Thomas Bernhard: Alte Meister

Thomas Bernhard
Thomas Bernhards Romane sind harte Brocken. Doch sollte man sich nicht täuschen lassen; was auf den ersten Blick wie eine sich stets wiederholende Hasstirade gegen alles und jeden scheint, ist in Wahrheit fein komponierte Sprachkunst, der eine tief melancholische Weltsicht zugrunde liegt. So auch in „Alte Meister“ aus dem Jahr 1985:
In diesem Dreipersonenstück erläutert der 83-jährige Reger seinem Bekannten Atzbacher, der am Anfang des Romans der Ich-Erzähler ist, im (real nicht existenten) Bordone-Saal des Wiener Kunsthistorischen Museums seine durch und durch pessimistische Philosophie. Am Rand der Erzählungen tritt hin und wieder nur der als naiv geschilderte Museumswärter Irrsigler auf. In langen Sätzen, lediglich unterbrochen durch die berühmten Einschübe wie: „sagte Reger“ oder am Romanende: „schreibt Atzbacher“, ohne Gliederungen durch Kapitel oder Absätze kreist Reger seine großen Themen Musik, Philosophie, Politik und Kunst ein, zerpflückt dabei namhafte Vertreter wie Beethoven oder Stifter, rechnet mit ihnen rigoros ab. Die Art und Weise der Angriffe ist legendär: Der Erzähler kreist das Thema ein, nähert sich ihm aus unterschiedlichen Perspektiven. Dann greift er es direkt an, wobei wichtige Textstellen kursiv gekennzeichnet sind. Danach entfernt er sich etwas, um Anlauf zu nehmen und den gesamten Sachverhalt gebündelt in einer pointierten Wiederholung endgültig zu erledigen.
Da der Roman zum großen Teil in einem Museum spielt, bekommen die Künstler, die Besucher, die Kunsthistoriker ordentlich eins auf die Mütze. An dieser Stelle nur ein großartiges Zitat: „Die Leute begehen in den Museen ja immer den Fehler, daß sie sich zuviel vornehmen, daß sie alles sehen wollen, so gehen sie und gehen sie und schauen und schauen und brechen dann plötzlich, weil sie sich an Kunst überfressen haben, zusammen.“
Doch bei all dem Hass auf den Kunstbetrieb und seine Akteure ist es trotzdem die Kunst selbst, vor allem ein Tintoretto-Gemälde, die Reger Halt gibt und Lebenssinn spendet. Nach und nach erfährt man vom tragischen Tod seiner Frau, der seinen Pessimismus nur verstärkt hat. Und wenn Reger Atzbacher am Ende des Romans mit ins Burgtheater nimmt, so schöpft er aus seiner Ablehnung doch auch neue Kraft: „Die Vorstellung war entsetzlich.“

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