Klaus Wagenbach: Kafkas Prag. Ein Reiselesebuch

Wagenbach Kafka
Nur selten verließ Franz Kafka in seinem kurzen Leben die Heimatstadt Prag. 1991 veröffentlichte der Verleger und Kafka-Kenner Klaus Wagenbach (laut Selbsteinschätzung die „dienstälteste aller Kafka-Witwen“) dieses kleine, sehr feine Reiselesebuch, mit dem man eine ordinäre Prag-Reise schnell zur Kafka-Experten-Tour aufwerten kann.
Beinahe alle Stationen von Kafkas Leben – Familie, Kindheit, Schule, Studium, Arbeit – finden sich zentral in der Prager Altstadt; die Gebäude sind zwar mal mehr, mal weniger umgebaut, stehen aber noch. So ist das Buch chronologisch gegliedert nach den Häusern, anhand von Karten und historischen Fotos kann man diese leicht identifizieren. Es geht weiter mit Kafkas Berufsweg; wann arbeitete er wo. Schließlich werden drei längere Lieblingsspaziergänge Kafkas und weitere beliebte Orte wie Bibliotheken oder Cafés erläutert.
Belegt mit vielen Zitaten aus nicht-literarischen Texten (z.B. die Unfallverhütungsmaßregeln bei Holzhobelmaschinen), wunderbaren Anekdoten und zwischendurch ergänzt um Stellen aus den Erzählungen, erlebt man Kafkas Alltag hautnah mit (erst Büro, nach einem Schläfchen die langen Spaziergänge und in der Nacht dann das Schreiben). Ich kann nicht sagen, woran es liegt, aber Kafka wird einem plötzlich sehr sympathisch. (Nach Lektüre seiner Erzählungen und Romane hätte ich das wohl eher nicht gesagt.) Einige seiner Texte sehe ich jetzt mit etwas anderen Augen und zum Glück gibt es von Wagenbach und zuletzt auch Reiner Stach noch jede Menge Nachschub an Kafka-Material.

PS: Das Buch mit allen Inhalten und Verknüpfungen zu den heute existierenden Gebäuden würden ein tolle App ergeben!

 

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