Autorenarchiv

Was liest eine Präsidentengattin?

Samstag, 25. April 2009 9:53

Spätestens seit dem großen Erfolg von Alan Bennetts wunderbarem Buch “Die souveräne Leserin” über das Leseverhalten von Königin Elisabeth II. ist bewiesen, dass die Leute wissen wollen, mit welcher Lektüre sich Prominente beschäftigen (bzw. beschäftigen könnten). Vor kurzem tauchten im Nachlass des 26. amerikanischen Präsidenten Theodore Roosevelt (1858-1919) eine Menge Briefe seiner zweiten Frau Edith Kermit (1861-1941) auf, mit denen sie nach dem Tod ihres Mannes bei der New York Society Library Bücher bestellte und in denen sie die bereits gelesenen kommentierte. Auch wenn man davon ausgeht, dass Edith Roosevelt viele Briefe vernichtete, sind fast 600 erhalten und die schönsten noch das gesamte Jahr in einer Ausstellung zu sehen. Doch was hat Edith Roosevelt nun gelesen? Sie begann mit Agatha Christi, dem Bloomsbury-Dichter Lytton Strachey und einem Sachbuch über chinesische Bontanik. Rechnet man alle erwähnten Bücher zusammen, muss die Witwe bis zu vier Bücher in der Woche verschlungen haben. Wobei ihr die modernen Zeitgenossen wie John Steinbeck, Walt Whitman, Mark Twain, Henry James und Thomas Mann weniger zusagten und sie Gustave Flauberts “Madame Bovary” regelrecht verabscheute. Am liebsten las sie Krimis - aber nur solange Sex keine allzu große Rolle spielte. Ihre Lieblingsautorin war Jane Austen, deren Romane sie sogar mehrfach durcharbeitete! Mehr über Edith Roosevelt und ihre Korrespondenz mit der Bibliothekarin Marion King beim New Yorker oder der New York Times.

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Emil Fahrenkamp: Shell-Haus in Berlin

Freitag, 24. April 2009 9:56

Emil Fahrenkamp

Gebaut für die Rhenania-Ossag Mineralölwerke, dann Verwaltungsgebäude der Shell AG, bis vor kurzem noch Sitz der Bewag und jetzt Hauptverwaltung der Gasag - das Gebäude am Berliner Reichpietschufer, genau parallel zum Landwehrkanal hat schon einigen Firmen als Sitz gedient. Errichtet wurde es 1930-31 nach Plänen des Aachener Architekten Emil Fahrenkamp, der während des Nationalsozialismus im Umfeld von Herrman Göring weiter in Deutschland arbeitete. Es sind die um die Ecken gebogenen Fenster und Travertinplatten der wellenförmigen Fassade, die das Haus so berühmt machen und nach der  Restaurierung im Jahr 2000 noch prächtiger aussehen lassen. Jeweils nach zwei Fensterachsen steigert Fahrenkamp die Geschosshöhe. Die umlaufenden Fensterbänder mit ihren asymmetrischen Stahlrahmen halten das ganze Gebäude zusammen. Ein moderner Klassiker!

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Colm Tóibín: Mütter und Söhne

Donnerstag, 23. April 2009 12:11

Wenn es einen Song gibt, der die Stimmung von Colm Tóibíns kürzlich bei Hanser erschienenden Geschichtenband “Mütter und Söhne” am besten trifft, dann Leonard Cohens “Famous Blue Raincoat”. So schwermütig und melancholisch ist nicht nur die Erzählung von Lisa, die dieses Lied früher einmal selbst gesungen hat. (Jetzt stöbert ihr Sohn in alten Platten und zwingt seine Mutter, sich wieder mit der tragischen Vergangenheit auseinanderzusetzen.) Auch wenn Nancy in der Geschichte “Die Parole” vor ihrem kleinen Fast Food-Laden mitten in der Nacht den Schmutz ihrer Gäste wegräumt, damit die Nachbarn nicht noch häufiger hinter ihrem Rücken über sie reden oder die betagte Molly in “Ein Priester in der Familie” ganz allein herausfindet, dass ihr erwachsener Sohn wegen Kindesmißbrauchs vor Gericht kommt - immer dann sind Cohen-Songs der passende Soundtrack. Dass die Mütter all dieser Jungen und Männer in den zehn Geschichten mal mehr oder mal weniger auftauchen, dass oft die Perspektiven wechseln - mal wird aus der Sicht des Sohnes, mal aus der Sicht der Mutter erzählt - machen das Buch insgesamt eher zu einem Band mit Familiengeschichten. Doch wie auch schon in Tóibíns hochgelobten Roman “Porträt des Meisters in mittleren Jahren” sind es nicht die Ereignisse, die fesseln, sondern die ergreifenden Innenansichten der Figuren und ihr oft so schwieriges Miteinander. Während hin und wieder auch typische Irland-Bilder auftauchen, ist die quasi zeitentrückte Geschichte “Ein langer Winter” jedoch am beeindruckendsten und stärksten. Der Ire Tóibín, der auch lange Zeit in Spanien lebte, erzählt hier von einer kleinen Familie in den spanischen Bergen, deren Mutter und Ehefrau in Wut wegläuft und in einem schweren Schneesturm umkommt. Wie Vater und Sohn damit zurechtkommen, wie sich der Sohn später ohne viele Worte mit einem ins Haus geholten Angstellten anfreundet, wie die wortkargen Dorfbewohner auf die Außenseiterfamilie reagieren - all dies ist so eindringlich beschrieben, dass die Geschichte am besten doppelt so lang geworden wäre.
Doch mit dem Anfang Mai in Großbritannien erscheinenden Roman “Brooklyn”, der von einer Irin erzählt, die sich in den 1950er Jahren auf nach New York macht, gibt es bald wieder mehr Lesestoff von Tóibín. Für die Zwischenzeit empfiehlt sich die Lektüre der Kurzgeschichte “The Color of Shadows” beim New Yorker!
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Relaunch bei Monopol

Mittwoch, 22. April 2009 14:36

Morgen erscheint Monopol, laut Untertitel das Magazin für Kunst und Leben, in einem neuen Layout. (Der Internet-Auftritt soll folgen.) Und da das Heft nach fünf Jahren auch inhaltlich überarbeitet wurde, hier schon eine knappe Kurzkritik.
Layout: Klassischer, sachlicher, hoffentlich auf Dauer nicht langweiliger. Der obere Seitenteil bekommt eine Art Reiter, so weiß man jederzeit, wo man sich im Heft befindet.
Texte: Neue Rubriken, u.a. über Musik und Belletristik. Nette Idee, doch weiter sollte das Themenspektrum nicht werden. Sonst wird aus dem Kunst- ein Lifestyle-Magazin. Interessant: Wie beim Konkurrenten Art kommt mit einer Prominenten-Serie jetzt auch “alte” Kunst ins Heft (dort besprechen derzeit Schriftsteller Porträts, hier schwärmt Baselitz von Stubbs).
Bilder: Ein langes Portfolio mit bislang unveröffentlichten Fotografien bringt Ruhe in die Heftmitte.
Format: Ein Hauch kleiner als früher, dafür im Mai 14 Seiten mehr als im April.
Preis: Immer noch stolze 7,50 €.
Fazit: Wenn das Team es jetzt auch noch schafft, diesen oft fragwürdigen “Krümelkram” (Meldungen, Kalender, Mini-Kolumnen) unter einen Hut zu bringen, weiter auf ausführliche Texte wie im Mai (Interview mit Damien Hirst, Kurzgeschichte von Daniel Kehlmann) setzt und dann nicht wieder zu einem hektisches Hype-Theater zurückfällt, wird alles gut!

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Personalisierte Klassiker von Penguin

Dienstag, 21. April 2009 19:23

Der amerikanische Verlag Penguin setzt im Zuge des allgemeinen E-Book-Hypes nicht allein auf digitale Versionen von Büchern. Auf dem Portal Penguin Personalized 2.0 lassen sich für gerade mal 17 Dollar personalisierte Ausgaben von großen Klassikern der Literaturgeschichte erstellen. Wer also gern Bücher wie “Huckleberry Finn”, den “Zauberer von Oz” oder die “Schatzinsel” verschenkt, kann jetzt Foto und Text hochladen und (so lange es noch gedruckte Bücher gibt) seinem Lieblingswerk eine persönliche Note verleihen. Alternativvorschlag:  Man entwirft einfach ein zweites Cover und behauptet, das vorliegende Buch stammt in Wahrheit von einem selbst und nicht von Mark Twain, Frank Baum oder Robert Louis Stevenson!

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“Alice” - Neue Erzählungen von Judith Hermann

Sonntag, 19. April 2009 9:14

Ihr neues Buch ist noch nicht einmal offiziell auf dem Markt, da bekommt Judith Hermann schon den renommierten Hölderlin-Preis der Stadt Bad Homburg. Selbst wenn Hermanns bisheriges Werk nicht sehr umfangreich ist - geehrt wird sie auch für ihre Bücher “Sommerhaus, später” (1997) und “Nichts als Gespenster” (2003) - kaum eine deutsche Autorin der letzten 25 Jahre fand mit ihren Erzählungen so viel Zuspruch und Anerkennung. (Dafür musste sie sich allerdings auch den Titel “Fräuleinwunder” gefallen lassen.) Neben den Büchern von Christian Kracht gehören ihre Texte wohl zu den wenigen, denen die Schublade Popliteratur in den 1990er Jahren nichts ausgemacht haben und die auch dann noch gelesen werden, wenn niemand mehr weiß, wer Benjamin von Stuckrad-Barre war. Natürlich ist “Alice” wieder kein Roman, auch wenn man im Netz noch nichts Genaueres findet. Etwas rätselhaft spricht der Verlag von “Zeiten des Übergangs, des Wartens, des Festhaltens und Loslassens”, die in den neuen Erzählungen angesprochen werden. Am 4. Mai soll das Buch in den Läden liegen, am 22. April  liest Judith Hermann schon einmal im Literarischen Colloquium Berlin daraus (und am 12. Mai im Berliner Radialsystem).

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Richard David Precht: Wer bin ich und wenn ja, wie viele?

Freitag, 17. April 2009 10:42

Dürfen wir Tiere essen? Was sind Gefühle? Gibt es Gott? - Diese und noch viele andere wichtige Fragen stellt der Philosoph Precht sich und dem Leser auf ziemlich lehrreichen 400 Seiten. Gleich zu Beginn des Bestsellers “Wer bin ich und wenn ja, wie viele?” macht er klar, dass sein Buch keine chronologische Geschichte der Philosophie sein will, sich eher vielen offenen philosophischen Fragen widmet, indem - und das ist etwas besonderes für Philosophen - Forschungsergebnisse anderer Wissenschaften einbezogen werden. So berichtet Precht anekdotenreich von naturwissenschaftlichen Experimenten, erzählt von Untersuchungen aus Psychologie, der Verhaltens- und der Hirnforschung. Und gerade das macht seine Gedankengänge in den meisten Fällen so anschaulich: Von einer oft originellen Begebenheit, hin und wieder auch aus dem eigenen Leben, entwickelt er Pro und Contra, wägt ab und überlässt nach einer nachvollziehbaren Argumentation dem Leser den letzten Schluss. Wer sich also eindeutige Antworten, etwa auf die eingangs zitierten Fragen, erhofft, bekommt stattdessen etwas viel Besseres, nämlich das philosophische Rüstzeug, sich selbst auf den Weg zu machen. Und da Precht in fast allen Kapiteln Themen anspricht, die immer wieder nur in Kurzfassung die Tagesnachrichten bestimmen, ist sein Buch auch bestens zum Nachschlagen geeignet, wenn mal wieder nur in zwei Sätzen von z.B. Sterbehilfe, Abtreibung, Klonen die Rede ist.

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Stolz und Vorurteil und Zombies

Samstag, 11. April 2009 17:43

Man nehme einen Klassiker der Literaturgeschichte und füge ein paar schaurige Untote  hinzu. Und schon hat man einen Skandal und das Buch stürmt die Bestsellerlisten. So gerade geschehen mit Jane Austens “Pride and Prejudice”, das der amerikanische Schriftsteller Seth Grahame-Smith (Autor von Büchern wie “How to Survive a Horror Movie” und “The Big Book of Porn”) mit jeder Menge Horror-Elemente vermischte und zu “Pride and Prejudice and Zombies” aufmotzte. Die Handlung bleibt in den Grundzügen gleich, doch ist diese Welt bevölkert von fiesen und gefährlichen Zombies. So muss Mr. Bennet also selbst für eine gute Kampfkunstausbildung seiner Töchter sorgen. Und da die Mädels persönlich eine Zombie-Attacke auf Mr. Bingleys Party vereiteln, steht Jane plötzlich ganz hoch in Bingleys Ansehen. (Den Rest des Inhalts hier.) Der Verlag verkündet inzwischen, dass das Buch nicht mehr lieferbar sei. Und im New Yorker äußert ein Literaturprofessor die Vermutung, dass diese neue Textgattung (genannt Mashup) erst durch das Internet möglich geworden ist. Ganz ehrlich: Was in Musik, Malerei, Mode gut klappt, kann doch auch in der Literatur funktionieren. Also her mit der deutschen Übersetzung und noch mehr durchgeknallten Mashups!

Nachtrag 22.06.2009: Oliver hat das Buch inzwischen gelesen und ausführlich in seinem OliBlog besprochen. Er vergibt beachtliche 7 von 10 Punkten!

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Picturing America. Fotorealismus der 70er Jahre. Deutsche Guggenheim Berlin

Dienstag, 7. April 2009 16:18

Realismus. Kaum ein Begriff wird zur Beschreibung von Kunst oder gar als Qualitätskriterium häufiger benutzt. Ob antike Fresken (Tauben lassen sich von gemalten Weintrauben täuschen), niederländische Stillleben (die samtweiche Haut von Pfirsichen) oder barocke Porträts (gemalte Augen, die einen quer durch den Raum nachblicken) - durch alle Epochen der europäischen Kunstgeschichte ziehen sich Elemente realistischer Wiedergabe von Wirklichkeit. Allerdings: Kunst ist niemals realistisch! Auch nicht die atemberaubenden Gemälde der 17 amerikanischen Künstler, die derzeit in der Deutschen Guggenheim Berlin zu sehen sind. In vier Ausstellungsräumen werden noch bis zum 10. Mai insgesamt 32 super-/hyper-/ bzw. fotorealistische Kunstwerke gezeigt, die allesamt in den Jahren 1967 bis 1982 enstanden. Auch wenn inzwischen mehr als 25 Jahre seit der Entstehung vergangen sind; das Begriffschaos der Kunsthistoriker und Kritiker bleibt. Die Gemälde wurden logischerweise nach den Motiven sortiert: Stadt, Konsum, Alltagsleben. In einer Ecke hängen Lithografien aus einer Mappe, die 1972 für die documenta 5 von mehreren Künstlern zusammengestellt wurde. Dass die Arbeit nach realen Fotografien eine der wenigen Gemeinsamkeiten aller Maler ist, erfährt der Besucher zwar, doch wie die einzelnen Künstler diese Fotos genau auf die Leinwand gebannt haben, ist höchst unterschiedlich. Auch die Auswahl der Motive (leere Straßen, möglichst viele Spiegelungen und Szenen, so alltäglich wie möglich) lässt darauf schliessen, dass da nicht einfach nur Wirklichkeit nachgebildet, vielmehr eine eigene “Überwirklichkeit” inszeniert wurde. Doch bei allen offenen Fragen, überwiegt die Begeisterung und das Staunen, endlich so viele erstklassige Beispiele einer oft verpönten Kunstrichtung zu sehen!

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Hightech und Harmonie: Das Science Center Medizintechnik in Berlin

Montag, 6. April 2009 10:59

Ein neues Berliner Architektur-Highlight, ganz in der Nähe des trostlosen Leipziger Platzes steht kurz vor der Vollendung. Im Juni 2009 öffnet die Otto Bock Healthcare GmbH in der Ebertstraße 15a ihr Science Center Medizintechnik. Das von dem Büro Gnädinger Architekten entworfene Haus wird neben Seminarräumen auch eine für die Öffentlichkeit zugängliche Ausstellung beherbergen, in welcher das 1914 gegründete Unternehmen neueste Entwicklungen aus der Medizintechnik zeigen will. Dass die äußere Hülle des Gebäudes an natürliche Formen erinnert, ist kein Zufall: Die unregelmäßigen Bänder sind der Struktur von Muskelfasern nachempfunden. Harmonie von Technik und Mensch als Motto für die Architektur - passend zu einem Unternehmen, das neben Rollstühlen auch Orthesen und Prothesen herstellt. Doch egal, wie man das Gebäude auch deutet - nach den einfallslosen Hochhäusern am Potsdamer Platz und der 08/15-Rasterarchitektur auf dem Leipziger Platz endlich ein Hingucker in Berlins Mitte!

Otto Bock Science Center Berlin Gnädinger Architekten
Otto Bock Science Center April 2009 Berlin
Otto Bock Health Care Ebertstraße Berlin

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