Vladimir Sorokin: Telluria

Sorokin TelluriaMan könnte Vladimir Sorokins neues Buch als Science Fiction, als spinnerte Phantastik abtun. Aber der von einem achtköpfigen Übersetzerkollektiv ins Deutsche übertragene Roman, gut 400 Seiten und 50 Kapitel lang, ist viel mehr als das: „Telluria“ ist eine Dystopie, eine böse, düstere Satire und vor allem eine mit etlichen Zitaten und Anspielungen gespickte Gesellschaftskritik.
Die Handlung lässt sich nicht leicht nacherzählen: Die 50 unterschiedlich langen Kapitel sind kleine und große Mosaiksteine, die Europa – West und Ost – nach einem großen Krieg in nicht allzu ferner Zukunft zeigen. Dabei sind es immer andere Textarten, die sich mal aufeinander beziehen (z.B. durch Perspektivwechsel) und viel häufiger im Gegensatz zu den Nachbarkapiteln stehen: Berichte, Märchen, Briefe, Manifeste, Träume, Dialoge, Notizen, Legenden, Monologe…
Die neue Weltordnung wird bestimmt vom seltenen chemischen Element Tellur. In den 2020er Jahren entdeckt man dessen extreme halluzinogene und süchtig machende Wirkung. Nur geübte Zimmermänner beherrschen das Verabreichen der Droge mit dem (natürlich nicht ganz ungefährlichen) Einschlagen eines Tellurnagels in den Schädel. In einigen Kapiteln liest man von den Wirkungen der Droge auf Mensch und Gesellschaft, von den Visionen, die sie hervorruft und schließlich auch vom extremen Reichtum des neuen Staats Telluria. Doch dieser Drogenalptraum allein ist Sorokin nicht genug. Seine Zukunft ist geprägt von heftigen Religionskriegen, von denen sich das in neue Reiche und Staaten zerfallene Europa noch nicht wieder erholt hat. (Anders als in Michel Houellebecqs „Unterwerfung“ gab es hier keinen schleichenden, von der Gesellschaft akzeptierten Religionswandel.)
Dazu kommen die für Sorokin typischen phantastischen Elemente und Figuren, wie Riesen, Zwerge oder Zoomorphe (genetisch erzeugte Mensch-Tier-Mischwesen), deren Existenz vielleicht doch gar nicht mehr so fern ist. Auch die technischen Geräte, deren Formen wandelbar sind und die lebensechte Hologramme erzeugen, scheinen nicht ganz unrealistisch.
Der Roman ist, wie schon „Der Schneesturm“, durchtränkt mit russischer Kultur und Geschichte vom 19. Jahrhundert bis in unsere Gegenwart. So fühlt man sich einmal in einen sowjetischen Märchenfilm versetzt und dann tauchen an anderer Stelle Stalin, Gorbatschow, Putin als in Stein gehauene große Helden auf. Jedes einzelne Kapitel ist in Sprache und Inhalt voller offener und versteckter Verweise. Auch wenn man sie nicht alle sofort erkennt, tut dies der Faszination an dem Roman kein Abbruch. Im Gegenteil: „Telluria“ ist ein Buch, was einen noch lange beschäftigt.

Vladimir Sorokin: „Telluria“. Roman. Aus dem Russischen vom Kollektiv Hammer und Nagel. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2015, gebunden, 22,99 €

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.