Beitrags-Archiv für die Kategory 'Kunst'

Martin Rowson: Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman

Sonntag, 29. Januar 2012 15:24

Martin Rowsons kongeniale Comicvariante von Laurence Sternes “Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman” ist eines dieser Bücher, die man sich weder als E-Book noch als iPad-App vorstellen kann: In Halbleinen gebunden, großformatig, mit Leseband und marmoriertem (!) Vorsatzpapier - schon die ansprechende Ausstattung ist ein echtes Erlebnis.
Doch dann der Inhalt: Rowson erzählt den „Tristram” nicht einfach nur nach, er fügt weitere Ebenen hinzu, setzt Text in eigene, neue Bilder um und spielt auf jede Menge Details des Roman-Klassikers und aus dem Leben des Autors an. Das alles in vollgepackten Comic-Panels, die sich nicht nur der klassischen Comicbildsprache bedienen, sondern in denen außerdem in alle möglichen (und unmöglichen) Richtungen experimentiert wird. Als blättere man durch einen Band mit Kupferstichen im Stil des 18. Jahrhunderts, entdeckt man immer wieder witzige Einzelheiten, die am Bildschirm oder Touchscreen einfach untergehen würden.
Zugegeben: Ganz leichte Kost ist weder Sternes Roman noch Rowsons Graphic Novel (mehr über den Roman und dessen kunsthistorische Deutung hier). Ein Text, der seine eigene Entstehung reflektiert, in dem Erzählzeit und erzählte Zeit so weit wie nur möglich auseinander fallen und in dem Abschweifungen zum Stilprinzip erhoben werden, fordert den Leser intellektuell heraus - bietet für clevere Interpreten zugleich aber unzählige Anknüpfungspunkte.
Von den vielen, die sich Martin Rowson, im Hauptberuf politischer Karikaturist beim Guardian, herausgesucht hat, sei an dieser Stelle nur auf die kunsthistorischen verwiesen: Dass Künstler des 18. Jahrhunderts wie Wright of Derby, Hogarth und Piranesi zitiert werden, liegt auf der Hand. Aber außerdem bedient der Autor sich ebenfalls bei Leonardo da Vinci, Aubrey Beardsley oder George Grosz - nimmt also, wenn es ihm gerade passt, Sternes rote Fäden auf und zieht sie weiter bis in die Gegenwart. So schreibt Rowson ganz im Sinne Sternes den Roman immer weiter, schweift dabei natürlich immer wieder ab und überlässt es den Leser, offensichtliche Lücken und Sprünge mit Sinn zu füllen. Dabei ist das Buch geradezu ein Steinbruch tausender kreativer Ideen und jede Lektüre kann zu einer neuen Deutung führen.
Nach den neuen, bzw. wieder neu aufgelegten Sterne-Übersetzungen von Michael Walter (hier und hier) gehört jetzt also auch Rowsons Graphic Novel in das Bücherregal jeden deutschsprachigen Tristram-Fans!

Martin Rowson:
“Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman
Nach Laurence Sterne”

Knesebeck Verlag München 2011
26,5 x 21,5 cm, Halbleinen, 176 Seiten, 551 Abb.
24,95 € (D), 37,90 sFr, 25,70 € (A)
ISBN 978-3-86873-370-9

Thema: Kunst, Literatur | Kommentare (0) | Autor: Steffen

Urban-Art in Rom: Beklebte Verkehrsschilder

Mittwoch, 4. Januar 2012 13:22

Street-Art in Rom: Aufhebung der Einbahnstraße

Bild 1 von 3

Thema: Kunst | Kommentare (4) | Autor: Steffen

Glanz und Größe des Mittelalters. Kölner Meisterwerke aus den großen Sammlungen der Welt.

Sonntag, 6. November 2011 0:26

Als regelmäßiger Museumsgänger kann ich es schon lange nicht mehr hören: Blockbuster hier, Warteschlange da. Sonderausstellungen werden immer häufiger zu Mega-Spektakeln inszeniert, bei denen offensichtlich allein die Besuchermassen zählen.
Dass es auch anders geht, zeigt eine Ausstellung im neuen Kölner Kulturquartier. Zugegeben: Im Foyer musste ich den Eingang zum Ausstellungssaal suchen und auch der erste Eindruck drinnen war anfangs ernüchternd. Die halbhohen Zwischenwände sind hellgrau gestrichen. Jeweils am Beginn der 17 thematisch geordneten Abschnitte gibt es kräftige Farbfelder, auf denen Wandtexte stehen und die mit Mustern aus dem Ausstellungskontext dezent geschmückt sind. Die Architektur ist also sehr zurückhaltend und auch das Licht wird nicht zu theatralischen Effekten eingesetzt. Diese Zweckmäßigkeit erweist sich aber schon nach ein paar Metern als absolut richtige Entscheidung. Denn nur so konzentriert man sich auf die oft kleinen Ausstellungsstücke, nur so kann man sich auf manchmal nur millimetergroße Einzelheiten einlassen.
Thema der Ausstellung ist die Heilige Stadt Köln als Kunst- und Kulturzentrum des Mittelalters. In kleinen Abschnitten werden manchmal Kunstgattungen (z.B. Elfenbeinschnitzerei, Skulptur des 12. Jahrhunderts, Tafelmalerei), manchmal gattungsübergreifende Themen vorgestellt (z.B. Kirche und Staat, Gottesmutter, Bürgertum, Handel). Gerade diese Mischung macht den Rundgang abwechslungsreich, des Öfteren stellt sich ein Aha-Effekt ein (”Das habe ich doch vorhin schon einmal ähnlich gesehen.”) Allerdings empfehle ich entweder den umfangreichen Audioguide oder den dicken Katalog mit kurzen Texten zu allen Stücken (im Museumsshop 39,00 €). Nur die einleitenden Kapiteltexte in der Ausstellung wären mir zu wenig Informationen.
Buch- und Glasmalerei, Skulpturen aus Holz und Stein, Textilien, Gemälde - das Kölner Kunsthandwerk des Mittelalters wird in seiner gesamten Breite mit Werken aus der Sammlung des Museums Schnütgen und etwa 160 Leihgaben aus den großen Museen der Welt dargestellt. Und diese vielen kostbaren Leihgaben aus z.B. Washington, Los Angeles oder London machen die Ausstellung zu einem absolut sehenswerten Erlebnis. Allein die ungewöhnlichen, anspielungsreichen Motive des Tafelbildes “Christus am Lebenden Kreuz” aus Chicago verdienen ein intensives Studium im Original. Denn bei aller hochauflösenden Darstellung im Netz - nur das echte, dreidimensionale Werk kann seine Wirkung vollends entfalten. Und da, auch wenn die Versuchung groß ist, natürlich kein originales Kunstwerk berührt werden darf, haben die Ausstellungsmacher eine Faksimile-Ausgabe einer Handschrift ausgestellt, die man mit Handschuhen ausnahmsweise eben doch anfassen kann. So wird die Ausstellung (läuft noch bis zum 26.02.2012) zu einem Ereignis, dass allein durch die ausgestellten Werke, den vermittelten Inhalten beeindruckt. Ganz ohne riesige Marketing-Maschine.

Thema: Kunst | Kommentare (0) | Autor: Steffen

Cosima von Bonin in Köln

Dienstag, 1. November 2011 19:16

Am 4. November öffnet im Museum Ludwig eine große Einzelausstellung mit Werken der Künstlerin Cosima von Bonin (mehr zur Ausstellung hier). Auf der Südseite des Museums stehen drei Tage vor Eröffnung unter freiem Himmel und offen zugänglich die großen Skulpturen “Tagedieb” (2010) und “Smoke” (2008, Cosima von Bonin zusammen mit Michel Würthle). Im letzten Jahr wurde die Installation bereits in Wien gezeigt, damals hing eine Spinne an der über 2,5 Meter langen Nase des offensichtlich lügenden Pinocchio (mehr zur Konstruktion hier). Aus der Zigarette am Laternpfahl qualmte bunter Neon-Rauch. Doch noch ist der Bauzaun nicht entfernt, bis zur Eröffnung wird die Installation in Köln sicher noch um Spinne und Stromanschluss ergänzt.

Cosima von Bonin, Tagedieb (2010) im November 2011 in Köln

Bild 1 von 6

Thema: Kunst | Kommentare (1) | Autor: Steffen

Werner Busch: Great wits jump. Laurence Sterne und die bildende Kunst

Sonntag, 23. Oktober 2011 16:19

Vor mehr als 250 Jahre wurde Laurence Sternes erster Band des Romans “Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman” veröffentlicht. Heute zählt das neunbändige Werk nicht nur zu den großen Klassikern der Weltliteratur, es fordert immer wieder auch neue Interpretationen heraus. Ob die vor kurzem auf Deutsch erschienene Graphic Novel des englischen Künstlers Martin Rowson oder das Buch des Kunsthistorikers Werner Busch, der in sechs Kapitel Sternes Roman nach Verbindungen zur bildenden Kunst untersucht - es liegt an Struktur und Form des “Tristram Shandy” selbst, dass er ständig neue Auslegungen provoziert.
Der vollkommene Verzicht auf Chronologie (mehr zum Inhalt u.a. hier), die bewusste Mehrdeutigkeit, das Aufbrechen der klassischen Erzählstrukturen durch etliche Assoziationen und Abschweifungen (Digressionen) machen den Roman zum Vorläufer von postmoderne Bücher z.B. von David Foster Wallace (mehr zum Thema Digression hier).
Dass Laurence Sterne an vielen Stellen auf Werke der bildenden Kunst (v.a. Gemälde und Druckgrafik) nicht nur anspielt, sondern sie teilweise sogar wortwörtlich umsetzt, davon erzählt Werner Busch mit geradezu kriminalistischem Spürsinn. Auch für den Leser, der über keine großen Kenntnisse der englischen Kunst des 18. Jahrhunderts verfügt, sind die Kapitel trotz mancher (angekündigter) Abschweifung nachvollziehbar und schlüssig aufgebaut. Sterne wird oft in deutscher Übersetzung zitiert und kleine schwarzweiße Abbildungen zeigen die erwähnten Kunstwerke - so wird es uns leicht gemacht, den mitunter anspruchsvollen Gedankengängen Buschs doch leicht zu folgen.
Dabei geht es dem Autor jedoch um mehr, als um ein reines Auffinden von bislang unentdeckten Bildzitaten. Vielmehr wird Sterne in philosophische und kunsttheoretische Traditionen etwa von John Locke und Robert Burton gestellt. Und es werden - für einen kunsthistorischen Text eher unüblich - Parallelen bis in die Gegenwart gezogen, z.B. zu Arbeiten von Marc Quinn oder Irene Dische.
Zu den Künstlern, deren Werke sich Sterne als Vorbild und Inspiration für seinen Roman ausgesucht hat, gehören u.a. Anton van Dyck, William Hogarth und Annibale Carracci. Oft rekonstruiert Busch nicht nur die theoretischen Hintergründe des sog. “Borrowing”, sondern geht ganz praktisch der Frage nach, wo Sterne dieses oder jene Kunstwerk hätte sehen können. All diese Herleitungen sind nicht nur spannend zu lesen, sondern auch reich an zeitgeschichtlichen Hintergrundinformationen zur englischen Kunst und Gesellschaft im 18. Jahrhundert.
Werner Busch auf diesen Wegen zu folgen ist ein großes intellektuelles Vergnügen. Sein Buch macht zudem wie von selbst Lust auf die (erneute) Lektüre des “Tristram Shandy”. Es lädt ein zur Beschäftigung mit einem Roman, der nicht nur subtil an klassischen Gattungsgrenzen kratzt, sondern dank seiner Mehrdeutigkeit und Sinnoffenheit noch so lange nach seinem Entstehen unsere Phantasie anregt.

Werner Busch:
“Great wits jump. Laurence Sterne und die bildende Kunst”
Wilhelm Fink Verlag München 2011, 236 Seiten, 87 s/w Abb.,
Franz. Broschur, EUR 29.90 / CHF 41.90
ISBN: 978-3-7705-5216-0

Thema: Kunst, Literatur | Kommentare (1) | Autor: Steffen

Urban Art in Köln: Cityleaks Festival im September

Sonntag, 5. Juni 2011 21:38

Ein großartiges Kunstereignis wirft seine Schatten voraus: Im September 2011 findet in Köln zum ersten Mal das Cityleaks Festival statt. Neben klassischen Ausstellungen sind künstlerische Eingriffe von nationalen und internationalen Künstlern der Street- und Urban Art-Szene in das (oft triste) Kölner Stadtbild geplant. Anfang Juni startete das Projekt mit zwei großen Wandbildern in der Straße Am Kümpchenshof, nicht weit vom Hansaring und dem Mediapark. Vom Italiener BLU stammt der zeitgemäße Kopf der Medusa (wer ihr, oder hier: ihm, in die Augen sieht, versteinert) und vom Kölner Kollektiv Captain Borderline der Blick in die Funktionsweise einer Gehirnwaschmaschine: “In the Streets of Cologne”. (Beide Arbeiten sind auf den Fotos hier noch nicht ganz vollendet. Vor allem BLU ist bekannt für seine Filme, auf denen er das Entstehen seiner Werke festhält. Auf seinem Youtube-Kanal ist sein Kölner Projekt aber noch nicht zu sehen.)

Moderne Medusa: Mural von BLU anlässlich des Festivals Cityleaks

Bild 1 von 4

Thema: Kunst | Kommentare (4) | Autor: Steffen

Christopher Dell (Hrsg.): Das Geheimnis der Meisterwerke. Was große Kunst auszeichnet.

Sonntag, 22. Mai 2011 13:16

Jeder Kunstinteressierte kennt das ja: Entweder sind die Reproduktionen von Kunstwerken in einem Katalog, einer Monographie oder einem Sammelband gut und dann taugt der Text nichts. Oder umgekehrt fehlen bei einem guten Text Fotografien der besprochenen Werke in angemessener Qualität. Eine der wenigen Ausnahmen ist das vor kurzem bei Dumont erschienene, vom Kunsthistoriker Christopher Dell herausgegebene Buch “Das Geheimnis der Meisterwerke. Was große Kunst auszeichnet.”
Zugegeben, der deutsche Titel des 2010 bei Thames & Hudson erstmals veröffentlichten Bandes ist recht plakativ. Im Englischen heißt es offener: “What Makes a Masterpiece? Encounters with Great Works of Art.” Wer die Einleitung des Herausgebers liest, bekommt auch schnell mit, dass es hier auf gar keinen Fall um einen verbindlichen Kanon der Meisterwerke geht. Über 50 Autoren unterschiedlicher Herkunft stellen in über 80 kurzen, hervorragend illustrierten und chronologisch geordneten Kurzessays Höhepunkte der Kunstgeschichte vor. Auf Donatellos “David” (um 1440) folgt ein etwa gleichzeitig entstandener Aztekischer Adlerritter eines unbekannten Künstlers oder auf Giottos Fresken für die Scrovegni-Kapelle in Padua (ab 1303) die Beschreibung des “Wasser-Mond Avalokiteshvara”, einer riesigen koreanischen Seidenmalerei. Auch wenn es im Verhältnis wenige außereuropäische Beispiele sind, so wird doch der Blick über den Tellerrand gewagt - mit großem Erkenntnisgewinn für uns Leser!
Natürlich dürfen bei so einem Kunstband die “üblichen Verdächtigen” nicht fehlen: Leonardo, van Gogh, Rubens, Rembrandt, Turner, Manet, Monet, Vermeer - sie sind alle wieder mit dabei. Doch ein besonders kluger Schachzug ist die Auswahl der Autoren. Es schreiben viele Wissenschaftler, anerkannte Professoren und Experten ihres Fachs aber eben auch Künstler wie Anthony Caro (über Rodin) oder Grayson Perry (über Bosch). Sie alle sind gezwungen uns auf einer bis höchstens drei Seiten das Meisterhafte “ihres” Kunstwerks zu erläutern. Und da die Literatur zu berühmten Werken wie die “Mona Lisa” sicher hunderte Regalmeter (oder Megabyte) einnimmt, sind viele der präganten, aussagefähigen Texte selbst kleine Meisterwerke. Die Texte der deutschen Autoren fallen natürlich besonders ins Auge und gehören zu den Höhepunkten des über 300 Seiten dicken Buchs: Stephan Kemperdick schreibt über Bruegel, Martin Kemp über Leonardo, Werner Busch über Caspar David Friedrich.
“Das Geheimnis der Meisterwerke” gehört nicht zu den schnell auf den Markt geworfenen, billig produzierten Bilderbüchern zur Kunstgeschichte. Gut gebunden, im handlichen Format, mit hervorragenden Abbildungen und größtenteils erstklassigen Texten ist der Band eine Empfehlung für jeden Kunstfan!

“Das Geheimnis der Meisterwerke. Was große Kunst auszeichnet.”
Christopher Dell (Hg.)
304 Seiten, mit 265 farbigen und 20 einfarbigen Abb.
H 27 x B 20 Hardcover
EUR 39,99 [D] / 56,90 sFr.
ISBN 978-3-8321-9364-5

Thema: Kunst, Literatur | Kommentare (1) | Autor: Steffen

“Die Erde lacht in Blumen”: David LaChapelles Stillleben in Hannover

Sonntag, 27. Februar 2011 13:02

“Earth Laughs In Flowers” - Der etwas eigentümliche Titel der Ausstellung mit neuen Arbeiten des Fotografen David LaChapelle in der kestnergesellschaft ist ein Zitat des Dichters Ralph Waldo Emerson. In dessen Gedicht “Hamatreya” (1846) wird von die Erde malträtierenden Menschen berichtet, die am Ende doch in ihr begraben werden. Die Erde antwortet auf das selbstsüchtige und letztlich unnütze Streben der Menschheit mit Blumen. Und da es in der Geschichte der Kunst die Blumenstillleben sind, die Vergänglichkeit am allerschönsten zeigen, hat David LaChapelle mit dem Emerson-Zitat einen sehr passenden Titel für seine allerneueste Werkgruppe gefunden.
LaChapelle ist vor allem bekannt für seine extrem bunten und durchgeknallten Porträts von Paris Hilton, Lady Gaga, Amanda Lepore und Co. Neben Film, Pop und Porno bedient er sich auch immer wieder bei  der klassischen Kunstgeschichte. In Hannover sind außer den neuen Blumenstillleben auch Fotos der Serie “Jesus Is My Homeboy” (2003) zu sehen, in denen er den Sohn Gottes in amerikanischen Ghettos von heute auftreten lässt.
Die zehn weltweit zum ersten Mal ausgestellten, fast zwei Meter hohen Stillleben sind von einer so überwältigenden, üppigen Schönheit, dass einem der Atem stockt. Die Art ihrer Präsentation - die Fotos hängen in Nischen in einem ansonsten leeren, weißen Raum - unterstreicht die Präsenz der Kunstwerke zusätzlich. LaChapelle hat sich barocke Blumenbilder ganz genau angeguckt und die Tricks der alten Meister (Lichtregie, Farbeinsatz, Oberflächenstrukturen) clever umgesetzt. Und doch sind seine Bilder keine Kopien, denn neben klassischen Vanitas-Symbolen (Kerze, Schädel, Insekten) finden sich etliche Gegenstände, die auf Besonderheiten und Ereignisse unserer Zeit anspielen: Spielzeug, Medikamente, Sextoys, Hostien aus dem Supermarkt, Würstchen aus der Dose usw. usf.  Auf jedem der unsichtbar digital manipulierten Fotos lassen die Dinge auf ein großes Beziehungs- und Bedeutungsgeflecht schließen.
Die ergänzend in einem extra Raum gezeigten Gemälde aus dem 17. und 19. Jahrhundert sind nicht nötig, um LaChapelle zu verstehen. Seine Fotos wirken auf mehreren Ebenen, auch wer sich in der Kunstgeschichte nicht auskennt, kann sie sinnlich erfahren.
Der im Distanz Verlag erschienene Katalog gibt den Fotos dank des sehr großen Formats viel Platz, die querformatigen Werke der Jesus-Serie liegen so glücklicherweise nicht im Buchfalz. Neben LaChapelle ist in der kestnergesellschaft bis zum 8. Mai 2011 die Ausstellung “The Shadows Took Shape” von Julian Göthe zu sehen. Mein Tipp: Erst die schwarzweissen Objekte, Zeichnungen, Collagen von Göthe anschauen und sich danach an “Earth Laughs In Flowers” berauschen.

Thema: Kunst | Kommentare (1) | Autor: Steffen

Rieseneis in Köln: Oldenburgs “Dropped Cone”

Sonntag, 16. Januar 2011 16:09

Erdbeer, Schoko oder Vanille? Die Eistüte auf dem Dach der Kölner Neumarkt-Galerie ist mit 12 Metern Höhe zwar riesig, birgt aber nur eine einzige Kugel Vanille-Eis. Und das fängt auch schon an zu schmelzen! Die witzige Skulptur „Dropped Cone” (2001) der Pop-Art-Künstler Claes Oldenburg und Coosje van Bruggen hätte auch vor Schreck einem Riesen aus der Hand gefallen sein können, als er in Richtung Kölner Dom guckte. Die Eistüte steht nämlich gerade nicht wie vor der Eisdiele aufrecht, sondern steckt verkehrtherum auf einer Gebäudeecke. Oldenburg ist bekannt für seine ironischen Kommentare zu Konsum und Warenwelt. Seine Markenzeichen sind extrem vergrößerte Alltagsgegenstände wie Wäscheklammern, Tortenstücke oder Federbälle (hier andere spektakuläre Großobjekte). Die Kölner Skulptur wertet nicht nur langweilige 08/15-Architektur auf, sie befindet sich auf dem Dach einer Einkaufspassage und am Beginn der Schildergasse, einer großen Fußgängerzone, - also genau am richtigen Ort für unterhaltsame Konsumkritik.

Eine Eistüte über der Stadt: Dropped Cone von Claes Oldenburg und Coosje van Bruggen (2001)

Bild 1 von 4

Thema: Architektur, Kunst | Kommentare (0) | Autor: Steffen

Geschenktipps Weihnachten 2010

Dienstag, 14. Dezember 2010 6:05

Nur noch wenige Tage und dann ist es wieder soweit. Für die nach Inspiration Suchenden hier ein paar heiße Tipps: Vor kurzem erschien die Taschenbuchausgabe von T.C. Boyles großartigem Frank-Lloyd-Wright-Roman “Die Frauen” (mehr hier). Der amerikanische Star-Architekt verwickelt in dramatischen Frauengeschichten mit Mord, Totschlag und jeder Menge Rumgezicke. Ganz im Gegenteil dazu die stillen aber genauso eindringlichen Kurzgeschichten des Iren Colm Tóibín im Band “Mütter und Söhne” (mehr hier).
Vom Ursprung aller Dinge erzählt der Altmeister des amerikanischen Comics Robert Crumb in seiner prächtigen Graphic Novel “Genesis” (hier eine Leseprobe). Als bester deutscher Comic 2010 wurde dagegen Jens Harders “Alpha” ausgezeichnet, so etwas wie das naturwissenschaftliche Gegenstück zu Crumb: Die Entstehung der Welt auf 360 Seiten (hier Infos und Leseprobe).
Eine der großartigsten TV-Serien der letzten Jahre ist “Mad Men“. Und auch wenn das inzwischen viele wissen; im deutschen Fernsehen laufen die Geschichten rund um eine New Yorker Werbeagentur Anfang der 1960er immer noch versteckt bei ZDFneo und Sky. Aber zum Glück sind die ersten beiden Staffeln jetzt auch bei uns auf DVD erhältlich.
Und auch in der Musik war 2010 ein gutes Jahr. Im März erschien das Debütalbum von Brian Burton und James  Mercer alias Broken Bells. Und hier stimmt es wirklich: Ein Album für die Ewigkeit.
Viel Spaß beim Verschenken!

Thema: Kunst, Literatur | Kommentare (0) | Autor: Steffen