Gaito Gasdanow: Das Phantom des Alexander Wolf

Gaito Gasdanow
Als im letzten Jahr die erste deutsche Übersetzung von Gaito Gasdanows (1903-1971) Roman „Das Phantom des Alexander Wolf“ erschien, waren die hiesigen Literaturkritiker ganz aus dem Häuschen. Meisterwerk, Klassiker, Nabokov ebenbürtig, der Kultur-Spiegel schrieb gar „Roman, der das Zeug hat, Ihr Leben zu verändern“. Und (spätestens) dann hätte man stutzig werden müssen. Sicher, „Das Phantom…“ ist ein gutes und teilweise spannendes Buch. Mein Leben wird es aber schon deswegen nicht ändern, weil ich die zweifelhaften, (pseudo-)philosophischen Selbsterkenntnis-Passagen schnell wieder vergessen habe. (Warum läuft unser Leben genau so und nicht anders? Warum sind wir so, wie wir sind?)
Der Romanbeginn dagegen ist wirklich originell: Der Erzähler erinnert sich an einen in der Jugend begangenen Mord, der ihn seitdem nicht mehr loslässt. Als er (1. Zufall) eine Kurzgeschichte aus der Perspektive seines Opfers liest, mit Details die nur diese Person kennen kann, begibt er sich auf die Suche nach dem Autor. In einer Kneipe lernt er (2. Zufall) einen Freund des Gesuchten kennen und schließlich (3. Zufall) dessen Ex-Geliebte. Dass es sich um die Verflossene des Phantoms Alexander Wolf handelt, wird schnell offensichtlich (nur nicht für den Erzähler selbst). Ihr Ex-Mann hatte einen sehr düsteren Einfluss auf sie (natürlich ausgelöst durch das Duell) – allein aus Gründen der Romankonstruktion kann der Ex-Mann nur das Phantom sein.
Kurz: Statt Weltliteratur haben wir es hier mit einem klassischen, manchmal arg konstruierten Thriller (inkl. Boxkämpfe und Kleinkriminalität) zu tun. Gepaart wird das alles mit langen, handlungsarmen Überlegungen über den Lauf des Lebens, Zufälle und Vorherbestimmung. Seit Pascal Merciers „Nachtzug nach Lissabon“ ist mein Bedarf an solchen Passagen allerdings gedeckt.
Das interessante Nachwort über die russische Exilliteratur reißt das Ruder dann leider auch nicht mehr herum. Wer auf der Suche nach einem echten, lang vergessenen Meisterwerk der modernen russischen Literatur ist, dem empfehle ich dringend Leonid Zypkins „Ein Sommer in Baden Baden“!

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