Leonid Zypkin: Ein Sommer in Baden Baden

Leonid Zypkin
Im Zug von Moskau nach Leningrad sitzend, das Tagebuch von Anna Dostojewskaja in den Händen haltend, vertieft sich der Erzähler in Zypkins kurzem Roman „Ein Sommer in Baden Baden“ immer wieder in das Leben Fjodor Dostojewskis. Dramatische Episoden einer Reise des Paares, eigentlich einer Flucht vor Gläubigern, nach Dresden und Baden Baden im Jahr 1867 stehen im Mittelpunkt. Doch Assoziationen und Erinnerungen ziehen uns (ohne Punkt und Absatz) wie in einem Sog hinab in die Gedankenwelt des getriebenen und eifersüchtigen Dostojewski. Seine 25 Jahre jüngere Frau Anna, die nicht nur seine Romane („Der Spieler“) stenografiert, sondern mit ihren Ersparnissen seine Spielsucht finanziert, erträgt die Verletzungen des Cholerikers standhaft – schließlich liebt sie ihn trotz allem.
Wie Zypkin die unterschiedlichen Ebenen (Dostojewskis Leben und Werk, die Erlebnisse des Erzählers) miteinander verknüpft und verwebt, ist meisterhaft (und anspruchsvoll). Einmal in den Strudel geraten, gelangt man so schnell nicht wieder hinaus (und nach Lesepausen eben auch nicht so schnell hinein). Dazu kommen originelle, intensive Bilder: Die Beziehung ist z.B. wie ein Schiff im Sturm, Anna klammert sich am Masten fest, um ihren Mann nicht zu verlieren. Genauso spielen Gemälde (Raffaels „Sixtinische Madonna“), Fotografien und Karikaturen eine wichtige Rolle.
Susan Sontag (die eine Wiederveröffentlichung des vergessenen Romans in die Wege geleitet hat) schreibt in ihrem Vorwort ausführlich über den Autor Leonid Zypkin (1926-1982), der sich nach Feierabend jahrelang mit Dostojewski beschäftigte, seinen Roman in der Sowjetunion aber nicht veröffentlichen konnte (geschweige denn selbst je im Ausland war). Wer genau liest, bekommt auch einen realistischen Eindruck von der Sowjetunion, ihrer Geschichte und Gegenwart. Die Belagerung Leningrads und Stalins Judenverfolgungen sind genauso Thema wie etwa Solschenizyns Flucht in den Westen 1974.
Im März erschienen mit „The Bridge over the Neroch“ erstmals Erzählungen Zypkins beim traditionsreichen New Yorker Verlag New Directions.
Vielleicht
Hoffentlich werden sie bald ins Deutsche übersetzt?!

 

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