45

Nein, von Buchtitel, Klappentext und dem kinderbuchartigen Cover sollte man sich auf gar keinen Fall abschrecken lassen. Schon bei Strunks Roman “Fleckenteufel” passte das Äußere nicht zum Inneren. Damals versuchte der Verlag, ein hellblaues Gegenstück zu Charlotte Roches “Feuchtgebiete” zu konstruieren. Aber allein der Inhalt zählt und der ist nach “Die Zunge Europas” in Sachen Handlung zwar erneut ausgesprochen mager aber trotzdem geradezu erschreckend gut.
Man kann das Dilemma der Verlagsmenschen ja verstehen. Schon wieder so ein Buch mit über 250 Seiten, in denen es um nichts anderes geht als um Strunk und seine Sicht auf die Welt. Auch wenn er an Weihnachten 2007 zufällig in den Urlaub nach Kenia fliegt, wird aus “In Afrika” zum Glück kein Abenteuer- oder Reiseroman. Und selbst wenn auf den letzten Seiten in Mombasa wirklich ein Bürgerkrieg ausbricht, so ist das die spektakuläre Ausnahme. Denn Strunks Urlaubsideal ist die sogenannte Kein-Erlebnis-Reise, einfach rumdösen, andere Menschen beobachten, vielleicht noch etwas Glücksspiel und Alkohol. Also ist es schließlich egal, wo man Urlaub macht.
Strunk reist nicht allein. Sein Freund C. aus Österreich (Christoph Grissemann?) hat sich das Reiseziel ausgedacht und begleitet ihn zum Pool und ins Casino. Aber schon die Beschreibungen der auf den verspäteten Flieger wartenden Passagiere und deren Verhalten im Flugzeug sind echte Preziosen. Und so geht es im gesamten Roman weiter, der eigentlich nichts anderes ist als eine Aneinanderreihung schillernder, oft eiskalter Porträts in der Art von Otto Dix. Hotelangestellte, andere Urlauber, Einheimische, Waldnutten, C. und Strunk selbst - hier wird jeder Charakter unter die Lupe genommen und knallhart seziert.
Die Handlung kommt da nur langsam voran. Eingeschoben sind außerdem einige erzähltheoretische Überlegungen zum perfekten Roman. (Vorschlag für einen guten ersten Satz: “Manfred wuchs in den Eingeweiden seines Vaters auf.”) Gedanken über Pop (Pur, Technotronic), Alltag (Essen, Abnehmen, Fernsehen) und sexuelle Abartigkeiten (Knismolagnie) kommen hinzu.
Was “In Afrika” aber zu einem wirklich guten Buch macht, ist die tiefe Melancholie, die echte Verzweiflung, die hinter all den nur auf den ersten Blick skurrilen Bildern liegt. Die erste Lektüreempfehlung für 2011!

Thema: Literatur | Kommentare (0) | Autor: Steffen

Geschenktipps Weihnachten 2010

Dienstag, 14. Dezember 2010 6:05

Nur noch wenige Tage und dann ist es wieder soweit. Für die nach Inspiration Suchenden hier ein paar heiße Tipps: Vor kurzem erschien die Taschenbuchausgabe von T.C. Boyles großartigem Frank-Lloyd-Wright-Roman “Die Frauen” (mehr hier). Der amerikanische Star-Architekt verwickelt in dramatischen Frauengeschichten mit Mord, Totschlag und jeder Menge Rumgezicke. Ganz im Gegenteil dazu die stillen aber genauso eindringlichen Kurzgeschichten des Iren Colm Tóibín im Band “Mütter und Söhne” (mehr hier).
Vom Ursprung aller Dinge erzählt der Altmeister des amerikanischen Comics Robert Crumb in seiner prächtigen Graphic Novel “Genesis” (hier eine Leseprobe). Als bester deutscher Comic 2010 wurde dagegen Jens Harders “Alpha” ausgezeichnet, so etwas wie das naturwissenschaftliche Gegenstück zu Crumb: Die Entstehung der Welt auf 360 Seiten (hier Infos und Leseprobe).
Eine der großartigsten TV-Serien der letzten Jahre ist “Mad Men“. Und auch wenn das inzwischen viele wissen; im deutschen Fernsehen laufen die Geschichten rund um eine New Yorker Werbeagentur Anfang der 1960er immer noch versteckt bei ZDFneo und Sky. Aber zum Glück sind die ersten beiden Staffeln jetzt auch bei uns auf DVD erhältlich.
Und auch in der Musik war 2010 ein gutes Jahr. Im März erschien das Debütalbum von Brian Burton und James  Mercer alias Broken Bells. Und hier stimmt es wirklich: Ein Album für die Ewigkeit.
Viel Spaß beim Verschenken!

Thema: Kunst, Literatur | Kommentare (0) | Autor: Steffen

Carlos Busqued: Unter dieser furchterregenden Sonne

Dienstag, 30. November 2010 20:20

Das Ungeheuerliche an diesem nicht einmal 200 Seiten langen Roman ist der beiläufige Ton, in dem von brutalen Grausamkeiten erzählt wird. Doch gerade weil man in einer so nüchtern-sachlichen Sprache von Mord, Entführungen, Misshandlungen und Vergewaltigungen liest, bekommt man die Ereignisse in “Unter dieser furchterregenden Sonne” des Argentiniers Carlos Busqued so schnell nicht mehr aus dem Kopf.
Certati, ein lethargischer Kiffer mit Faible für Geschichts- und Naturdokus im Fernsehen, erfährt vom Mord an seiner Mutter und seinem Bruder. Doch anstatt die Mörder zu jagen oder die zumindest den Gründen für die Tat nachzugehen, wie man es etwa in einem klassischen Thriller erwartet, lässt er sich bereitwillig mit dem abstossenden und zwielichtigen Duarte ein, um die Pension der Mutter zu erschleichen. Dass dieser Duarte ein brutaler Sadist und Vergewaltiger ist und mit den Morden zu tun hat, bekommt Certati nicht mit. Stattdessen räumt er die Messi-Wohnung seines Bruders leer und beobachtet fasziniert dessen Axolotl, nach Helene Hegemanns Roman “Axolotl Roadkill” 2010 wohl das literarische Tier des Jahres.
Der zweite Erzählstrang handelt von Danielito, einem unselbständigen Typen, der Duarte kommentarlos bei dessen Verbrechen hilft, die Entführungsopfer im Keller mit Kuchen versorgt. Die einzig halbwegs vernünftige Person scheint Danielitos Mutter, die Duarte kennt und durchschaut. Doch die bringt sich eines Tages mit Rattengift um.
Zwischen all den trostlosen Begebenheiten sind immer wieder Artikel über Jagd und Mord an Tiefseekalmaren geschaltet. Die Männer unterhalten sich, wie Elefanten im Zirkus gequält und Riesenschlangen am besten aufgeschlitzt werden. Im Fernsehen laufen außerdem ständig Reportagen, auch über den 2. Weltkrieg. Mord, Gewalt und Drogen ist alles, was Sadisten wie Duarte noch interessiert. Die Schilderungen sind auch deshalb so furchterregend, weil es keine rationale Begründung für diese Art von Lebenseinstellung gibt. Die Militärdiktatur in Argentinien mag eine Rolle spielen, Duarte war Soldat, doch erklärt sie diesen düsteren Zustand nicht.
Wie Cormac McCarthy (”Die Straße”, “Kein Land für alte Männer”) schildert Busqued in seinem ersten Roman eine verkommene, verdorbene Welt. Die Angst, dass er damit Recht haben könnte, lässt uns so erschüttert zurück.

“Unter dieser furchterregenden Sonne”
Carlos Busqued
Aus dem Spanischen von Dagmar Ploetz
17.90 EUR
192 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN 978-3-88897-678-0
Verlag Antje Kunstmann

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“Ach! Eine Madeleine?” Proust als Comic

Samstag, 9. Oktober 2010 14:46

Eine wahres Mammutprojekt: Der französische Zeichner Stéphane Heuet hat sich vorgenommen, die kompletten sieben Bände von Marcel Prousts “Auf der Suche nach der verlorenen Zeit” als Graphic Novel umzusetzen. Der reine Umfang und vor allem die Vielzahl an Gedankenfäden, Abschweifungen, Anspielungen und Zeitsprüngen machen dies zu einem nicht ganz einfachen Unternehmen. Doch Heuet hat diese Hürde locker genommen!
Für alle die vor Proust zurückschrecken, ist der vor kurzem auf Deutsch erschienene erste Band der Comic-Fassung (”Combray”) eine gute Möglichkeit, sich einen ersten Eindruck zu verschaffen. Heuet gelingt es nämlich, dank klassischer Zeichnungen und historischer Nähe, eine echte Proust-Stimmung zu verbreiten. Dabei erkennt jeder, der Proust selbst gelesen hat, dass der Zeichner nur einige Szenen auswählte, auswählen musste, viel wegließ und viel verdichtete. Wie alle guten Adaptionen, etwa Romanverfilmungen, interpretiert Heuet den Ausgangsstoff neu und trifft doch den Kern ohne zu sehr an der Vorlage zu kleben.
Da ist zum Beispiel die berühmte Madeleine-Episode (die meiner Meinung nach nur so berühmt ist, weil sie bei Proust so weit vorn im Roman steht): An einem kalten Tag isst der erwachsene Marcel bei seiner Mutter ein Stück von dem typisch französischen Gebäck und trinkt dazu heißen Tee. Die Dampfschwaden ziehen sich bei Heuet von Bild zu Bild und zaubern auf der nächsten Doppelseite ein schönes, fast kitschiges idealisiertes Bild aus Marcels Kindheit hervor.
Dann gibt es sogar Seiten bei denen Heuet, der übrigens seit mehr als 10 Jahren an seinem Projekt arbeitet, Proust überlegen ist. Denn welcher Leser hat heute noch die Fresken Giottos in der Arenakapelle in Padua im Kopf? Wenn Proust also im Buch das Küchenmädchen und andere Frauen mit Giotto-Figuren vergleicht, stellt Heuet seine Giotto-Zeichnungen neben den Text und fügt Proust so eine weitere Dimension hinzu. (Das im letzten Jahr erschienene sehr schöne Buch von Eric Karpeles sammelt indes alle bei Proust erwähnten Original-Gemälde.)
Noch viel könnte man über den Aufbau des Comics sagen, man könnte einzelne Textstellen vergleichen oder Einzelbilder interpretieren. Ein großer Vorteil von Heuets Comic-Version ist, dass sie auf vielen Ebenen funktioniert, sie den Erstleser genauso anspricht, wie den Experten. Dank der vielen Einzelheiten in den Bildern kann man den großformatigen Band auch immer wieder zur Hand nehmen, darin lesen und Neues finden, so wie bei Proust selbst.
In dieser Woche war Stéphane Heuet auf der Frankfurter Buchmesse. Ein Video vom Aufritt und mehr über sein Buch hier und hier.
Stephane Heuet Auf der Suche nach der verlorenen Zeit
Abbildung mit freundlicher Genehmigung vom Knesebeck-Verlag

“Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Combray”
Marcel Proust, Stéphane Heuet
32,0 x 23,0 cm,
Gebunden, 72 Seiten, mit 400 Illustrationen
ISBN 978-3-86873-261-0
Preis: 19,95 € (D)
33,50 sFr ⁄20,60 € (A)

Thema: Kunst, Literatur | Kommentare (3) | Autor: Steffen

Cormac McCarthy: Die Straße

Sonntag, 22. August 2010 18:52

So düster und ausweglos ist kein anderer Roman. Vater und Sohn (Namen sind schon lange nutzlos) schleppen sich durch eine verbrannte Welt. Die Hoffnung, im Süden auf Leben zu treffen, treibt sie an. Doch ganz allein sind sie nicht. Ständig lauern wahnsinnige, bestialische Menschen auf Fleisch - die Konservenvorräte der Welt neigen sich dem Ende, Tiere und Pflanzen sind tot.
Was genau zur Apokalypse führte, wann und wo alles passierte, wie lange die beiden schon unterwegs sind - darüber schweigt der Erzähler. Die wenigen Dialoge zwischen Vater und Sohn sind genauso karg und hoffnungslos wie alles um sie herum. In sehr kurzen Sätzen versichern sie sich gegenseitig immer wieder die letzten Wahrheiten.
Ständig regnet es, sie frieren, die Sonne schafft es nicht durch die Asche-Wolken. Begegnungen mit anderen Überlebenen können stets im Tod enden. Doch zum Schluss scheint es einen Schimmer Hoffnung zu geben: Ein Fisch schwimmt in einem Bach.
“Die Straße” wurde 2007  mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet und vor kurzem mit Viggo Mortensen und Charlize Theron verfilmt (deutscher Kinostart am 7.Oktober). Er beeindruckt nicht durch Brutalität oder Horror, sondern gerade durch das Nicht-Gesagte, durch seine Offenheit. So ist es am Leser, sich seine Gedanken zu machen, so sind es die in wenigen Sätzen skizzierten Endzeit-Bilder, die einen nicht mehr loslassen.

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