Vladimir Sorokin: Der Schneesturm

Sorokin
Russland im Winter: Zugeschneite Landschaften so weit das Auge reicht. Die vom Kachelofen aufgeheizte, gemütliche Stube – ein Laib Brot liegt neben Samowar und Konfitüre auf dem Tisch – möchte da natürlich niemand freiwillig verlassen. Erst recht nicht, wenn ein schwerer Schneesturm im Anzug ist.
Vladimir Sorokin skizziert in seinem kurzen Roman gleich zu Beginn Bilder und Motive, wie man sie aus den russischen Klassikern des 19. Jahrhunderts oder Märchenfilmen kennt, um sie dann Stück für Stück mit Hightech- und phantastischen Elementen auseinanderzuspalten. Statt in der guten alten Zeit befinden wir uns, ohne dass wir es sofort merken, in einer äußerst bedrohlichen Zukunft oder Gegenwelt.
Landarzt Garin wurde zu einem Impfeinsatz (gegen die aus Bolivien eingeschleppte Pest, die Menschen in Zombies verwandelt) gerufen und muss bei der Fahrt auf die Hilfe des Brotkutschers Kosma zurückgreifen. Zusammen machen sie sich auf den abenteuerlichen Weg durch den Schnee, gezogen wird ihr Schlitten von 50 sympathischen Kleinpferden. Immer wieder kommen sie vom Weg ab, verirren sich, und müssen den Schlitten reparieren. Ein kleiner Müller oder ein toter, festgefrorener Riese tauchen auf, durch Träume erfährt man mehr aus dem Leben der beiden (Anti-)Helden. Schließlich streiten und prügeln sie sich auch mal, kommen sie sich dann wieder näher.
Zu den eindringlichsten Szenen gehören jedoch die intensiven Visionen, in denen Traum und Wirklichkeit ineinander verschwimmen und auch der Text langsam aber stetig zum Alptraum wird. Nach dem Konsum einer teuren Droge erlebt Garin zum Beispiel die Marter (Johannes des Evangelisten?) in einem kochenden Ölkessel.
So gibt es in dem Buch noch viele Anspielungen und Allegorien, geht es weit über reine Phantastik hinaus. Nach den älteren Jahrgängen Zypkin und Gasdanow nun ein weiterer sehr empfehlenswerter, aber zeitgenössischer russischer Autor!

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