Thomas Bernhard: Holzfällen. Eine Erregung

Da sitzt einer den ganzen Abend während eines späten Essens unter lauter interessanten Menschen und schimpft leise vor sich hin. Erst im Ohrensessel lauernd, aus einer dunklen Zimmerecke und dann mit am Esstisch (es gibt Fogosch) beobachtet er die anderen Gäste, be- und verurteilt sie. Dabei ist er selbst einer von ihnen; der Ich-Erzähler ist Schriftsteller und durch Zufall in diese Gruppe alter Freunde geraten. 20 Jahre wollte er mit ihnen nichts zu tun haben. Es ist der Tag des Begräbnisses der gemeinsamen Freundin Joana, die sich in der Provinz umgebracht hatte. Das Abendessen, ein „künstlerisches Abendessen“, war schon lange als Empfang für den Hauptdarsteller von Ibsens Theaterstück „Die Wildente“ geplant. Und die Gastgeber, vom Ich-Erzähler nur „der“ und „die Auersberger“ genannt, warten mit dem ersten Gang auf das Erscheinen des Burgtheater-Schauspielers bis weit nach Mitternacht. Zeit genug also für den Erzähler, über Theater, Literatur, den Wiener Kunstbetrieb und Österreich allgemein nachzugrübeln und herzuziehen. Stück für Stück jedoch enthüllt er auch seine eigene Geschichte, in welchen Verhältnissen er zu den Gastgebern und anderen Gästen stand. Dabei blickt er auch selbstkritisch auf das eigene Leben.
Wer Texte von Thomas Bernhard kennt, weiß um den ganz besonderen Stil des Österreichers. Mit seitenlangen Schachtelsätzen und sehr häufigen Wortwiederholungen („dachte ich im Ohrensessel“) zieht er die Leser immer tiefer hinein in seine Gehirnwindungen. Lässt man sich darauf ein, kann man schnell zum Bernhard-Süchtigen werden.
Die bitterbösen, sarkastischen Kommentare (ein einarmiger Maler ist z.B. ein „Naturziselierer mit dem feinen Strich“) und der gleichzeitige klare Blick auf Charaktere, Beziehungen machen „Holzfällen“ zu einem modernen Klassiker, dachte ich im Ohrensessel.

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