„Die Erde lacht in Blumen“: David LaChapelles Stillleben in Hannover

„Earth Laughs In Flowers“ – Der etwas eigentümliche Titel der Ausstellung mit neuen Arbeiten des Fotografen David LaChapelle in der kestnergesellschaft ist ein Zitat des Dichters Ralph Waldo Emerson. In dessen Gedicht „Hamatreya“ (1846) wird von die Erde malträtierenden Menschen berichtet, die am Ende doch in ihr begraben werden. Die Erde antwortet auf das selbstsüchtige und letztlich unnütze Streben der Menschheit mit Blumen. Und da es in der Geschichte der Kunst die Blumenstillleben sind, die Vergänglichkeit am allerschönsten zeigen, hat David LaChapelle mit dem Emerson-Zitat einen sehr passenden Titel für seine allerneueste Werkgruppe gefunden.
LaChapelle ist vor allem bekannt für seine extrem bunten und durchgeknallten Porträts von Paris Hilton, Lady Gaga, Amanda Lepore und Co. Neben Film, Pop und Porno bedient er sich auch immer wieder bei  der klassischen Kunstgeschichte. In Hannover sind außer den neuen Blumenstillleben auch Fotos der Serie „Jesus Is My Homeboy“ (2003) zu sehen, in denen er den Sohn Gottes in amerikanischen Ghettos von heute auftreten lässt.
Die zehn weltweit zum ersten Mal ausgestellten, fast zwei Meter hohen Stillleben sind von einer so überwältigenden, üppigen Schönheit, dass einem der Atem stockt. Die Art ihrer Präsentation – die Fotos hängen in Nischen in einem ansonsten leeren, weißen Raum – unterstreicht die Präsenz der Kunstwerke zusätzlich. LaChapelle hat sich barocke Blumenbilder ganz genau angeguckt und die Tricks der alten Meister (Lichtregie, Farbeinsatz, Oberflächenstrukturen) clever umgesetzt. Und doch sind seine Bilder keine Kopien, denn neben klassischen Vanitas-Symbolen (Kerze, Schädel, Insekten) finden sich etliche Gegenstände, die auf Besonderheiten und Ereignisse unserer Zeit anspielen: Spielzeug, Medikamente, Sextoys, Hostien aus dem Supermarkt, Würstchen aus der Dose usw. usf.  Auf jedem der unsichtbar digital manipulierten Fotos lassen die Dinge auf ein großes Beziehungs- und Bedeutungsgeflecht schließen.
Die ergänzend in einem extra Raum gezeigten Gemälde aus dem 17. und 19. Jahrhundert sind nicht nötig, um LaChapelle zu verstehen. Seine Fotos wirken auf mehreren Ebenen, auch wer sich in der Kunstgeschichte nicht auskennt, kann sie sinnlich erfahren.
Der im Distanz Verlag erschienene Katalog gibt den Fotos dank des sehr großen Formats viel Platz, die querformatigen Werke der Jesus-Serie liegen so glücklicherweise nicht im Buchfalz. Neben LaChapelle ist in der kestnergesellschaft bis zum 8. Mai 2011 die Ausstellung „The Shadows Took Shape“ von Julian Göthe zu sehen. Mein Tipp: Erst die schwarzweissen Objekte, Zeichnungen, Collagen von Göthe anschauen und sich danach an „Earth Laughs In Flowers“ berauschen.

1 Kommentar

  1. auf dem bild >intervention (aus der serie „is my homeboy“)< ist der sohn gottes die person ganz rechts im bild, verkleidet als polizist. Ein weiterer polizist erscheint verkleidet als jesus.

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