Kazuo Ishiguro: Der begrabene Riese

Dieser Roman beginnt ganz gemächlich. Ein altes Paar entschließt sich, den seit langem vermissten Sohn zu suchen. Beatrice und Axl, so heißen die beiden, machen sich also zu Fuß auf den Weg. Nach klassischem Muster (siehe Homers „Odyssee“) folgt dann doch schnell ein Abenteuer dem nächsten und nach nur wenigen Tagen sind die beiden gleich reihenweise Kriegern, Mönchen, Dämonen, Menschenfressern und Kobolden begegnet.
Ein – teilweise recht selbstbewusster – Erzähler berichtet von Begebenheiten in einem (alternativen) Britannien des 5. Jahrhunderts – in dieser Zeit spielt der gesamte Roman. Die fantastischen Elemente passen gut zur Abenteuergeschichte, womit auch der besondere Stilmix (History, Fantasy, Adventure) umrissen wäre. Doch dem vielseitig begabten englischen Autor Kazuo Ishiguro (siehe z.B. seine Kurzgeschichten „Nocturnes“ hier) gelingt es, diesen gängigen Gattungen weitere Dimensionen hinzuzufügen. Die vielen Abenteuer, auch der Nebenfiguren, drehen sich um ganz elementare und allzeit gültige Fragen der Menschheit:
1. Erinnern und Vergessen: In der Geschichte lähmt der Atem eines weiblichen Drachens (Drachin!) das Erinnerungsvermögen der Menschen. Die Drachin soll getötet werden. Doch was, wenn sich ehemalige Feinde an die inzwischen vergessenen Gräueltaten erinnern und sich dafür nun rächen wollen? Was ist der richtige Umgang mit Erinnerungen?
2. Leben und Tod: In einer unwirtlichen Welt kann ein Fehltritt im Wald oder eine heute einfach zu behandelnde Infektion den Tod bedeuten. Muss man erst dem Tod von der Schippe gesprungen sein, um von der Kostbarkeit des Lebens überzeugt zu sein? Oder ein anderer Aspekt: Wie ergeht es dem Partner, der von seiner langjährigen Partnerin allein im Leben zurückgelassen wird? (Die Episoden um den Fährmann Tod, der Paare hinterlistig trennt, sind besonders traurig und erschütternd.)
3. Gut und Böse: So einfach ist das nicht. Zwar folgen wir mit Beatrice und Axl eindeutig den Helden der Geschichte, doch auch sie begangen Fehltritte (die sie nur vergessen haben). Was den Roman aber zu etwas Besonderem macht, sind die etlichen falschen Fährten, auf die er uns Leser schickt. Immer wieder sehen wir Personen in einem anderen Licht. Ein zuerst an Don Quijote erinnernder Ritter ist z.B. gar nicht weltfremd und handlungsunfähig, sondern folgt erfolgreich einer wichtigen Mission. Alle Figuren sind ambivalent und in ihren Gedanken und Handlungen nie eindeutig gut oder böse – selbst die Drachin wurde verzaubert, böse zu sein. Gekonnt setzt Ishiguro erzähltechnische Tricks wie wechselnde Perspektiven, Zeit- und Ortswechsel ein, um die Spannung bis zum Ende aufrecht zu erhalten.
An diesen kurzen Notizen wird hoffentlich deutlich, dass „Der begrabene Riese“ ein ganz ungewöhnlicher Roman mit philosophischem Tiefgang ist, den ich auch Nicht-Fantasy-Lesern sehr empfehlen kann. Wer möchte, kann sogar Bezüge zur Gegenwart herstellen. Nur ein Beispiel zum Schluss: Ein Herrscher, der die Drachin als Kriegswaffe einsetzen möchte, kann sie aber nicht beherrschen…

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