Beitrags-Archiv für die Kategory 'Kunst'

Geklebte Schneeflocken: autoR von Carsten Nicolai

Sonntag, 18. Juli 2010 15:31

Zum dritten und letzten Mal verändert sich die Fassade der Temporären Kunsthalle auf dem Berliner Schlossplatz. Carsten Nicolai ließ für sein Projekt “autoR” 100.000 bunte Aufkleber in Form von dreiteiligen Kreuzen herstellen. Jeder Besucher kann nun bis zum Ende der Kunsthalle am 31.08. die Außenhaut ganz individuell bekleben. Die Aufkleber lassen sich leicht zu Strukturen gruppieren, die an Zeichnungen und Modelle aus Chemie und Physik erinnern. Doch viele Teilnehmer kleben anders, widersetzen sich gedachten Vorgaben. Aufkleber werden zerrisssen und in Einzelteilen angeklebt, sie werden zu Klumpen geformt und an die Wand geworfen, oft wollen sich Leute mit ihren Namen verewigen. Und doch entfaltet die sich ständig ändernde Fassade in ihrem Chaos einen besonderen Reiz: Steht man direkt vor dem Gebäude rieseln die bunte Sterne wie Schneeflocken herunter. Geht man so dicht an die Wand, dass man nichts mehr von den Gebäuden des Schlossplatzes wahrnimmt, fällt man regelrecht in eine Buchstabensuppe. Der impressionistische Orton-Effekt der Fotos verstärkt den Weltflucht-Reflex noch zusätzlich!

autoR von Carsten Nicolai an der Temporären Kunsthalle Berlin

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Preussen-Pop-Up: Moritz Götze vor dem Schloss Charlottenburg

Dienstag, 13. Juli 2010 22:36

Die große Luise-Ausstellung in Charlottenburg ist zwar schon vorbei, doch vor dem Schloss stehen noch immer drei große und flache Metall-Skulpturen von Moritz Götze. Immer wieder zitiert Götze alte Kunst; in diesem Fall die berühmte marmorne Prinzessinnengruppe von Johann Gottfried Schadow mit Königin Luise und ihrer Schwester Friederike. Mit seinen typischen schwarzen Comic-Konturen projiziert Götze die Vorderansicht der Skulptur auf eine Fläche, die mal rot, gelb oder blau ist. Wo im Original der Schatten in die Vertiefungen des Marmors fällt, läuft hier das Schwarz beinahe abstrakt ineinander. Und doch kann jeder Preußen-Kenner die Figuren schon an den Umrissen erkennen.
Im letzten Jahr wurden weitere große Skulpturen von Moritz Götze im Park von Schloss Neuhardenberg ausgestellt. Eine Prinzessinnengruppe war damals auch schon dabei.

Moritz Götze nach Johann Gottfried Schadow

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Fotografie in der Stadt: Michael Schmidt

Freitag, 9. Juli 2010 9:46

Es ist ja gerade das Besondere an den derzeit auf Berliner Werbeflächen zu sehenden Fotos von Michael Schmidt, dass man sie auf den ersten Blick überhaupt nicht wahrnimmt. Im Rahmen der aktuellen Berlin Biennale wurden Schmidts Fotos auf meist mehrere klassische Plakatwände nebeneinander geklebt. Oft auch an wenig spektakulären Ecken der Stadt; das Foto unten habe ich in der Möckernstraße, Ecke Hornstraße aufgenommen. Im Münchener Haus der Kunst läuft noch bis Ende August eine Ausstellung des Berliners, der ausschließlich in schwarz-weiß fotografiert und derzeit in den deutschen Feuilletons groß gefeiert wird. (Mehr zu Ausstellung “Grau als Farbe” in München bei fokussiert.com.)

Michael Schmidt. Möckernstraße Ecke Hornstraße. Berlin

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Geo Epoche Edition: Barock

Sonntag, 27. Juni 2010 13:48

Ein neues Kunstmagazin auf dem deutschen Zeitschriftenmarkt: Seit April liegt das erste Heft von Geo Epoche Edition in den Läden. Wie das Geschichtsmagazin Geo Epoche wird sich auch der Ableger in jedem Heft mit einem einzigen großen Thema beschäftigen. Da der umständliche Magazinname nicht darauf schließen lässt, worum es geht, muss ein Untertitel helfen: “Die Geschichte der Kunst”. Thema der ersten Ausgabe ist sehr passend der Barock.

Denn welche andere Epoche der Kunst legte mehr Wert auf farbenfrohe Gemälde und Fresken, überwältigende Architektur und ausufernde Inszenierungen von Theater bis Landschaft? Die großformatigen und hervorragenden Abbildungen von sehr vielen Gemälden, einigen Gebäuden und Skulpturen zeigen so viel von dieser Pracht, wie kaum ein klassischer Kunstkatalog. Bei einigen Fotos erkennt man sogar die Textur der Leinwand oder Risse im Putz des Freskos. Eine ganz eigene, moderne Collage-Ästhetik bestimmt die Architekturdarstellung: Die barocken Kirchenfassaden werden ausgeschnitten und auf schwarzem Grund nebeneinander gelegt.

Auf mehr als 130 Seiten wechseln sich Bildstrecken und längere Texte, die ebenfalls reich bebildert sind, miteinander ab. Die Bildstrecken widmen sich mit meist doppelseitigen Abbildungen und sehr kurzen, allgemeinen Bildtexten den spezifischen Formen des Barock in Rom, Frankreich, den Niederlanden und den sog. Deutschen Staaten. Und natürlich sind alle barocken Klassiker vom Petersdom bis Poussin, von Rembrandt bis Rubens mit dabei. Caravaggio bekommt gleich einen kompletten Lebenslauf, der sich allerdings mehr auf seine Abenteuer und Gewalttaten bezieht als auf seine Kunst. Neuere Forschungen relativieren inzwischen den angeblich so brutalen Lebenswandel.

Auch die anderen Texte sind leicht bekömmliche Anekdotensammlungen für zwischendurch. Gerade bei einem so interessanten Thema wie der barocken Festkultur verliert sich die Autorin Birgit Lahann in ewig langen und immergleichen Aufzählungen der Feiern in Rom, Versailles und Dresden. Wo die Bildredakteure auf einigen Seiten Spannendes ausprobieren (zum Beispiel 18 Selbstporträts Rembrandts auf einer Doppelseite) bleiben die Schreiber in ihren Texten traditionell bis langweilig. Warum zum Beispiel nicht mal eine genauere Bild- oder Architekturbetrachtung? Hin und wieder tauchen aber dennoch interessante Details auf, die mehr über den doch vielschichtigen Barock sagen, als die ständig wiederholten Klischees: Eine Mondsichelmadonna von Cigoli wird auf einem pockennarbigen Mond gezeigt, der so aussieht, wie Galilei ihn beschrieben hat.

In den anderen Geo-Heften sonst üblich, fehlen in Geo Epoche Edition leider die Literaturtipps. Zwar sind Bücher wie Francis Haskells “Maler und Auftraggeber” wohl nichts für den interessierten Laien, doch Ausstellungskataloge zum Thema sind oft gute Einführungen. Ebenfalls fehlen Angaben, wo sich die gezeigten Kunstwerke befinden. Aus dem kryptischen Fotonachweis sucht sich niemand heraus, in welchem Museum das Bild hängt. Denn auch wenn Geo Epoche Edition mit Sicherheit ein Fest für das Auge  ist, den Anblick des Originals kann selbst das schönste Foto nicht ersetzen.

GEO EPOCHE EDITION “Barock”
132 Seiten im Großformat
15,90 Euro

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Bernd Nothen: Verlorene Botschaften - Lost Messages

Samstag, 22. Mai 2010 10:39

Halb abgerissene Tapeten an den Wänden einer alten Ruine. Darunter: Hinweise auf frühere Bewohner. Regen, Wind und Wetter ausgesetzte Zeitungen, Briefe, Buchseiten. Der ursprüngliche Inhalt ging verloren und zurück bleibt ein rätselhaftes Papier, das nun nichts mehr zu übermitteln hat als sich selbst.
Die Collagen des 1939 in Köln geborenen Künstlers Bernd Nothen erinnern in ihrer abstrakten Schönheit auch oft an zerknülltes und dann wieder glattgebügeltes Papier. Doch egal, welche Assoziationen man bei den farbigen oder monochromen Papierarbeiten auch hat, immer ist man als Betrachter fasziniert von den mysteriös-abstrakten Formen.

Der im Freiburger modo Verlag erschienene Bildband mit dem treffenden Titel “Verlorene Botschaften - Lost Messages” versammelt in qualitätvollen Abbildungen Collagen und Assemblagen Nothens aus den letzten 40 Jahren. Die Arbeiten werden allerdings nicht chronologisch, sondern nach formal-ästhetischen Aspekten geordnet. Dies ist nur konsequent, denn immer wieder überarbeitet Nothen auch ältere Werke. Alte Schichten werden abgetragen, neue kommen hinzu.
Als Inspiration gibt der Künstler die Begegnung mit italienischen Renaissance-Fresken an. Ein guter Ausgangspunkt für eine Beschäftigung mit Nothens Collagen. Wo dort unbeabsichtigt der Putz und somit die gemalten Heiligen von der Wand bröckeln, die Botschaft also verloren ist, wird es für den Künstler spannend. Wie andere, etwa Max Ernst in seinen surrealistischen Grattagen, untersucht er das Spannungsfeld zwischen Assoziation und Abstraktion. Und gerade jene Bilder, die seltsam in der Schwebe bleiben, auf denen man bei jedem neuen Blick mehr erkennen zu glaubt und dann doch plötzlich wieder nichts, zählen zu Nothens beeindruckendsten Kunstwerken. Schließlich - und da ähneln einige seiner Werke denen des Amerikaners Cy Twombly - ist es am Betrachter, sich die verloren geglaubten Botschaften zurückzuholen.

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Mehr zu Bernd Nothen bei Kulturstruktur und beim modo Verlag.

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Bernd Nothen: “Verlorene Botschaften - Lost Messages”
128 Seiten, 30,5 x 23 cm
26,00 EUR
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Saehrendt & Kittl: Geier am Grabe van Goghs

Mittwoch, 5. Mai 2010 12:51

Wer stahl die „Mona Lisa”? Mit welcher Provokation kann ein Künstler heute noch einen Skandal hervorrufen? Was muss man tun, um in Diktaturen zum Staatskünstler aufzusteigen? Das Autorenteam Saehrendt und Kittl hat einen neues Anekdotenbüchlein geschrieben, dass allerhand unglaubliche und verrückte Ereignisse aus der Geschichte der Kunst erzählt. mehr

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Le Grand Geste! Museum Kunst Palast Düsseldorf

Donnerstag, 22. April 2010 13:27

Gekleckert und verschmiert, gespritzt und verwischt. Mal dick aufgetragen und mit dem Spachtel bearbeitet, mal flüssig über die Leinwand geträufelt. Was Künstler mit Farbe auf Papier und Leinwand alles anstellen können, wenn sie sich erst einmal vom abzubildenden Gegenstand gelöst haben, ist derzeit in der großen Ausstellung “Le Grand Geste! Informel und Abstrakter Expressionismus. 1946-1964 in Düsseldorf zu sehen.
Etwa 150, meist großformatige Werke beweisen, dass in nicht einmal zwanzig Jahren zwischen Kriegsende und der documenta III als Durchbruch der Pop Art allein in Deutschland, Frankreich und den USA unerwartet viele Positionen abstrakt-expressiver Malerei nebeneinander standen. Und auch wenn das von vielen Kritiker- und Kunsthistoriker-Generationen gestiftete Begriffswirrwarr nicht vollständig geklärt werden kann, so ist doch jeder, der sich auf die Bilder einlässt, schnell gefesselt von der ungegenständlichen Vielfalt.
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Turmkunst: Bierpinsel Steglitz

Dienstag, 20. April 2010 17:25

Gelandet ist das UFO schon Mitte der 70er Jahre. Doch richtig bunt wird es erst jetzt. Das liebevoll Bierpinsel genannte, ehemalige Turmrestaurant Steglitz der ICC-Architekten Ralf Schüler und Ursulina Schüler-Witte stand in den letzten Jahren leer. Seit Anfang April gestalten nun vier internationale Street Art-Künstler die Außenhaut des futuristischen Gebäudes. Bis Mitte April ist es noch Flying Förtress aus Hamburg. Im Inneren gibt es eine von der Vicious Gallery organisierte Ausstellung mit Urban Art u.a. von Dave The Chimp, Sozyone González und Stefan Strumbel. Unter turmkunst.de finden sich weitere Informationen, einen kritischen Bericht über das Projekt und die Organisatoren gibt es bei proud.de und immer wieder aktuelle Fotos erscheinen bei ekosystem.org. Hier einige Aufnahmen vom 17. April 2010:

Der Steglitzer Bierpinsel

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Robert Berks: Albert Einstein Memorial

Sonntag, 4. April 2010 9:44

Endlich ein Denkmal zum Kuscheln! Auch wenn der bronzene Albert Einstein mehr als 3,5 m hoch ist, sitzt er doch so entspannt (Sandalen!) und einladend auf dem Gelände der National Academy of Sciences in Washington D.C., dass jeder sofort grinsend zu ihm eilt, um sich anzulehnen oder gleich auf den Oberschenkel zu klettern. Doch das besonders bei Kindern beliebte Denkmal des amerikanischen Bildhauers Robert Berks bietet noch mehr: Auf dem Notizblock in Alberts Hand finden sich seine drei wichtigsten Formeln (Fotoeffekt, Äquivalenz von Masse und Energie und natürlich die allgemeine Relativitätstheorie), auf der Sitzbank aus weißem Granit stehen drei berühmte Zitate und auf dem Boden vor ihm zeigen über 2700 Metallstifte den Stand von Sonne, Mond, Sternen und Galaxien vom 22. April 1979, dem Eröffnungstag des Denkmals und Einsteins 100. Geburtstag.

Albert Einstein Memorial in Washington D.C.

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Rundgang durch die amerikanische Geschichte. Die National Mall in Washington D.C.

Dienstag, 23. März 2010 12:32

Die National Mall in Washington D.C. ist so etwas wie die nachgebaute, in Stein gehauene Geschichte der USA. Man läuft über ein riesiges Gelände und bekommt Stück für Stück einen Überblick über die für Amerikaner wichtigsten Ereignisse und Persönlichkeiten. Nebeneffekt: In dieser Ballung unterschiedlicher Denkmäler erfährt selbst ein kunsthistorischer Laie auch ganz schnell die Grenzen realistischer Darstellungen.
Starten wir am strahlend weißen Lincoln Memorial, in dem der überdimensionale Marmorpräsident seit 1911 stockstarr thront. Vor dem dorischen Tempel blickt man (wie Martin Luther King 1963 während seiner “I have a dream”-Rede) auf den sogenannten Reflecting Pool in Richtung Obelisk des Washington Monuments. Das Denkmal für den ersten US-Präsidenten aus dem Jahr 1888 ist eins der ältesten und bis heute eines der wenigen abstrakten Kunstwerke auf der Mall, auch wenn man im Inneren natürlich eine realistische Washington-Skulptur findet.
Eine öffentliche Diskussion über das Denkmal für die Veteranen des Vietnamkriegs von Maya Lin führte dazu, dass man ihrer beeindruckenden Wand mit den Namen der Gefallenen, die sich wie eine Wunde in die Boden schneidet, eine platte realistische Skulpturengruppe mit drei Kriegern zur Seite stellte. Das etwas abgelegene Jefferson Memorial ist nichts mehr als eine müde Variante des Lincoln Memorial: quadratischer/runder Grundriss, offen/geschlossen, sitzend/stehend, Marmor/Bronze usw. Doch so richtig peinlich wird es beim erst 2004 eröffneten Denkmal für den 2. Weltkrieg. Die Einfallslosigkeit der Architekten soll wieder einmal mit Größe und Monumentalität überspielt werden. Schnell weiter zum Denkmal für die Gefallenen des Koreakriegs, das auf immerhin eine ganz interessante Art die Natur in das Kunstwerk integriert. Und dann schließlich das Highlight: Beim Franklin Delano Roosevelt Memorial schlendert man durch einen großen Skulpturenpark und gleichzeitig durch Roosevelts Präsidentenlaufbahn. Dabei lernt man Fala, den Lieblingshund der Roosevelts kennen, guckt auf die Schuhe seiner Frau oder sieht ihm im Rollstuhl sitzen. Warum hatte man nicht einfach Duane Hanson beauftragt, die Roosevelts nachzubauen?
Als Europäer ist man mit Sicherheit nicht halb so gut über die dargestellten Personen informiert wie die Amerikaner, die schon in ihren Schulausflügen zur Mall pilgern. Doch mit etwas Abstand erkennt man den Zweck dieser riesigen Denkmalsanlage als simple Heldenverehrung, die den Besuchern ein einseitiges Geschichtsbild aufoktroyiert. Große Erleichterung herrscht schließlich, wenn man in Nähe des Weißen Hauses den National Christmas Tree entdeckt, der nicht ganz so perfekt aussieht, wie alles andere um ihn herum.

Lincoln Memorial

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Thema: Architektur, Kunst | Kommentare (1) | Autor: Steffen