José Saramago: Handbuch der Malerei und Kalligraphie

SaramagoH. ist Maler und verdient seinen Lebensunterhalt seit einigen Jahren mit Porträtaufträgen. Als er den Vorstandsvorsitzenden eines großen Unternehmens malt – das Bild soll in der Poträtgalerie der Firma eingereiht werden – zweifelt H. mehr und mehr an seinem Schaffen und beginnt, in schriftlichen Aufzeichnungen über sich, sein Leben und seine Kunst zu reflektieren. Neben vielen, zum Teil sehr philosophischen und theoretischen Überlegungen erfahren wir Schritt für Schritt mehr über H.s Leben, seine Freunde, seine komplizerte Beziehung zu Adelina.
In den fünf, von ihm so genanntenen „autobiographischen Übungen“ in Form von Reiseberichten, die als kurze Kapitel in die Chronologie eingeschoben werden, schreibt H. kenntnisreich von kunsthistorischen Reisen nach Italien. Was als Krise in der Malerei begann, wird aufgrund des „Seitenwechsels“ zur Literatur nun eine Krisenbewältigung. Es kommt zum Stilwechsel innerhalb H.s Malerei, was den Auftraggebern eines Doppelporträts gar nicht gefällt. Sie weisen das Bild zurück und H. ist sich nun sicher, so wie bisher nicht mehr weitermachen zu können. (Schon allein aufgrund des nun folgenden schlechten Rufs unter möglichen neuen Kunden.)
Als Leser wird man nicht nur in die intensiven aber sehr stimmigen Gedanken eines Künstlers in der Krise hineingezogen, man kommt H. als Person zudem unglaublich nah – auch weil er anfangs so wenig von sich preis gibt.
Schließlich – und das ist die dritte Ebene – treten Leben und Alltag in Portugal während der Jahre der Diktatur mehr und mehr in den Vordergrund, sodass die letzten Seiten nicht nur immer spannender werden (ein Freund H.s wurde verhaftet), sondern auch gut zu den Gedanken über Malerei und Literatur passen: Wie können Künstler in Diktaturen überleben?
Der Titel von Saramagos Buch aus dem Jahr 1983 ist zwar anfangs irreführend, doch ist es ganz sicher ein inzwischen klassischer, zeitloser Künstlerroman.

1 Kommentar

  1. Das Handbuch der Malerei und Kalligraphie ist sehr lesenswert und nur zu empfehlen.
    Zusätzlich kann ich das Buch „Der Stuhl und andere Dinge“ empfehlen.
    Diese Sammlung von Kurzgeschichten ist literarisch anspruchsvoll und regt zum Denken an. Jede Geschichte hat ihren eigenen Charakter, manchmal verwirrend aber immer erhellend und unvergesslich.

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